Allgemeines
Titel: Elternabend: Kein Thriller (Auch wenn der Titel nach Horror klingt!)
Autor: Sebastian Fitzek
Verlag:
Droemer (26. April 2023)
Genre: Roman
Seitenzahl: 336 Seiten
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Inhalt
Der Kleinkriminelle Sascha Nebel hat sich zur falschen Zeit am falschen Ort das falsche Auto für einen Diebstahl ausgesucht. Kaum, dass er hinter dem Steuer eines Geländewagens Platz genommen hat, zieht eine Horde demonstrierender Klimaaktivisten durch die Straße. Allen voran eine junge Frau, die den SUV mit einer Baseballkeule demoliert. Als die Polizei auf der Bildfläche erscheint, ergreifen Sascha und die Unbekannte die Flucht und platzen in den Elternabend einer 5. Klasse. Um die Nacht nicht in Polizeigewahrsam zu verbringen, bleibt ihnen keine andere Wahl: Sie müssen in die Rolle von Christin und Lutz Schmolke schlüpfen, den Eltern des 11jährigen Hector, die bislang jede Schulveranstaltung versäumten. Zwei wildfremde Menschen, zwischen denen kaum größeres Streitpotential herrschen könnte, geben sich als Vater und Mutter eines ihnen völlig unbekannten Kindes aus. Dabei ist die Tatsache, dass Hector der größte Rüpel der Schule ist, sehr schnell ihr kleinstes Problem …
Meine Eindrücke
„Elternabend" von Sebastian Fitzek ist ähnlich wie "Der erste letzte Tag" ein bewusstes Genre-Experiment, das mit den Erwartungen der Leserschaft spielt und sich klar vom klassischen Thriller-Repertoire des Autors absetzt. Ich bin ja ehrlich gesagt kein großer Thriller-Fan und habe von dem Autor bis jetzt nur eben jenen Nicht-Thriller sowie "Das Paket" gelesen. Umso gespannter war ich auf diesen Roman, der vor allem auf überdrehte Komik, Tempo und Situationschaos setzt...
Im Zentrum der Handlung steht der Kleinkriminelle Sascha Nebel, der nach einer Verkettung ungünstiger Zufälle gemeinsam mit einer Klimaaktivistin auf der Flucht vor der Polizei in einem Elternabend einer fünften Klasse landet. Was als absurde Notlösung beginnt, entwickelt sich schnell zu einer eskalierenden Verwechslungssituation, in der Schulrealität, Identitätsbetrug und soziale Dynamiken aufeinandertreffen. Ähnlich wie in "Der erste letzte Tag" wird die Ausgangslage dabei konsequent überzeichnet und als Katalysator für eine Kette immer neuer, teils chaotischer Situationen genutzt. Das Erzähltempo ist hoch, die Struktur stark auf Eskalation ausgelegt und die Handlung lebt deutlich von Übertreibung und konstruierten Wendungen. Wie schon in Fitzeks Roadnovel zeigt sich auch hier eine klare Vorliebe für Szenarien, die sich immer weiter vom Realismus entfernen und dadurch ihre eigene Logik der Übersteigerung entwickeln. Diese Dynamik sorgt für Tempo und Unterhaltungswert, verlangt aber zugleich die Bereitschaft, sich auf eine bewusst überdrehte Erzählweise einzulassen, in der Glaubwürdigkeit zugunsten von Effekten zurücktritt.
Erster Satz: "Lassen Sie mich diese Geschichte an der Stelle beginnen, an der sie hätte enden sollen."
Kombiniert man diese überdrehte Erzählweise mit einem trockenen Humor, erhält man 336 hoch unterhaltsame Seiten. Genau wie in Fitzeks anderem Nicht-Thriller ist der Schreibstil lebendig, schnell und gespickt mit Situationskomik, plastischen Bildern und einer spürbaren Selbstironie. Besonders der Erzähler Sascha trägt viel zur Leichtigkeit bei und fängt auch jene Momente auf, in denen einzelne Gags weniger gut funktionieren oder der Humor etwas zu stark ins Grobe kippt. Unter der komödiantischen Oberfläche greift der Roman jedoch - und darauf wird bereits in einem Vorwort ausdrücklich hingewiesen - einige ernste Themen wie Verlust, Mobbing, Suizid und Depressionen auf. Auch wenn nicht alle Themen in dem eingeschränkten Seitenumfang konsequent vertieft werden können, ist das Wechselspiel zwischen überdrehtem Humor und ernstem Unterton dem Autor hier überraschend gut gelungen.
"So endet diese Geschichte, wie alle Geschichten beginnen. Mit dem Aufbruch zu einer Reise von ungewisser Dauer mit unsicherem Ergebnis - was im Grunde eine treffende Beschreibung für das Wunder des Lebens ist. Oder die Definition eines Elternabends."
Der Roman lebt also von der stark konstruierten Handlung, dem irren Erzähltempo, einer hohe Gag-Dichte und gegen Ende ein paar überraschende Wendungen, mit denen Sebastian Fitzek sein ganzes Thriller-Können zeigt. Insgesamt ist die Mischung aus hohem Unterhaltungswert mit dem richtigen Schuss Ernsthaftigkeit für mich ein überzeugendes Konzept, allerdings ist die Umsetzung nicht so stark, wie sie hätte sein können. Die Handlung ist an manchen Stellen etwas zu wirr und kurios, um ihr richtig folgen zu können, die Witze sitzen nicht alle und wirken stellenweise etwas aufgesetzt und vor allem über die Figuren erfahren wir zu spät zu wenig. Sowohl Sascha als auch Wilma sind eher funktionale, zugespitzte Figuren, die klare Kontraste bedienen, um die Handlung voranzubringen, als tief aufgearbeitete Charaktere. Von den klischeehaften Nebenfiguren wie die Polizeiermittler, die anderen Eltern auf dem Elternabend oder einem Haufen Kleinkrimineller wollen wir gar nicht anfangen. In einem Roman, der stark auf Bewegung und Situationen setzt, weniger auf psychologische Tiefe, ist das aber vollkommen in Ordnung.
Zum Abschluss möchte ich noch kurz die Gestaltung des Romans positiv hervorheben. Auch hier sind nämlich passend zum Cover wieder Illustrationen von Jörn Stollmann enthalten, die in jedem Kapitel Kernmotive in einfachen Schwarz-Weiß-Zeichnungen hervorheben. Ein Blick in "Elternabend" lohnt sich also nicht nur wegen des Inhaltes!
Fazit
Insgesamt ist „Elternabend“ ein unterhaltsamer, temporeicher und origineller Fitzek-Ausflug abseits des Thrillers, der vor allem durch Idee und Energie überzeugt, auch wenn er erzählerisch nicht in allen Bereichen vollständig ausbalanciert ist.
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