Dienstag, 26. September 2017

Kein Wille geschehe


 
Allgemeines:
 
Titel: Kein Wille geschehe
Autor: Guido Kniesel
Verlag: Neuauflage: Edition M (4. Juli 2017) Altauflage:  21. November 2014
Genre: Psychothriller
ISBN-10: 1542046971
ISBN-13: 978-1542046978
ASIN: B0727ZBPZH
Seitenzahl: 318 Seiten
Preis: 4,99€ (Kindle-Edition)
9,99€ (Taschenbuch)
 
 
 
Inhalt:
 
Es ist ein Spiel mit dem Schicksal. Und ein Spiel mit der Angst.
 
»Amor Fati« steht blutverschmiert auf der Stirn von zwei Leichen. Aber was soll das bedeuten? Für den forensischen Psychiater Hendrik Jansen ist das Verbrechen ein Rätsel.
Als plötzlich seine Frau und sein Sohn verschwinden, beginnt er zu ahnen, dass er selbst Teil des Rätsels ist. Eine atemlose Jagd nach einem hasserfüllten Psychopathen beginnt. Jeder Schritt führt Jansen näher zu seinem Feind. Ist es die Rettung seiner Familie oder das Verderben aller? Letztlich hat er keine Wahl. Er wird dem perfiden Plan des Wahnsinnigen folgen. Zumindest, solange sein Herz schlägt …
 
 
 
Bewertung:
 
DISCLAIMER: Zuerst ein großes Dankeschön an den Autor Guido Kniesel, der mir neben seinem Debütroman "Der Proband" auch diesen Roman (signiert!!!) zur Verfügung gestellt hat, dann eine riesige Entschuldigung, dass ich so lange gebraucht habe, um mich diesem Buch anzunehmen!!!
 
Nachdem Guido Kniesel mich schon mit seinem fesselnden Debütroman begeistert hat, schaffte der gebürtige Baden-Württemberger (ha, aus dem Südwesten kommen eben doch die besten Leute ;-)) es auch mit diesem packenden Thriller, mir jede Menge spannender Gänsehautmomente zu bescheren, indem er den Leser in die Abgründe der menschlichen Seele schickt und ihn mit einem authentischen, aus einem philosophischen Grundsatz heraus mordenden Psychopathen konfrontiert, den man teilweise durchaus nachvollziehen kann. Ich habe dieses Buch gestern an einem Nachmittag durchgesuchtet und kann einfach nur mein Lob aussprechen.
 
 

„Dann hörte Emma, wie der fremde Mensch neben ihr auf einmal tief Luft holte. Laut und ungeheuer kraftvoll. So wie jemand, der gleich etwas ganz fürchterlich Anstrengendes zu erledigen hatte. Eine unheimliche Angst stieg in ihr hoch. Und im selben Augenblick, als sie beschloss, nun doch die Augen für einen kurzen Blick zu öffnen, erlosch auf einen Schlag ihr Bewusstsein.“
 
 
Doch zuerst noch ein paar Anmerkungen zum Cover, welches ich überaus gelungen finde. Ich habe noch die alte Auflage (Bild rechts) bekommen, deren Titelbild aber bis auf wenige Details dem der neu überarbeiteten, lektorierten und gestalteten Neuauflage (Bild links) gleicht, die im Juli diesen Jahres herausgekommen ist. Im Mittelpunkt des grau-weiß marmorierten Bildes steht eine dunkle Silhouette, deren Gliedmaße an Bindfäden hängen, die außerhalb des Bildes zusammenlaufen und die Person zu einer Marionette einer nicht gezeigten Instanz machen. Darüber schweben der rote Titel und der Autorenname in Schwarz in geriffelten Großbuchstaben. Das passt natürlich perfekt zu der Mentalität des Täters, der alle Menschen als willenlose Bioautomaten sehen, die nach der Pfeife des Schicksals tanzen, ohne darauf irgendeinen Einfluss nehmen zu können. Dieses Bild setzt also sowohl die Thematik als auch die düstere Grundatmosphäre des Buches sehr gut um und macht Lust, direkt zur Geschichte zu greifen. Die einzelnen Abschnitte des Buches sind mit kurzen Zitaten zum Thema Willensfreiheit abgetrennt, was mir ebenfalls sehr gut gefallen hat. Von verschiedenen Philosophen über das Strafgesetzbuch wird hier alles Mögliche zitiert, sodass sich ein guter Gesamtüberblick zu dem Thema ergibt.
 
 
Erster Satz: "Auf die Idee mit dem Zimmermannshammer kam Nadine Schuster rein zufällig."
 
 
Recht rätselhaft und scheinbar ohne inhaltlichem Belang beginnt die Geschichte mit einem Prolog, der einen Mord an einer Familie durch eine manische Frau im Eifersuchtswahn zeigt. Wie wir später erfahren, ist diese Tat schon sieben Jahre her, hatte aber immense Folgen für den Lauf der Dinge. Im Nachhinein betrachtet ist es also wirklich genial, dass dieser erste Abschnitt "Ursache" heißt, wo doch der Täter unserer Geschichte, den wir schon sehr früh kennenlernen, nach einem wichtigen Grundsatz lebt: "Keine Wirkung ohne Ursache". Ganz nach seinem Motto beginnt er Menschen zu ermorden, auf deren Stirn er "Amor Fati" schmiert und damit seine Liebe zum Schicksal bekundet, ohne an seine eigene persönliche Schuld dabei zu glauben. Doch als der forensische Psychiater Hendrik und seine Familie entführt werden, müssen die Betroffenen bemerken, dass sich hinter den Tötungen mehr verbirgt als nur Wahnsinn - mit einem perfiden Plan will der Mörder endlich Rache üben...
 
So beginnen wir in die Geschichte einzutauchen, die abwechselnd aus der Sicht des labilen Täters, des forensischen Psychiaters Hendrik Jansen, seiner erwachsenen Tochter und ihrem Hacker-Freund, seiner gefangenen Familie, der hilflosen Polizei und einer gequälten, entrückten Frau erzählt wird. Wie all die vielen Handlungsstränge zusammenhängen, die wir präsentiert bekommen, wird dann in einem krassen Showdown aufgelöst.
 
 
"Er war nicht abergläubisch. Absolut nicht. Er war Naturwissenschaftler. Durch und durch. Trotzdem erwischte er sich bei dem absurden Gedanken, dass er eine Vorahnung haben könnte, dass er tatsächlich spüren könnte, dass irgendwo am fernen Horizont ein schreckliches Unwetter aufzog und seine Welt in Dunkelheit tauchen würde."
 

 Der Stil des Buches ist sehr schnörkellos und direkt. In klaren und prägnanten Sätzen werden Dinge direkt beim Namen genannt und nicht lange um den heißen Brei herum geredet. Gefühle und Gedanken erhalten ihren Platz genau wie einige faktische Erläuterungen. Dabei behält der Autor immer die richtige Mischung aus Information und Spannung bei, sodass die vielen philosophischen Beschreibungen plausibel und verständlich den Verlauf des Plots unterstützen, aber die Handlung keineswegs ausbremsen. Daneben werden auch einige psychologischen Diagnosen erstellt, wir bekommen unter anderem auch ein gekürztes Gutachten zu lesen und werden ein wenig in die IT-Welt des Hackens eingeführt. All diese Dinge werden lehrreich und ausführlich dargelegt, ohne dass sie den Lesefluss mindern könnten. So schafft es der Autor leicht, eine düstere und beklemmende Atmosphäre aufzubauen, welche uns wie ein Sog immer tiefer in die Geschichte hineinzieht. Wirklich sehr gut!
 
 
"Wenn ich das schon höre: "Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden"! So eine gequirlte Scheiße. Nichts anderes als Einbildung im präfrontalen Kortex. Verstehst du, Doktor, wenn du das einmal erkannt hast, dann bleibt dir nicht mehr viel. Dann bleibt dir nur noch eine Option...AMOR FATI, dann bleibt dir nur noch, dein von nichts und niemandem gesteuertes, sinnfreies, abgefucktes Schicksal zu akzeptieren."
 
 
"Kein Wille geschehe" - der Titel wird hier Programm. Sind wir alle nur Marionetten in einem vorbestimmten Spiel? Ist freier Wille nur eine Illusion, die uns unser Gehirn vorgaukelt? Diese philosophischen Fragen sind hier ein wichtiger Grundstein - auch wenn sie nicht beantwortet werden, erscheint die Sicht des Täters Richard Aichners durchaus plausibel. Als Opfer einer ungebrochenen Kausalkette sieht er sich und kommt zu dem Schluss, dass es keine Schuld geben kann, wenn man keinen freien Willen hat und es somit egal ist, ob er jemanden tötet oder nicht. Bald wird klar, dass er sich mit dieser Denkweise nur vor den Schmerzen seiner Vergangenheit schützen will. Und obwohl er ein psychisch gestörter und absolut brutal agierender Mensch ist, kann man den Grund für seine Taten mit einer gewissen Distanz durchaus nachvollziehen. Der Täter hat in der Vergangenheit Schreckliches erleben und verarbeiten müssen, ein Ereignis, dass ihn zu einem kaputten Mann mit kranker Seele hat werden lassen. So stellt man sich die Frage, inwiefern jeder Täter gleichzeitig Opfer seines eigenen emotionalen Unterbewusstseins ist.
 
 
"Der Mensch ist nichts anderes als ein Tier mit besonders ausgebildetem präfrontalen Kortex, der ihm ein Bewusstsein ermöglicht. Und das, lieber Doktor, ist der einzige, poplige Unterschied zwischen uns und den Tieren. Das ist alles. mehr nicht. Und deshalb glauben wir, etwas Besonderes zu sein. Wir sind genauso wie alle anderen Lebewesen nur Spielbälle der Natur. Warum sollte wir uns dann für irgendetwas die Schuld geben?"
 
 
Doch ist er wirklich ein kranker Psychopath, der Opfer seines eigenen Wahnsinns geworden ist? Nein, so einfach macht er es uns nicht. Und das ist es, was das Buch gerade so spannend und packend macht: man kennt zwar den Mörder von Anfang an, versteht seine Denkweise, weiß über seine Taten und Teile seines Plans bescheid, und doch schafft er es immer wieder, uns zu täuschen. Selbst der forensische Gutachter Hendrik Jansen, der verzweifelt versucht, sich einen Reim aus der Psyche Richard Aichners zu machen, versteht ihn bis zum Ende auch nur bedingt. Denn was wie willkürlicher Wahnsinn wirkte, ist alles nur Teil eines unfassbar perfiden, genau ausgeklügelten Plan, mit dem Aichner Rache nehmen will, während ihn das Schicksal von jeglicher Schuld freispricht. Und so werden alle Opfer eines Opfers, das selbst zum Täter wird...
 

"Diana heulte hemmungslos. Sie konnte nicht anders, sonst wäre sie an ihren Tränen erstickt. Sie betete zu Gott. Und dann kam ihr ein Gedanke. Ein Gedanke, der ihr wieder etwas Hoffnung einhauchte. Sie stand auf und schrie. Sie schrie so laut sie nur konnte. Wie von Sinnen. Immer wieder dasselbe Wort:

HILFE!!!"

 
Auch Dr. Hendrik Jansen, der forensische Psychiater, der hier neben dem Täter eindeutig im Mittelpunkt steht, hat mir als Charakter gut gefallen. Er ist sympathisch und authentisch, ebenso wie die vielen Nebenprotagonisten. So auch seine Tochter Julia, die zusammen mit ihrem leicht zwielichtig erscheinenden Freund Marc alles versucht, um ihren Vater wiederzufinden - auch wenn sie dabei mit der Polizei aneinander geraten. Denn der Leiter der Soko "Justitia" ist ein profilierungssüchtige Mann namens Becker, der sich gerne in Sackgassen verläuft und bei der Aufklärung des Falles keine große Hilfe ist. Auch Diana, Hendriks zweite Frau und ihr gemeinsamer Sohn Noah, die von Aichner entführt werden, sind herzergreifend charakterisiert. Diana spielt die Rolle der verzweifelten, liebenden Mutter, die alles tun würde um ihr dreijähriges Kind aus den Händen des Irren zu befreien, auch morden... Dann ist da noch Nadine Schuster, die Frau, die Opfer ihres eigenen Gehirns wird, als ein Tumor Wesensveränderungen an ihr vornimmt, was sie zuerst zu einer Ursache und sieben Jahre später zu einem Mittel werden lässt.
 
Was für eine Rolle Hendrik und seine Familie in Aichners Plan zu spielen haben, wird erst sehr spät klar und eröffnet somit, wie unfassbar gut konstruiert dieses Buch wirklich ist. Kniesel gönnt dem Leser keine Verschnaufpause und sich selbst keine Durchhänger, er hält das Tempo hoch, indem er beispielsweise mit sehr vielen kurzen Kapiteln arbeitet. An manchen Stellen ist es sowohl psychisch als auch physisch sehr brutal, sodass ich hier klar eine Altersgrenze ab 16 Jahren setzten würde.
 
 
"Sein Herz pochte immer noch wild in der Brust. Denn die Dämonen tobten jetzt wieder in ihren dunklen kerkern und zerrten an ihren Ketten.
So wie sie es jeden Tag taten.
Und jede Nacht.
Seit über sieben Jahren..."
 
 
Das Ende ist dann wie gesagt noch mal sehr spannend und endet auch nicht wirklich so, wie ich es gedacht hätte. Zwar würde ich schon von einem Happy End sprechen, doch es bleiben Punkte, die die Gesamtstimmen noch ein wenig trüben. Gestört hat mich ein bisschen, dass nie herauskommt, was nun wirklich mit Sonja, Hendriks erster frau passiert ist, nachdem einige Dinge angedeutet wurden. Aber das nur am Rande.
 
 
Fazit:
 
Ein mega spannender Psychothriller der Extraklasse, der den hilflosen Leser in die Abgründe der menschlichen Seele schickt und ihn mit einem authentischen, aus einem philosophischen Grundsatz heraus mordenden Psychopathen konfrontiert, bis man selbst zu einem willenlosen Opfer wird und nicht mehr mit Lesen aufhören kann.
 

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