Allgemeines
Titel: 1999 Meter über dem Meer
Autorin: Caroline Wahl
Verlag:
Rowohlt (28. August 2026)
Genre: Roman
Seitenzahl: 362 Seiten
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Inhalt
Bewertung
Caroline Wahl ist eine der umstrittensten Schriftstellerinnen der Gegenwart und mich konnte sie bisher leider noch nicht so richtig begeistern, aber mit ihrem neusten Roman "1999 Meter über dem Meer" wollte ich ihr gerne nochmal eine Chance geben. Die Autorin nimmt uns dieses Mal auf eine Selbstfindungsreise von Bali nach Berlin über das Allgäu bis nach St. Moritz und damit in eine Welt aus Influencer-Agenturen, Luxus, Kunst, Selbstinszenierung und sehr viel Geld. Zwischen Influencer*innen, Superreichen und vermeintlicher Selbstfindung entwickelt sich dabei eine Geschichte über Freiheit, Identität, soziale Klassen und die Frage, wie viel von dem, was wir nach außen zeigen, eigentlich echt ist. Das klingt nach einer ziemlich guten Ausgangslage – und tatsächlich hatte ich beim Lesen durchaus meinen Spaß. Insgesamt hat mich der Roman aber leider nur mittelmäßig überzeugt.
Zuerst zum Positiven: Was mir an "1999 Meter über dem Meer" sehr gut gefallen hat, sind vor allem der spritzige Schreibstil, die Aktualität, der lockere Humor und das greifbare Setting der Geschichte. Die Autorin setzt gewohnt beherzt an und erzählt in ihrem direkten, pointierten und angenehm leichtfüßigen Stil, sodass ich förmlich durch die 362 Seiten gerauscht bin. Ebenfalls für die Autorin typisch sind die zahlreichen aktuellen Referenzen. Mit Nennungen von Marken, Fernsehsendungen, Songs, reale Personen, Instagram und Influencer*innen stellt der Roman eine extreme Gegenwartsnähe her, sodass er das Leben im Jahr 2026 perfekt zusammenfasst, in einigen Jahren aber wieder schwerer anschlussfähig sein könnte. Gleichzeitig sorgen die absurden Situationen und Wahls trockener Humor immer wieder für unterhaltsame Momente. Besonders die Dialoge, die teilweise herrlich unrealistisch und gerade deshalb charmant sind, haben mir gefallen. Auch das Setting hat einiges für sich: Zwischen Roadtrip, Allgäu und dem mondänen St. Moritz entsteht eine sehr eigene Atmosphäre, und gerade die Welt der Superreichen bietet reichlich Stoff für skurrile Beobachtungen.
Leider bleibt hinter dieser charmanten Oberfläche jedoch für mich zu wenig hängen. Mein größtes Problem ist der fehlende Tiefgang, der für mich eng mit Samara als Hauptfigur zusammenhängt. Zwar werden durchaus Themen wie Einsamkeit, Orientierungslosigkeit und dunkle Wolken angesprochen, dennoch bleiben Ängste und negative Emotionen beim Lesen weit weg und schwer greifbar - weggedrückt von der ständig fliehenden, urteilenden, lügenden und sich neu erfindenden Samara, die alles tut, um sich nicht mit ihren Gefühlen auseinandersetzen zu müssen. Versteht mich nicht falsch, das hätte durchaus ein toller Ansatz für eine großartige Charakterstudie sein können. Ich finde es grundsätzlich spannend, wenn AutorInnen Figuren schreiben, die egoistisch, überheblich, manipulativ oder schlicht unangenehm sind. Beim Lesen hatte ich allerdings zunehmend das Gefühl, dass ihr Verhalten nicht wirklich hinterfragt, sondern teilweise sogar als Ausdruck von Freiheit und beneidenswertem Mut zur Selbstverwirklichung romantisiert wird. Dadurch wurde Samara für mich weniger interessant unangenehm als schlicht anstrengend.
Auch die Nebenfiguren und die Liebesgeschichte konnten mich nicht wirklich abholen. Fritzi wird (wie alle anderen vorkommenden Männer) vor allem als ausgesprochen schön und begehrenswert beschrieben, während die romantische Ebene insgesamt eher flach bleibt. Auch das Profil von Nebenfiguren geht kaum über die Nennung von Aussehen, Name und Beruf hinaus. Das ist wirklich schade, denn gerade die Welt, in die Samara in St. Moritz hineingerät, hätte deutlich mehr hergegeben. Die Idee, eine Hochstaplerin in ein Milieu zu schicken, das selbst von Status, Selbstinszenierung und dem Verkauf einer bestimmten Version der eigenen Person lebt, finde ich nämlich nach wie vor großartig. Genau daraus hätte sich eine bissige Satire entwickeln können: Ist Samara tatsächlich unehrlicher als die Menschen, die ihr dort begegnen? Was bedeutet Authentizität in einer Welt, in der sich jeder selbst vermarktet? Und wo verläuft überhaupt die Grenze zwischen Selbstinszenierung und Identität? Stattdessen bleibt vieles bei aktuellen Beobachtungen stehen, die zwar treffsicher, aber eben auch sehr einfach sind. Gerade die Gesellschaftskritik an Influencer-Kultur, Luxus und vermeintlicher Wokeness funktioniert deshalb für mich eher als amüsante Momentaufnahme denn als wirklich tiefgehende Auseinandersetzung.
Zu dem eher gemischten Eindruck kommen einige kleinere Ungereimtheiten, über die man als mitdenkender Leserin zwangsläufig stolpert: Frisuren, die sich offenbar spontan verändern, ein stundenlang ungekühlt herumgetragenes Steak, Nachrichten trotz ausgeschalteter mobiler Daten oder eine erstaunlich schnelle Genesung von einem am Vortag geprellten Fuß. Nichts davon hätte mir den Lesespaß verdorben, zusammengenommen erweckt es aber doch den Eindruck, dass das Lektorat an der einen oder anderen Stelle ebenfalls eine kleine Auszeit in den Bergen gebraucht hätte. Und überhaupt passt das ein wenig zum Gesamteindruck des Romans: „1999 Meter über dem Meer“ ist ein bisschen wie Müllermilch trinken, obwohl man etwas gegen den Besitzer hat; man übersieht aufgrund der Süße gerne die Widersprüche und liest weiter, auch wenn man am Ende ein bisschen Bauchschmerzen davon bekommt.
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