Allgemeines
Titel: Und alle so still
Autorin: Mareike Fallwickl
Verlag:
Rowohlt (16. April 2024)
Genre: Feministischer Roman
Seitenzahl: 356
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Inhalt
Bewertung
Spätestens seit "Die Wut, die bleibt" bin ich ein bekennender Mareike-Fallwickl-Fan! Ich habe selten eine so präzise Darstellung von feministischen Positionen, der Care-Krise und Auswirkungen des Patriarchats gelesen wie in ihren Romanen. In "Und alle so still" zieht sie nun die Konsequenz aus den zuvor angeprangerten Problemen und schreibt davon, was passieren würde, wenn alle Frauen von heute auf morgen ihre Arbeit niederlegen... Das Ergebnis ist ein herausfordernder, schmerzhafter, intensiver Roman, der wachrüttelt!
Ausgangspunkt der Geschichte ist ein ebenso simples wie radikales Gedankenexperiment: Frauen legen ihre Arbeit nieder. Sie liegen reglos auf den Straßen und verweigern jede Form der Care-Arbeit, auf der unsere Gesellschaft selbstverständlich aufbaut. Dass ein weltweiter Care-Streik innerhalb kürzester Zeit zu dramatischen Zuständen führen würde, erscheint mir dabei keineswegs unrealistisch. Die eigentliche Fantasie dieses Romans besteht vielmehr darin, dass tatsächlich alle Frauen mitmachen würden und ihre Arbeit konsequent bestreiken. Ich bin mir sicher, dass das in der Realität niemals passieren würde. Gerade deshalb bewegt sich der Roman für mich irgendwo zwischen Dystopie und Utopie. Er überzeichnet bewusst, um sichtbar zu machen, wie sehr unsere Gesellschaft von weiblicher Arbeit abhängt und wie wenig diese wertgeschätzt wird, gleichzeitig hebt er auch die Macht von Frauen hervor. Was wir erreichen könnten, wenn wir uns tatsächlich solidarisch zusammenschließen. Immerhin baut das gesamte System auf uns und wir machen mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung aus. Besonders eindrücklich ist für mich die Geschwindigkeit, mit der im Roman zu Gewalt gegriffen wird, um den friedlichen Protest der Frauen zu brechen. Das spricht Bände davon, wie groß die Angst vor weiblicher Solidarität offenbar ist. So schwankte ich beim Lesen ständig zwischen den Gedanken "Uff, das ist ganz schön radikal" und "Eigentlich ist es noch gar nicht radikal genug".
Neben der ungleichen Verteilung von Care-Arbeit, sexualisierter Gewalt und Unterdrückung, ist in "Und alle so still" außerdem Platz für weitere Themen. So prangert Mareike Fallwickl auf den 356 Seiten außerdem die Überlastung des Gesundheitswesens, prekäre Arbeitsbedingungen in Gastronomie, Lieferdiensten, Fabriken oder Reinigungsberufen sowie die systematische Unsichtbarkeit von migrantischer Arbeit im Niedriglohnsektor an. Um all diese Themen zum Leben zu erwecken und wirkungsvoll in Szene zu setzen, hat sich die Autorin drei Erzählperspektiven ausgesucht: die junge Influencerin Elin, die mittelalte Krankenpflegerin Ruth und der eingewanderte Nuri. Damit deckt sie nicht nur unterschiedliche Generationen, soziale Schichten und Lebensrealitäten ab, sondern auch die männliche und weibliche Perspektive. Anfangs war ich irritiert, dass Mareike Fallwickl mit Nuri auch einen männlichen Protagonisten gewählt hat. Doch je weiter die Geschichte fortschritt, desto überzeugender fand ich diese Entscheidung. So kann sie zum Einen zeigen, dass nicht nur Frauen vom spätkapitalistischen Patriarchat unterdrückt werden, sondern ebenso die meisten sozial benachteiligten Männer unter den Auswirkungen leiden. Und zum Anderen, dass es eben diese zwei Seiten nicht geben muss, wenn Solidarität und Empathie handlungsleitend wären.
Abwechselnd aus der Sicht der drei erzählt sie, wie sich die Lage immer weiter zuspitzt. Gut gefallen hat mir, dass sich die drei Hauptfiguren schon relativ früh begegnen und wir dadurch die Ereignisse aus sehr unterschiedlichen Blickwinkeln erleben können. Während mir Ruth und Nuri schnell sehr nahe gegangen sind, weil beide unglaublich lebendig und authentisch wirkten, hatte ich mit Elin stellenweise Schwierigkeiten sie als Figur zu greifen. Teilweise wirkte sie auf mich mehr wie ein Vehikel, um ihre Themen zu positionieren und die Handlung zusammenzuhalten, als wie eine stimmige Figur. Wer "Die Wut, die bleibt" gelesen hat, wird sich außerdem über kurze Auftritte einiger bekannter Figuren freuen. Ich würde deshalb unbedingt empfehlen, diesen Roman zuerst zu lesen, auch wenn "Und alle so still" grundsätzlich eigenständig funktioniert. Besonders spannend fand ich außerdem die Einschübe zwischen den Kapiteln: Aus der Sicht einer Pistole, einer Gebärmutter und aus der Sicht der Berichterstattung werden Hintergrundinformationen gegeben, die Erwartungen der LeserInnen gelenkt, geschickt Geschehnisse vorweggenommen und zusätzliche Spannung aufgebaut.
Neben seiner politischen-inhaltlichen Ebene funktioniert "Und alle so still" nicht zuletzt aufgrund der erzählerischen Wucht auch als Roman hervorragen. Mareike Fallwickls Sprache ist literarisch, hart und manchmal schonungslos derb. Sie verzichtet weitgehend auf lange Dialoge oder ausführliche Gefühlsbeschreibungen. Stattdessen entfaltet allein die präzise Schilderung dessen, was geschieht, eine enorme Wucht. Nicht nur einmal hatte ich beim Lesen Tränen der Rührung, der Wut, oder des Mitgefühls in den Augen. Nicht nur einmal musste ich das Buch kurz aus der Hand legen. Nicht nur einmal war ich erschreckt und inspiriert zugleich. Die Autorin hat mit diesem Roman den Finger tief in die Wunde gelegt, realistische Probleme aufgezeigt, Missstände überspitzt angeprangert. So ist es ein (gewollt) anstrengendes Buch, das nach dem Lesen noch lange nachhallt.
Kommen wir am Ende noch zu meinen beiden Kritikpunkten, die jedoch gleichzeitig auch Stärken des Romans sind. Zunächst ist mir wie vielen LeserInnen aufgefallen, dass die Autorin ihr Buch bewusst abstoßend beginnt. Die ersten Kapitel sind geprägt von kalten, harten und teilweise geradezu widerlichen Beschreibungen, an denen man sich als Leserin regelrecht reibt. Anfangs haben mich diese Szenen irritiert, rückblickend erscheinen sie mir jedoch unverzichtbar, da die Geschichte diese Härte braucht, um sie im weiteren Verlauf Stück für Stück aufzubrechen und ihr etwas entgegenzusetzen: Liebe statt Gewalt, Nähe statt Entfremdung, Ehrlichkeit statt Schweigen und Respekt statt Macht. Nur mit diesem verstörenden Anfang kann das leise Ende seine Wirkung entfalten.
Denn dieses ist leider deutlich weniger kathartisch als erhofft. Zwar entwickeln sich sowohl die Figuren als auch ihre Beziehungen spürbar weiter, und ganz ohne Hoffnungsschimmer entlässt Fallwickl ihre LeserInnen natürlich nicht. Trotzdem hatte ich das Gefühl, dass das Buch nach all der Wut, der Gewalt und dem Chaos ein wenig zu früh endet. Auch wenn man die Entwicklung sieht und sich die Tendenz abzeichnet, wie etwas Neues entstehen könnte, lässt uns die Autorin am Ende doch mit dem Chaos alleine, das sie angestiftet hat. Auf der anderen Seite: Was wären denn passendere Emotionen als ein wenig Trostlosigkeit, eine guten Portion Wut und eine gewissen Machtlosigkeit gemischt mit einer vagen Hoffnung, um dieses Buch zu beschließen...?
Liebe Sophia, eine tolle Rezension von Dir zu einem interessantem Buch mit einem superwichtigen Thema zwischen Utopie und Dystopie angesiedelt. Es müsste eigentlich jede Frau und vor allem auch jeden Mann wachrütteln ! Was wäre wenn Frauen sich für Care Arbeit und traditionelle Rollenverteilungen verweigern würden , wie es viele junge Frauen heute schon im Ansatz austesten? Ich denke Gewalt würde in unvorstellbarer Weise ausbrechen - in allen Gesellschaftsschichten. Es wird nicht passieren - das ist beunruhigend und auch beruhigend. Ein Gedankenexperiment der Autorin.
AntwortenLöschenLG Angela
Liebe Angela,
Löschenvielen Dank dir! Ich denke auch, dass das Buch mit allen etwas machen wird, die es lesen. Ein interessantes und wichtiges Gedankenexperiment in Literaturform!
Liebe Grüße
SOphia
Liebe Sophia
AntwortenLöschenMir hat das Buch auch ganz gut gefallen, allerdings finde ich es insgesamt zu wenig konsequent erzählt. Gerade, was das Ende anbelangt. Gleichzeitig muss ich ehrlich sagen, dass es in meinen Augen so oder so keine gute Lösung gegeben hätte, das Ende aufzulösen. Das hätte wohl eher ganz offen bleiben oder maximal dramatisch enden müssen.
So ganz überzeugt war ich dann aber doch nicht vom Buch...
Du, ich habe generell noch eine Frage an dich. Ich bin bei dir schon einige Male fündig geworden, möchte dich aber generell noch um ein paar Buchtipps bitten und zwar suche ich leider sehr spezifisch, was es extrem schwierig macht. Falls du aber eine Idee hast, würde ich mich freuen.
Und zwar suche ich:
- Sachbücher
- von Autorinnen
- Thema Feminismus/Gesellschaft/Politik/Rassismus oder ähnlich
- sehr intensiv aufgeschlüsselt, keine oberflächlichen Einführungen
- viel Anspruch
Also ja.....falls du (oder jemand sonst) Ideen hast, nur her damit :-D
Alles Liebe
Livia
Liebe Livia,
Löschenich kann zu 100% nachvollziehen, dass du mit dem Ende nicht zufrieden warst. Ich habe es ja auch als nicht abgeschlossen und inkonsequent kritisiert. Mir ist aber wie dir auch keine bessere Lösung eingefallen, weshalb ich beschlossen habe, deswegen nichts abzuziehen. Es hätte aus meiner Sicht entweder übertrieben positiv (als Eskalation Richtung Kitsch), maximal dramatisch mit einem schockierend-bösen Ende oder ganz offen enden müssen und das hätte ich wohl alles auch nicht besser gefunden als die Lösung, für die sich die Autorin entschieden hat...
Oh wow, das ist ziemlich spezifisch, da muss ich mal kurz überlegen. Mir fallen da spontan folgende Bücher ein:
- Unshame von Louisa Dellert (Patriarchat, Schönheitsnormen)
- I´m Not Kidding von Julia Brandner (Kinder und Reproduktivmedizin)
- Entromantisiert euch! von Beatrice Frasl (Dezentralisierung von Männern)
- Wenn Männer mir die Welt erklären von Rebecca Solnit (feministische Essay-Sammlung)
- Wut und Böse von Ciani-Sophia Hoeder (Female Rage, Gender und Race)
- Lesbisch werden in zehn Schritten von Louise Morel (Feminismus und Heteronormativität)
- Liebe Jorinde oder Warum wir einen neuen Feminismus des Miteinanders brauchen
von Mareike Fallwickl (toller Essay!)
- Nemesis´ Töchter von Tara-Louise Wittwer (Female Rage)
- Unlearn Patriarchy (der Klassiker :))
- Fleischmarkt von Laurie Penny (Frauen im Spätkapitalismus)
- Beklaute Frauen - Die unsichtbaren Heldinnen der Geschichte von Leonie Schöler
- Anführerinnen, Agentinnen, Aktivistinnen - Außergewöhnliche Frauen, die Regeln brachen
von Maria Pettersson
Wenn du weiter stöbern willst, findest du unter meinem Laben Sachbuch: https://w0rdw0rld.blogspot.com/search/label/Ratgeber%2FSachbuch oder unter dem Label Feminismus: https://w0rdw0rld.blogspot.com/search/label/Feminismus noch Empfehlungen :)
Hope that helps - ich freue mich, wenn du vielleicht fündig wirst in der Liste.
Liebe Grüße
Sophia
Liebe Sophia
LöschenGenau so ist es, mir hätte aber ein ganz offenes Ende, bei dem man sich seinen Teil selber denken kann, noch viel besser gefallen, weil es dann wirklich alles möglich und nichts unmöglich gemacht hätte, verstehst du, was ich meine?
Ja, genau auf den Seiten bei dir habe ich schon gestöbert und mir auch schon das eine oder andere Buch herausgeschrieben. In deiner Auflistung sind aber auch noch einige weitere Tipps dabei, vielen lieben Dank dafür!
Ganz liebe Grüsse
Livia
Liebe Livia,
Löschenja ich verstehe total, was du meinst. Ich hatte beim Lesen kurz Angst, dass genau das passieren wird. Dass die Pistole einen Schuss abgibt und das Buch damit endet - ohne dass wir erfahren, was passiert ist. :)
Sehr gerne, ich habe bestimmt auch einige vergessen, aber mehr sind mir auf die Schnelle nicht eingefallen. Außerdem kommen ja laufend neue Bücher dazu, da werden wir uns in Zukunft sicher noch weiter austauschen.
Liebe Grüße
Sophia