Allgemeines
Titel: Die Wut, die bleibt
Autorin: Mareike Fallwickl
Verlag:
Rowohlt (22. März 2022)
Genre: Roman
Seitenzahl: 384 Seiten
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Inhalt
Bewertung
"Die Wut, die bleibt" ist mein drittes Buch von Mareike Fallwickl und bei weitem mein liebstes von ihr. Auf 384 intensiven, eindringlichen, belastenden, aber auch befreienden Seiten setzt sie sich mit den Themen Mutterschaft, Care-Arbeit, gesellschaftlicher Überforderung und weiblicher Wut auseinander und möchte dabei bewusst keine leichte Lektüre sein. Die Autorin kritisiert, irritiert und berührt gleichermaßen und hat sich damit direkt zu einem Jahreshighlight aufgeschwungen.
Ausgangspunkt der Handlung ist der plötzliche Suizid von Helene, Mutter von drei Kindern, der ihre Familie und ihr Umfeld in einen Zustand aus Schock, Orientierungslosigkeit und emotionaler Überforderung stürzt. Während Helene selbst nur indirekt über Erinnerungen, Beziehungen und die Spuren, die sie hinterlässt, präsent ist, verschiebt sich der Fokus auf ihre Teenager-Tochter Lola und ihre beste Freundin Sarah, die abwechselnd aus ihrer Perspektive erzählen. Beide Figuren reagieren sehr unterschiedlich auf den Verlust und die Leerstelle, die Helene hinterlässt, und eröffnen dadurch zwei kontrastierende Zugänge zu Trauer, Überforderung und weiblicher Lebensrealität, die am Ende in einer Emotion gipfeln: "Die Wut, die bleibt".
Besonders stark ist der Roman dort, wo er die unterschiedlichen Perspektiven von Helene, Lola und Sarah nicht nur nebeneinanderstellt, sondern in einen gesellschaftlichen Kontext einbettet. Eine Mutter von drei Kindern, eine kinderlose Karrierefrau, eine Teenagerin. So unterschiedlich ihre Lebensentwürfe auch sind, gemein haben diesen drei unterschiedlichen Frauen die Verantwortung, die Rolle, die Arbeit, die Anforderungen, die ihnen zugesprochen werden, einfach weil sie eines sind: Frauen in unserer Gesellschaft. Die Themen Care-Arbeit, Mental Load und die strukturelle Überlastung von Frauen werden dabei nicht abstrakt verhandelt, sondern sehr konkret in den Alltag der Figuren eingeschrieben. Dadurch entsteht ein dichtes, oft bedrückendes, aber auch klarsichtiges Bild von Mutterschaft und den Erwartungen, die an sie geknüpft sind. Teilweise sind die Beschreibungen so intensiv, dass ich beim Lesen kaum atmen konnte, habe ich doch selbst das erdrückende Geflecht gespürt, das sich langsam um Sarah, Lola und Helene legt und sich immer weiter zuzieht...
Getragen wird dieser atmosphärisch dichte, teilweise schwer aushaltbare Roman durch seine großartigen Figuren. Sarah und Lola eröffnen dem Buch nicht nur eine große Themenvielfalt, sondern sind vor allem zwei zutiefst menschliche, nachvollziehbare weibliche Identifikationsfiguren, die man sofort ins Herz schließt. Die beiden verkörpern zwei sehr unterschiedliche Umgangsweisen mit weiblicher Wut, die auf verschiedener gesellschaftlicher Prägung und feministischer Selbstverortung zurückzuführen sind. So kommen nebenbei auch der Generationskonflikt und besonders die unterschiedliche Auffassungen feministischer Themen zwischen Millenials und der Gen-Z sehr gut zur Geltung.
Interessanterweise hinterlässt auch Helene - obwohl sie abseits von Prolog und Epilog gar nicht als handelnde Figur vorkommt - einen bleibenden Eindruck als Figur. Wir lernen sie, ihre Gedanken, Gefühle, Nöte und Geschichte nur in Form der Leerstelle kennen, die sie gerissen hat, der Erinnerungen, die Sarah und Lola mit ihr verbinden und der Spuren, die sie in beiden hinterlassen hat. In ihrer Abwesenheit ist sie allerdings ebenso präsent wie Lola und Sarah, was vor allem deshalb einen durchschlagenden Effekt hat, weil die männlichen Figuren bewusst eindimensional und abwesend gezeichnet sind. Egal ob Helenes Mann Johannes oder Sarahs Freund Leon - die Männerfiguren sind hier als Spiegel der gesellschaftlichen Missstände, der Ungleichverteilung von Care Arbeit, der alleinigen Verantwortung im Kreis der Familie und der fehlenden Empathie zu verstehen und demnach überspitzt nutzlos gestaltet.
Wer an dieser Stelle versucht wäre, mit einem „aber nicht alle Männer“-Einwand zu reagieren, verfehlt den Kern des Romans: Die Überzeichnung ist hier kein Zufall, sondern ein bewusstes Stilmittel, um strukturelle Missstände sichtbar zu machen und Schmerzpunkte aufzuzeigen. In diesem Sinne ist auch Lolas Handlungsstrang zu verstehen, der absichtlich polarisiert, der Wut ein Ventil gibt und die Radikalisierung bewusst zuspitzt. Die Entwicklungen, die sie im Verlauf der Geschichte durchmacht, sind nicht als realistischer Handlungsvorschlag zu lesen, sondern als notwendiger Gegenpol, der die emotionale Wucht der Geschichte überhaupt aushaltbar macht und zugleich verdeutlicht, was in der gesellschaftlichen Realität oft fehlt: Raum für Wut, aber ebenso Raum für Solidarität und Liebe.
Zusammengehalten wird diese intensive Mischung neben den Figuren auch durch die klare, eindringliche, aber reduzierte Sprache. Der Text verzichtet weitgehend auf Distanz und zwingt die Lesenden immer wieder in unmittelbare Nähe zu Schmerz, Überforderung und innerer Spannung. Genau daraus entsteht seine Wirkung: Er irritiert, er fordert heraus, er lässt nicht los. Gleichzeitig gibt er aber auch viel zurück und lässt ein Gefühl von Wiedererkennen, von Benennung und von Verständnis entstehen, das ungemein tröstet. Mareike Fallwickl gelingt es, Frausein und insbesondere Mutterschaft in all ihrer Widersprüchlichkeit, Erschöpfung und gesellschaftlichen Überforderung präzise auf den Punkt zu bringen - allein dafür hat sie ihre 5 Sterne verdient!
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