Allgemeines
Titel: Tithe: Elfentochter
Autorin: Holly Black
Verlag:
cbt (12. August 2016
Genre: Fantasy
Seitenzahl: 304 Seiten
Originaltitel: Tithe (übersetzt von Anne Brauner)
Weitere Bände: Valiant (Herbst 2026); Ironside (Frühjahr 2027)
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Inhalt
Bewertung
Eine zwar bereits 2002 veröffentlichte, aber mir komplett unbekannte Reihe einer meiner Lieblingsautorinnen, die im düsteren Elfenreich spielt in einer schönen, neuen Auflage? Yessss! Als großer Fan von "The Cruel Prince" und der Elfenheim-Reihe von Holly Black musste ich unbedingt "Tithe" und damit den ersten Band der Modern-Faerie-Tales-Reihe lesen. Leider war mir aber schon nach mehreren Kapiteln klar, wieso die Reihe anders als die Cruel-Prince Reihe nicht so durch die Decke gegangen ist...
Denn leider merkt man im Vergleich zu Holly Blacks späteren Reihen an mehreren Stellen sehr deutlich, dass "Tithe" eines ihrer ersten Bücher ist. Ein erster Hinweis ist die eher schwache Handlungsgestaltung. Genau wie ihre späteren Romane ist "Tithe" kein dicker Wälzer, sondern mit knapp 300 Seiten angenehm kompakt erzählt. Dementsprechend wenig Zeit wird für lange Erklärungen oder ausuferndes Worldbuilding investiert. Stattdessen werden wir nach einem kurzen Prolog direkt in Kayes Leben geworfen, die sich nach einem Umzug in ihre frühere Heimatstadt in die Welt der Fae verstrickt. Das ist auch gar kein Problem, denn dadurch entwickelt die Geschichte durchaus einen gewissen Sog und bleibt über weite Strecken unvorhersehbar. Die Autorin hat schon immer mit losen Handlungsfäden, starker Dynamik und hohem Erzähltempo gearbeitet, allerdings greifen Intrigen, Figuren und Wendungen hier nicht so elegant zusammen, wie ich es beispielsweise aus "Elfenkrone" kenne. Hier liest sich vieles eher sprunghaft statt wendungsreich, unzusammenhängend statt abwechslungsreich und unlogisch statt komplex.
Zu dem leicht unzusammenhängenden Eindruck trägt leider auch der Schreibstil bei, der ebenfalls noch nicht ganz so reif wirkt. Hier wirken manche Sätze noch etwas holprig, Dialoge teilweise künstlich und Übergänge zwischen einzelnen Szenen überraschend abrupt. Hin und wieder hatte ich tatsächlich Schwierigkeiten, genau nachzuvollziehen, was gerade passiert oder wie wir eigentlich von einer Szene zur nächsten gekommen sind. Ihre späteren Bücher finde ich sprachlich wesentlich sicherer, eleganter und atmosphärisch dichter. Gleichzeitig gibt es jedoch immer wieder Momente, in denen bereits die Holly Black durchscheint, die ich später so lieben gelernt habe. Vor allem wenn sie ihre ambivalenten Feen beschreibt, sich auf klassische Märchenmotive stützt oder in die düstere, fremdartige und teilweise ausgesprochen grausame Welt unter dem Hügel führt, entwickelt ihre Sprache plötzlich einen ganz eigenen Zauber. Die wunderbar unheimlich-schöne Atmosphäre, die dadurch entsteht, war für mich schon immer eine der großen Stärken ihrer Romane.
Ebenfalls auffallend sind die recht großen Überschneidungen zur Elfenkrone Reihe. Viele Handlungselemente von "Tithe" - Grundideen, Figurenkonstellationen und vor allem die Darstellung der Elfen - wirken wie frühe Entwürfe, die die Autorin in "Elfenkrone" nochmal neu aufgreift. Das ist besonders interessant, weil beide Reihen offensichtlich in derselben Welt angesiedelt sind, aber ansonsten recht gut für sich stehen können. Wenn Roiben und Kaye nicht als Nebenfiguren in der Folk of the Air-Trilogie auftauchen würden (was ich eben erst erfahren habe), könnte man davon ausgehen, dass beide Reihen in ähnlichen, aber doch parallel-verschiedenen Universen spielen würden.
Was mir neben den Schwächen einer Debütreihe außerdem aufgefallen ist, wie schlecht manche Aspekte des Romans gealtert sind. Das betrifft nicht nur die teilweise rassistische und homophobe Sprache, sondern auch das dargestellte Jugendmilieu mit Alkohol, Drogen, Partys und problematischen sexuellen Dynamiken. Leider wird nichts davon kritisch eingeordnet und steht gleichwertig neben den grausamen Intrigen der Elfen, wodurch viele Szenen einen unangenehmen Beigeschmack haben. Natürlich sollte man einen Roman von 2002 auch im Kontext seiner Entstehungszeit betrachten, aber das hat mir die ohnehin wenig sympathischen Figuren nur wenig näher gebracht.
Und damit komme ich leider zu meinem größten Problem mit dem Buch: den Figuren. Vor allem die Hauptfigur Kaye hat es mir ausgesprochen schwer gemacht, eine emotionale Verbindung zur Geschichte aufzubauen. Ich habe grundsätzlich überhaupt nichts gegen unsympathische Protagonistinnen – im Gegenteil, gerade moralisch ambivalente Frauenfiguren können unglaublich spannend sein. Bei Kaye hatte ich allerdings nicht das Gefühl, dass ihre Fehler bewusst als interessante Charaktereigenschaften eingesetzt werden. Sie handelt häufig egoistisch oder gedankenlos, trifft fragwürdige Entscheidungen und verletzt andere, ohne dass die Geschichte diese Handlungen wirklich kritisch hinterfragt. Dadurch wurde sie für mich weniger zu einer faszinierend schwierigen Hauptfigur als schlicht zu jemandem, mit dem ich nicht besonders gerne Zeit verbracht habe. Auch ihr Freundeskreis konnte daran wenig ändern, da viele Figuren ebenfalls eher über ihre negativen Eigenschaften definiert werden. Mir fehlte dadurch ein emotionaler Anker – eine Figur, bei der ich trotz aller Fehler wirklich mitfiebern wollte.
Auch die Liebesgeschichte konnte mich überhaupt nicht erreichen. Kaye trifft Roiben, ist praktisch sofort fasziniert von ihm und kurze Zeit später stehen große Gefühle im Raum. Nur: Warum eigentlich? Die beiden verbringen kaum genug Zeit miteinander, um eine glaubwürdige Verbindung aufzubauen, und entsprechend konnte ich ihre gegenseitige Anziehung überhaupt nicht nachvollziehen. Die Dynamik zwischen ihnen hatte für mich keinen besonderen Reiz und wirkte eher wie eine typische YA-Romanze, die funktionieren soll, weil die Geschichte es behauptet. Gerade im Vergleich zu Holly Blacks späteren Beziehungen, die häufig von Macht, Manipulation und komplizierten Loyalitäten leben, wirkt diese Romanze erstaunlich oberflächlich und passt damit in ein Buch, das zwar interessante Ansätze hat, aber einfach nicht ganz ausgereift wirkt.
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