Allgemeines
Titel: Peck & Peck
Autorin: Bonnie Garmus
Verlag:
Piper (13. Oktober 2026)
Genre: Roman
Seitenzahl: 628 Seiten
Originaltitel: Peck & Peck (übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann)
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Inhalt
Bewertung
Nach dem weltweiten Erfolg von „Eine Frage der Chemie“, das auch für mich 2024 ein absolutes Jahreshighlight war, waren meine Erwartungen an Bonnie Garmus' zweiten Roman natürlich entsprechend hoch. Umso schöner, dass es der Autorin tatsächlich gelungen ist, diesen gerecht zu werden. Mit „Peck & Peck“ legt sie einen leisen, feinsinnigen und wunderbar warmherzigen Roman vor, der zwar ganz anders ist als ihr Debüt, aber dennoch genau jene Menschlichkeit und Herzlichkeit mitbringt, die mich bereits an ihrem ersten Buch so begeistert haben. Nicht nur der unerwartete Anti-Held, die herrlich originellen Nebenfiguren, der leise Humor und die unerwarteten Enthüllungen haben mich überzeugt, sondern auch das herzliche Plädoyer für Kunst und Poesie.
Die Geschichte spielt überwiegend in den 1980er-Jahren in New York City und wird aus der Perspektive von Batter Gray erzählt, der uns rückblickend an seiner Lebensgeschichte teilhaben lässt. Nachdem er bereits im ersten Satz ankündigt, später im Gefängnis zu landen, nimmt er uns zunächst mit durch seine Kindheit und Jugend ab 1957, sein fruchtloses Studium, seine zahlreichen Gelegenheitsjobs und dem Ringen nach einer Bestimmung. Unerwartet scheint er diese dann in einer ausgeschriebenen Stelle im renommierten Lyrikverlag Peck & Peck zu finden. Doch was zuerst nach der Erfüllung seines Lebenstraums erscheint, wird schnell zum verstrickten Albtraum, als er sich in einen Machtkampf zwischen den Peck-Zwillingen verstrickt...
Mit Peck & Peck eröffnet sich sowohl Batter als auch uns Leser*innen eine skurrile und herrlich originelle Welt, die mich schnell in ihren Bann gezogen hat. Der Verlag ist nicht einfach nur ein Arbeitsplatz, sondern ein ganz eigenes kleines Universum. Schon das märchenhaft anmutende Gebäude und seine außergewöhnliche innere Struktur mit einem Aviarium, ausgestellten Eiern und kunstvoll geschnittenen Buchsbäumen scheinen wie geschaffen für die Poesie, die dort veröffentlicht wird. Die Räumlichkeiten stecken voller staunenswerter Details, und auch die Belegschaft bildet ein wunderbar exzentrisches Ensemble, das man so schnell nicht vergisst. Zwischen den Eigenheiten der Angestellten, den kleinen und großen Dramen des Verlagsalltags und der besonderen Atmosphäre des Hauses entwickelt sich eine ebenso charmante wie unterhaltsame Workplace-Comedy. Gleichzeitig ist der Roman eine New Yorker Coming-of-Age-Geschichte und eine Liebeserklärung an die Poesie. Diese Mischung funktioniert erstaunlich gut und verleiht der Handlung einen ganz eigenen Charakter.
Apropos eigener Charakter... Neben Peck & Peck steht im Zentrum der Geschichte natürlich Batter selbst, der als recht unbedarfter und passiver Protagonist oft eher wie ein Anti-Held wirkt. Im Laufe der Geschichte muss er lernen, aus sich herauszukommen, sich nicht mehr bloß durchs Leben treiben zu lassen, sondern aktiv zu werden und für das einzustehen, was ihm etwas bedeutet. Eine so starke Identifikationsfigur wie Elizabeth Zott aus „Eine Frage der Chemie“ ist Batter damit für mich zwar nicht, er ist jedoch mit seinen Ecken und Kanten so feinsinnig und charmant gestaltet, dass man den liebenswerten Verlierer einfach ins Herz schließen muss.
Auch die anderen Figuren wie seine von Schriftarten besessene Mutter, sein Historiker-Vater, der namensgebende Hund Batter, sein bester Freund Paul oder die zahlreichen eigenwilligen Angestellten von Peck & Peck sind alle auf ihre ganz eigene Weise exzentrisch, skurril und zugleich ausgesprochen liebenswert. Dem gegenüber stehen die gnadenlos überzeichneten Gegenspieler wie beispielsweise der cholerische Herausgeber Salton, dessen Intrigen, Machtspiele, Manipulation und Sabotage innerhalb des Verlags stellenweise geradezu groteske Züge annehmen. Auch die Geschichten über die heldenhafte Promenadenmischung Batter, dem unser Protagonist Namen und Leben zu verdanken hat, scheinen zunächst nicht so recht in die Geschichte zu passen. Genau wie Saltons Ausbrüche sind aber auch die fantastisch anmutenden Batter-Anekdoten ein mutiger, kreativ aufgetragener Akzent in der sich sonst leise und langsam aufbauenden Geschichte.
Überhaupt ist der Schreibstil von Bonnie Garmus wieder ein echtes Vergnügen. Ich habe das Buch abwechselnd auf Englisch gelesen und als deutsches Hörbuch gehört, da ich die Geschichte zwar als Rezensionsexemplar angefragt hatte, die darin enthaltene Poesie aber unbedingt auch im Original erleben wollte. So konnte ich beide Sprachfassungen unmittelbar miteinander vergleichen und möchte an dieser Stelle zunächst einmal ein ausdrückliches Lob an das Übersetzer-Duo Ulrike Wasel und Klaus Timmermann aussprechen. Die Übertragung ist ausgesprochen gelungen und schafft es, den Sprachwitz, den Charme und die vielen feinen Nuancen der Vorlage zu bewahren. Auf beiden Sprachen liest sich Bonnie Garmus klar, flüssig und atmosphärisch. Besonders ihre Liebe zum Detail, die pointierten Dialoge und der subtile Humor machen die Lektüre zu einem Genuss. Auch die poetischen Passagen fügen sich wunderbar in die Geschichte ein, ohne dabei aufgesetzt zu wirken.
Denn unter all den erzählerischen Schichten ist "Peck & Peck" nichts anderes als eine Liebeserklärung an die Kunst, die Poesie und den Wert geistigen Eigentums, aber eben auch ein Plädoyer für Menschlichkeit, Freundschaft und Selbstvertrauen. Vor allem erinnert Bonnie Garmus mit ihrer Geschichte daran, dass nicht alles im Leben einem praktischen Nutzen folgen, wirtschaftlich sinnvoll sein oder gesellschaftliche Anerkennung versprechen muss. Manchmal sind es gerade die vermeintlich unnützen Dinge, die unser Leben bereichern und uns daran erinnern, was uns als Menschen ausmacht. Und manchmal braucht es einfach ein bisschen Mut, um den eigenen Vorstellungen und Träumen zu folgen, auch wenn der Rest der Welt dafür nur ein müdes Lächeln übrig hat. Genau diese Botschaft hat mich berührt und wird mir neben den vielen liebenswerten Figuren und den köstlichen Dialogen in Erinnerung bleiben.
Bei all der Liebe, die ich für diese Geschichte empfinde, gibt es allerdings auch ein paar Dinge, die mich weniger überzeugt haben. Mit 628 Seiten ist der Roman für meinen Geschmack etwas zu lang geraten. Insbesondere im Mittelteil gibt es zahlreiche Irrungen und Wirrungen, kleinere Umwege und zusätzliche Entwicklungen, die für ein etwas schlankeres Storytelling vielleicht nicht unbedingt notwendig gewesen wären. Gleichzeitig entsteht durch diese ausführliche Erzählweise aber auch das Gefühl, einen modernen Klassiker in den Händen zu halten, der sich Zeit für seine Figuren, seine Schauplätze und seine vielen kleinen Geschichten nimmt. Im Gegensatz dazu ist das Ende beinahe etwas zu gehetzt und wird mit einer Fülle erklärender Informationen überladen, die für meinen Geschmack etwas zu offensichtlich nachgereicht werden. Trotz der sehr stimmigen Auflösung und überraschenden Wendungen sind viele Entwicklungen doch recht vorhersehbar und die frühe Gewissheit, dass am Ende alles gut werden wird, nimmt der Geschichte etwas Gewicht - genau was ich bereits bei "Eine Frage der Chemie" kritisiert hatte. Doch wie schon dort, kann ich mich davon nicht beirren lassen, da das Erzählkonzept für mich wieder voll aufgegangen ist und ich jede Minute dieser Geschichte genossen habe!
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