Samstag, 30. April 2022

Serienempfehlung: Heartstopper

Erst letzte Woche, am 22. April erschienen und schon gehyped - die neue Netflix-Sensation "Heartstopper" adaptiert die gleichnamige Graphic Novel-Reihe von Alice Oseman, die auch die Drehbücher zur Serie schreibt und wurde dabei so in den Himmel gelobt, dass ich auch einen Blick in die Serie werfen musste. In 8 halbstündigen Folgen geht es hier um die Themen Sexualität, Identität, Homophobie, erste Liebe, Freundschaft und Familie! Mittlerweile sind eine zweite und dritte Staffel dazugekommen, die ebenfalls 8 Folgen haben. Eine vierte Staffel hat Netflix leider nicht mehr genehmigt, dafür wurden die letzten beiden Graphic Novels in einem Film zuende erzählt. Meine Meinung zu den Fortsetzungen findet Ihr am Ende des Beitrags.


Darum geht´s:

Als die beiden von einem Lehrer nebeneinander gesetzt werden, lernen sich Nick Nelson und Charlie Spring, zwei Teenagern, die zusammen auf die Jungenschule Truham Grammar School gehen, näher kennen. Während Charlie offen homosexuell ist und im vergangenen Schuljahr dafür gemobbt wurde, ist Nick beliebt und Spieler in der Schul-Rugby-Mannschaft. Auf den ersten Blick könnten die beiden also nicht unterschiedlicher sein, doch schnell werden die beiden Freunde... und mehr.... Aber wie werden die Freunde von Charlie und Nick und der Rest der Schule darauf reagieren?


Das denke ich über die Serie:

Alice Osemans Graphic Novels rund um die LGBTQIA+-Coming-of-Age-Romanze von Charlie und Nick stehen schon seit Längerem auf meiner Wunschliste, weshalb es für mich gar keine Frage war, dass ich auch einen Blick in die filmische Umsetzung werfen musste, die im Januar 2021 von Netflix angekündigt wurde. Als die Serie dann auch schon kurz nach Erscheinungstermin so viele positive Reaktionen hervorgerufen hat, musste ich mich erst recht sofort hinsetzen und mich der ersten Staffel widmen. Leider war "Heartstopper" mit acht 30-minütigen Folgen ein sehr kurzes Vergnügen, das sich an zwei Abenden schonungslos wegbingen ließ. Auch wenn ich keinen direkten Vergleich zu den Graphic Novels ziehen kann, finde ich die Serie sowohl inhaltlich als auch bezüglich Look, Cast und Erzählton sehr gelungen!

Zunächst ist natürlich das allgemeine Thema positiv hervorzuheben. "Heartstopper" verpackt die Themen Sexualität, Identität, Homophobie, Mobbing, erste Liebe, Freundschaft und Familie auf jugendliche, humorvolle und niedrigschwellige Art und Weise, für die man nur ein großes Lob aussprechen kann. Auch wenn wir so langsam auf einem guten Weg sind, gibt es noch immer viel zu wenige Repräsentationen von queeren Figuren in Filmen und Serien, weshalb ich solche natürliche Darstellungen von LGBTQIA+-Teenagern wahnsinnig wichtig finde. Zwar müssen die Figuren mit einigen Schwierigkeiten umgehen - beispielsweise muss der offen homosexuelle Charlie (Joe Locke) jede Menge fiese Kommentare einstecken, seine transsexuelle Freundin Elle (Yasmin Finney) muss an einer Mädchenschule neu anfangen, die frisch geoutete Tara (Corinna Brown) muss mit den Veränderungen umgehen und Nick (Kit Connor) hinterfragt seine Sexualität und sucht ein Label -, dennoch ist der Erzählton definitiv positiv und ermutigend gehalten.

Das hängt damit zusammen, dass "Heartstopper" in erster Linie drei Liebesgeschichten erzählt, wobei die von Nick und Charlie natürlich im Vordergrund steht. Dadurch, dass die acht Kapitel sehr kurz sind und die Handlungsstränge ständig wechseln, können die einzelnen Themen nicht so sehr vertieft werden und einem inhaltlich nicht viel abverlangen. Anstatt des praktischen Bingeformats hätte ich mir demnach an der ein oder anderen Stelle ein wenig mehr Tiefe gewünscht. Da die Serie jedoch eher junge Teenager als Zielgruppe anpeilt, kann man ihr leicht verzeihen, dass die Handlung eher einfach gestrickt ist und die Spannungsbögen recht schnell gelöst werden.

Zuletzt loben möchte ich noch das diverse Casting, welches nicht nur sehr passende DarstellerInnen, sondern vor allem auch endlich mal GLAUBWÜRDIGE gefunden hat. Anders als bei gefühlt 90% aller Coming-of-Age-Serien sind die DarstellerInnen hier nicht schon Mitte 30 und haben die Körper von Models, sondern sehen tatsächlich auch wie Teenager aus. In Kombination mit der Tatsache, dass auch das britische Schulsetting hier deutlich authentischer dargestellt ist, als in den meisten anderen Serien, wirkt "Heartstopper" wesentlich echter und kann eine lebendigere Geschichte erzählen. Zusätzlich ist das schauspielerische Talent der HauptdarstellerInnen positiv hervorzuheben. Die hier gecasteten SchauspielerInnen können ihre Figuren ausnahmslos ganz wunderbar zum Leben erwecken, sodass nur noch der farbenfrohe Look, die teilweise exzentrischen Frisuren und animierte, umherfliegende Funken, Blumen oder Herzen daran erinnern, dass wir es hier mit der Adaption einer Graphic Novel Reihe zu tun haben. 


Ergänzung zu Staffel 2: Auch Staffel 2 hat bei mir wieder für Herzchenaugen und eine schöne Zeit gesorgt. Die acht neuen Folgen, die im September 2023 erschienen sind, sind ebenso herzerwärmend, bunt und queer wie Staffel 1, haben aber durch die hier angeschnittenen Themen aber noch ein wenig mehr Tiefe. Hier geht es vor allem um Nicks Coming Out vor seiner Freundesgruppe und Familie, aber auch Charlies Probleme mit dem Mobbing in der Vergangenheit und erste Anzeichen auf seine Essstörung, die in den folgenden Staffeln vermutlich noch stärker behandelt wird, werden angeschnitten. Trotz ernsterer Einschläge ist der Erzählton aber durchweg positiv und verströmt Feelgood-Vibes. Das liegt vor allem daran, dass die beiden Hauptfiguren so wunderbar miteinander kommunizieren und sich gegenseitig unterstützen, sodass sie jede Hürde als Team meistern. Auch wenn Nick und Charlie mit 15 und 16 Jahren sehr jung sind, gehen sie mit ihrer Beziehung reifer um, als viele erwachsene Romanfiguren und haben mir mit ihrer ZUCKERSÜßEN CUTENESS immer wieder ein breites Grinsen ins Gesicht gezaubert - denn ihr Glück und ihre Positivität sind nämlich ansteckend. Neben den beiden werden auch weiterhin die beiden anderen queeren Liebesgeschichten verfolgt - die von Tara und Darcy und die von Tao und Elle. Ausgeweitet wird der Freundeskreis hier auf neue Nebenfiguren wie der lesebegeisterte Isaac (Tobie Donovan), der entdeckt, dass er asexuell und aromantisch sein könnte oder Imogen (Rhea Norwood), die sich aus einer toxischen Beziehung löst. Gekrönt wird diese Staffel wie immer durch tolle Dialoge und die Fahrt nach Paris mit tollen Bildern und Kulisse. I love it!


Ergänzung zu Staffel 3: Im Sommer 2024 sind in Form einer dritten Staffel 8 weitere Folgen erschienen, die wunderbar an Handlung und Atmosphäre der Vorgänger anknüpfen. Allerdings wird hier wie bereits in den Comics mit zunehmendem Alter der Protagonisten der Erzählton deutlich ernsthafter und besonders in dieser Staffel wird ein inhaltlicher Schwerpunkt auf mentale Gesundheit gelegt. Da sich Charlies zuvor schon angedeutete Essstörung verschlimmert und durch einen Klinikaufenthalt behandelt werden muss, nimmt sich die Staffel viel Zeit, die Auswirkungen auf ihn sowie sein Umfeld darzustellen. Dies ist sehr sensibel umgesetzt, dennoch möchte ich eine Triggerwarnung aussprechen für alle, die sich nicht mit OCD, Depression, Anorexie oder selbstverletzendem Verhalten auseinandersetzen möchten oder können. Neben diesen Themen erscheinen die zuckersüßen Feelgood-Vibes der Serie an manchen Stellen fast ein wenig aufgesetzt, die vielen empathischen Dialoge und Auftritte von erwachsenen Vorbildern sorgen aber dafür, dass die Stimmung nicht kippt, sondern eine ermutigende-empowernde Botschaft entsteht. Da der Handlungsstrang um Nick und Charlie in dieser Staffel sehr viel Raum einnimmt, ändert sich bei den anderen Nebenfiguren wie Tara und Darcy (beschließt ein non-binäres Label auszuprobieren), Tao und Elle (wagen zum ersten Mal mehr Intimität) Isaac oder Imogen (beginnt ebenfalls ihre sexuelle Identität zu hinterfragen) nur wenig, es bereitet mir aber jedes Mal große Freude, in diesen Freundeskreis zurückzukehren!


Ergänzung zum Film "Heartstopper: Forever": Statt einer vierten Staffel hat Netflix beschlossen, die Geschichte rund um Nick und Charlie in Form eines zweistündigen Films zu Ende zu erzählen. Auch wenn ich zunächst etwas irritiert war, halte ich das nun für die richtige Entscheidung, da die Handlung für eine vollständige letzte Staffel wohl nicht genug hergegeben hätte. Mit der Entscheidung, die Geschichte in 113 Minuten zu Ende zu erzählen, kommen jedoch auch ein paar Probleme. Denn während die Serie immer stark von ihrem Ensemble gelebt hat, ist der Film zwangsläufig stärker auf Nick und Charlie konzentriert. Die beiden sind weiterhin ein Paar, stehen aber vor einem entscheidenden Übergang. Nick bereitet sich auf den Beginn seines Studiums vor, während Charlie noch zur Schule geht. Damit stellt sich erstmals sehr konkret die Frage, ob ihre Beziehung den Übergang ins Erwachsenenleben und eine mögliche Fernbeziehung überstehen kann. Das passt auch zum Abschluss der Graphic Novel: Nachdem die ersten Geschichten vor allem von Kennenlernen, Coming-out, erster Liebe und Charlies psychischer Gesundheit geprägt waren, geht es nun stärker um Erwachsenwerden, Loslassen und die Frage, wie sich eine Beziehung verändert, wenn sich das eigene Leben verändert. Durch den Fokus auf Nick und Charlie bekommen die Nebenfiguren im Film allerdings deutlich weniger Raum als in den Staffeln 1-3 und deren Geschichten werden teilweise in kürzeren Handlungssträngen abgeschlossen: Elle und Tao trennen sich, bleiben aber eng verbunden; Tara und Darcy planen ein Gap Year; Tori findet für sich eine asexuelle und aromantische Identität; Isaac möchte über seine Erfahrungen schreiben. An einigen Stellen hätte ich mir mehr Zeit gewünscht, um die Entwicklungen der Nebenfiguren oder bestimmte emotionale Wendepunkte ausführlicher zu erzählen. Trotz kleinerer Schwächen in der Dramaturgie und den leicht vernachlässigten Nebenfiguren hat mir der Film aber alles in allem gut gefallen. Denn die vertraute Atmosphäre, die kleinen liebevollen Details und die Dynamik zwischen Nick, Charlie und ihren Freund*innen sorgen dafür, dass der Abschied von der Serie durchaus emotional wird. So ist der Film mehr Fanservice als alleinstehender Film, für Fans der Serie aber ein wundervoller Abschluss.

Mein Urteil:

"Heartstopper" ist eine herzerwärmende, humorvolle und herrlich diverse Coming-of-Age Geschichte, die mit queeren Themen, tollen DarstellerInnen, einem authentischen Kontext und einem farbenfrohen Look überzeugt.


Zum Trailer:


Bild-Quellen: Moviepilot.de

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