Donnerstag, 23. Juli 2026

Eine ganz dumme Idee


Allgemeines

Titel: Eine ganz dumme Idee
Autor: Fredrik Backman
Verlag: Goldmann Verlag (20. September 2021)
Genre: Roman
Seitenzahl: 464 Seiten
Originaltitel: Folk med angest (übersetzt von Neil Smith)
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Inhalt

Eine Kleinstadt in Schweden kurz vor dem Jahreswechsel: An einem grauen Tag findet sich eine Gruppe von Fremden zu einer Wohnungsbesichtigung zusammen. Sie alle stehen an einem Wendepunkt, sie alle wollen einen Neuanfang wagen. Doch dieser Neuanfang verläuft turbulenter als gedacht. Denn wegen der ziemlich dummen Idee eines stümperhaften Bankräubers werden auf einmal alle Beteiligten zu Geiseln. Auch wenn davon niemand überraschter ist als der Geiselnehmer selbst. Es folgt ein Tag voller verrückter Wendungen und ungeahnter Ereignisse, der die Pläne aller auf den Kopf stellt – und ihnen zeigt, was wirklich wichtig im Leben ist …


Bewertung

"Eine ganz dumme Idee" wurde mir von meiner Kollegin empfohlen und ausgeliehen. Als mein erstes Buch von Fredrik Backman (sein bekanntestes, "Ein Mann names Ove" kenne ich nur als Film), wusste ich ehrlich gesagt nicht so recht, was mich erwarten würde. Ich hatte mit einer unterhaltsamen Geschichte gerechnet – vielleicht etwas skurril, vielleicht ein wenig philosophisch –, aber nicht mit einem Roman, der mich gleichermaßen zum Lachen, Mitfiebern und Nachdenken bringt.

Denn "Eine ganz dumme Idee" ist eine mitreißende und berührende Geschichte, die bewusst über Genregrenzen hinweggeht. Es ist wirklich schwer zu sagen, wo man diesen Roman eingruppieren sollte, da er ein wenig von allem enthält und absichtlich mit den Erwartungen der LeserInnen spielt. Hier erwarten uns ein bisschen Liebesgeschichte, ein bisschen Drama, ein bisschen Komödie, ein wenig Krimi und Spannung – und mittendrin ein missglückter Banküberfall, eine Geiselnahme und eine Gruppe völlig unterschiedlicher Menschen, deren Wege sich auf unerwartete Weise kreuzen. Es geht um Zufälle und Schicksal, um Begegnungen, um Idiotie und vor allem darum, das Richtige zu tun. Schlichtweg: Es geht um das Leben. 

"Die Wahrheit? Die ist nur selten so kompliziert, wie wir glauben. Wir hoffen allerdings oft, dass es so wäre, denn dann kämen wir uns schlauer vor, wenn wir sie schon im Voraus wüssten. Dies ist eine Geschichte über eine Brücke und über Idioten, über ein Geiseldrama und eine Wohnungsbesichtigung. Aber es ist auch eine Liebesgeschichte. Es sind sogar gleich mehrere."

Das ist kein geringer Anspruch für einen Roman, der aber großartig eingelöst wird. Und das, obwohl die Geschichte für mich zu Beginn gar nicht leicht zugänglich war. Denn da die Geschichte nicht chronologisch erzählt wird, kam ich zunächst erst schwer im Szenario an. Fredrik Backmann springt auf den 464 Seiten zwischen den Ereignissen während der Wohnungsbesichtigung, den Verhören direkt nach der Geiselnahmen und den Lebensgeschichten der einzelnen Figuren hin und her. Dabei setzt er immer wieder neu an, widerspricht sich, greift voraus und dreht noch eine Ehrenrunde. Was später als raffinierter Aufbau überzeugt, war für mich anfangs vor allem eins: verwirrend. Mit der Zeit setzen sich die Puzzlesteine aber immer mehr zusammen. Aus den Verhörprotokollen, den einzelnen Schicksalen der Geiseln, der Hintergrundgeschichten des Bankräubers und den beiden ermittelnden Polizisten entsteht nach und nach ein komplexes Gesamtbild, dessen Enthüllung man bis zum Ende entgegenfiebert. Zwar war nicht alles überraschend (aufgrund kleiner sprachlicher Hinweise, die wohl bei der Übersetzung entstanden), aber der Autor weiß auf jeden Fall, wie man eine Geschichte aufbaut, deren Spannungsbogen bis zur letzten Seite trägt!

"Wir können die Welt nicht verändern, oftmals können wir nicht mal die Menschen verändern. Jedenfalls nicht mehr als Stück für Stück. Deshalb helfen wir, wenn wir die Möglichkeit dazu haben, mein Junge. Wir retten diejenigen, die wir retten können. Wir tun unser Bestes. Und dann versuchen wir uns einzureden, dass dies ausreicht. Damit wir mit unseren Unzulänglichkeiten leben können, ohne darin zu ertrinken."

Was den Roman für mich aber wirklich besonders macht, sind seine Figuren. Der Autor legt ein sehr feines Gespür für Menschen und deren Eigenheiten an den Tag und schafft es, aus Fremden mit skurrilen Eigenheiten in wenigen Sätzen Menschen mit einer eigenen Geschichte zu bauen. Seine Figuren machen Fehler, treffen dumme Entscheidungen und verletzen andere – manchmal aus Angst, manchmal aus Überforderung und manchmal einfach, weil Menschen eben Menschen sind. Gleichzeitig zeigt der Roman immer wieder, wie viel Mitgefühl entstehen kann, wenn man bereit ist, hinter die Fassade zu schauen. Freundlichkeit erscheint hier nicht als naive Tugend, sondern als bewusste Entscheidung, weil man nie weiß, welchen Kampf das Gegenüber gerade führt.

"Sie war der Überzeugung, dass man freundlich zu seinen Mitmenschen sein muss, auch zu den unangenehmen, weil man nie weiß, welch schwere Last sie tragen."

Dabei legt er auch viel Wert darauf, uns immer wieder zu überraschen. Je mehr wir die Figuren kennenlernen, desto deutlicher wird, dass wir sie zunächst falsch eingeschätzt haben und wie vorschnell wir andere oft beurteilen. Das sorgt für gelegentliche Aha-Momente sowie regelmäßige Lacher. Allerdings lässt er auch viel Raum für ernsthafte Themen wie Suizid, Verantwortung, Trauer, Trauma, Depression, Einsamkeit, Beziehungen und Elternschaft, die wunderbar eingewoben werden, ohne dass die Geschichte zu viel Schwere erhält. Vielmehr entsteht eine sehr menschliche Mischung aus Tragik und Komik, die erstaunlich authentisch wirkt. Das Leben besteht schließlich oft genau daraus: Aus Momenten, in denen man lachen muss, obwohl jemand mit der Pistole auf einen zeigt. So bleibt "Eine ganz dumme Idee" für mich trotzdem ein Wohlfühlbuch, das man nach 450 Seiten mit einem breiten Grinsen und einem vollen Herzen schließt. 

"Schiffe im Hafen sind sicher, mein Junge, aber dafür sind Schiffe nicht gebaut."

Fazit

"Eine ganz dumme Idee" ist ein klug konstruierter, warmherziger Roman voller liebenswerter Figuren, der Humor, Spannung und Tiefgang auf beeindruckende Weise miteinander verbindet. Trotz leichter Einstiegsschwierigkeiten konnte mich Fredrik Backmans Geschichte noch voll überzeugen!


*keine WERBUNG, ausgeliehen*

Quelle Informationen: Amazon.de. Klapptexte und Zitate sind Eigentum des Verlags oder jeweiligen Rechtinhabers.

2 Kommentare:

  1. Guten morgen,
    Es freut mich zu lesen, das dir das Buch so viel Freude bereitet hat und du eine gute Zeit hattest.
    Ich mochte die Geschichte auch sehr und es war bei mir sogar ein 5 Sterne Buch gewesen.
    Habe gerade die Tage seinen neusten Roman "Freunde fürs Leben" beendet.

    Liebe Grüße Sheena

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  2. Liebe Sophia

    Was für eine schöne, aussagekräftige und liebevoll gestaltete und bebilderte Rezension!!! Da ist sicher einiges an Arbeit hineingeflossen.

    Du hast mich sehr neugierig gemacht auf das Buch und ich möchte so oder so schon lange einmal etwas von Fredrik Backman lesen. Das Buch kommt auf die Wunschliste.

    Ganz liebe Grüsse
    Livia

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