Montag, 4. Mai 2026

Montagsfrage #211 - Überforderndes Buch?

Hallöchen,

ich hoffe, Ihr hattet ein schönes langes Wochenende und könnt heute mit neuer Energie in die Woche starten. Für den Einstieg in den Mai habe ich mal wieder eine Frage, auf die ich sehr gespannt bin: 


Gibt es ein Buch, das Euch total überfordert hat – inhaltlich, emotional oder sprachlich - und wie seid Ihr damit umgegangen?


Ich treffe mittlerweile eigentlich eine ganz gute Vorauswahl der Bücher, die ich lese. Das ist tatsächlich fast das größte Learning, das ich aus meinen vielen gelesenen Büchern mitgenommen habe: Welches Sprachniveau traue ich mir (bei fremdsprachigen Büchern) zu, für welche Themen habe ich aktuell genügend Kapazität, worauf kann ich mich emotional gerade einlassen und was interessiert mich genug, um inhaltlich am Ball zu bleiben? Man lernt mit der Zeit sich selbst sowie den eigenen Buchgeschmack sehr gut kennen und kann auch bei Büchern immer besser einschätzen, welche Tropes, Themen und Trigger sich hinter Klapptext und Cover verbergen könnten. So muss ich mittlerweile kaum Bücher abbrechen, habe selten Leseflauten und auch meine Flops halten sich (zum Glück) in Grenzen! Trotzdem kommt es immer wieder zu Büchern, bei denen ich irgendwann im Verlauf mal denke "uff, was passiert denn jetzt hier". 

Zuletzt hatte ich diese Erfahrung mit "Die schönste Version" von Ruth-Maria Thomas. Dieser kurze, schmerzhafte, intensive Roman hat mich beim Lesen sehr beschäftigt und mit vielen gemischten Gefühlen und Gedanken zurückgelassen. Die Autorin nutzt ihre Geschichte, um das Frausein im Patriarchat und genauer gesagt das Aufwachsen als Mädchen in den späten Nullerjahren zu sezieren. Dabei kommt jegliche Formen von Gewalt - von Mikroaggressionen, Gaslighting, Übergriffe und fehlender Consent auf persönlicher Ebene bis zum Male Gaze, den Schönheitsidealen des Patriarchats, der misogyne Popkultur der 2000ern und strukturellem Sexismus in allen gesellschaftlichen Instanzen - ausführlich zur Sprache. Neben der inhaltlichen Intensität fand ich auch die Sprache in Teilen sehr überfordernd. Die erfahrene Gewalt und der ungesunde Bezug zur eigenen Sexualität der Protagonistin schlägt sich leider in sehr vulgärer, derber Sprache mit vielen Hypersexualisierungen nieder. Das ist eine stilistische Entscheidung, die zwar nachvollziehbar ist, die ich für dieses Buch aber nicht unbedingt befürworten kann. Gepaart mit dem Fehlen von Content Notes für die Themen Sexualisierte Gewalt, Vergewaltigung und Missbrauch, verlangt der Roman den LeserInnen wirklich sehr viel ab und gibt sich nicht sehr viel Mühe, sie vor negativen Emotionen zu schützen. Ich würde dieses Buch dementsprechend nur emotional stabilen LeserInnen empfehlen, die sich auch wirklich auf diese Themen und den sprachlichen Umgang damit einlassen wollen und können. Ich habe das Buch mit einer seltsamen Mischung aus Erkennen, Erschrecken und Erleichterung zu Ende gelesen: Erkennen, weil mir vieles aus Erzählungen und eigenen Beobachtungen vertraut vorkam; Erschrecken, weil mein jugendliches Ich wohl in ähnliche Fallen getappt wäre wie Jella, wenn ich in einem weniger behüteten Umfeld aufgewachsen wäre; und Erleichterung darüber, dass mein Erwachsenes Ich heute jede einzelne Red Flag sofort wahrgenommen hat. 

Ähnlich überfordernd, wenn auch auf ganz andere Weise, war "Yellowface" von R. F. Kuang. Dieses Buch spielt weniger auf der emotional-rohen Ebene, sondern fordert vor allem intellektuell heraus. Es wirft einen mitten hinein in ein komplexes Geflecht aus kultureller Aneignung, Rassismus, Identitätspolitik und der Dynamik des Literaturbetriebs. Besonders die unzuverlässige Ich-Erzählerin sorgt dafür, dass man sich ständig selbst hinterfragt: Warum glaube ich ihr? Warum hoffe ich vielleicht sogar, dass sie mit ihrem Betrug durchkommt? Dieses permanente Schwanken zwischen Ablehnung und Verständnis hat bei mir ein starkes Unbehagen ausgelöst – aber genau das macht den Reiz des Buches aus. Es gibt keine einfachen Antworten, keine klare moralische Position, sondern eine Flut an Perspektiven, die einen regelrecht erschlägt. Am Ende bleibt vor allem die Erkenntnis, wie komplex Wahrheit, Wahrnehmung und öffentliche Meinung im digitalen Zeitalter geworden sind.

Bei beiden Büchern habe ich zwischenzeitlich immer wieder überlegt, ob ich sie nicht doch abbrechen oder auf einen späteren Zeitpunkt verschieben soll. Im Endeffekt habe ich aber beschlossen, sie weiterzulesen, mich intensiv damit auseinanderzusetzen und meine Erfahrungen in meiner Rezension zu sortieren. Denn oft sind es die überfordernden Bücher, die am meisten Eindruck hinterlassen und am Ende zu Highlights werden. Deshalb finde ich es auch gut, immer wieder die literarische Komfortzone zu verlassen und mir selbst etwas zuzumuten - im Rahmen gewisser Grenzen natürlich!

Wie ist das bei Euch?

Liebe Grüße
Sophia

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Nächste Woche bei der Montagsfrage: 

Welche Bücher stimmen mit einem sommerlichen Cover auf die warme Jahreszeit ein?

1 Kommentar:

  1. Hallo Sophia,

    es geht mir wie dir: Mittlerweile habe ich ein ganz gutes Gefühl dafür, was ich mir emotional, inhaltlich und sprachlich zumuten kann. Deshalb kommt es wirklich selten vor, dass ich ein Buch abbrechen möchte, weil es mich auf irgendeine Weise überfordert. In meinen jüngeren Jahren gab es da aber einige Bücher – und eines davon ist besonders herausgestochen.

    Mehr dazu ist in meinem Beitrag zu lesen.

    Liebe Grüße,
    Jennifer

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