Freitag, 23. Januar 2026

Kurzrezension: Cultish


Die Fakten

Titel: Cultish
Autorin: Amanda Montell
Verlag: Harper (15. Juni 2021) 
Genre: Sachbuch
Seitenzahl: 309 Seiten
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Der Inhalt


Die wenigsten Menschen fühlen sich einem Kult zugehörig, und dennoch fallen viele in den verzweigten Kaninchenbau ihrer bizarren Gerüchte und Versprechungen. Dabei sind es nicht allein Sekten wie Scientology, die unseren Alltag durchdringen, sondern auch unscheinbare Lifestyle-Kulte um Fitnessgeräte, Stars oder Produkte. Für die Linguistin Amanda Montell greifen vage Erklärungen wie Brainwashing oder Gedankenkontrolle zu kurz. Der Schlüssel liegt nicht in der Dämonisierung von Kulten, sondern in der Analyse gezielter Sprachverfahren, durch die es ihnen gelingt, eine Ideologie, eine Gemeinschaft und ein Gefühl der Polarisierung durchzusetzen. Von den Codeswitching-Methoden des Sektenführers Jim Jones bis zum Love-Bombing der Netzwerk-Marketing-Profis – mit ihrer bissig-komischen und persönlichen Auseinandersetzung mit dem Universalismus kultischen Denkens lehrt uns Amanda Montell die Sprache der Kulte. Denn wir bemerken sie meist erst dann, wenn wir viel zu tief drinstecken.




Meine Eindrücke

In "Cultish: The Language of Fanaticism" erklärt Amanda Montell, wie Sprache eingesetzt wird, um Menschen emotional zu binden und fanatische Gruppenzugehörigkeit zu erzeugen. Die Grundidee, dass nicht Ideologien allein, sondern vor allem sprachliche Mechanismen Fanatismus begünstigen, hat mich sofort angesprochen und ich habe mich gerne 309 Seiten lang mit der Autorin auf den Weg gemacht zu ergründen, wie dies geschieht.

"From the crafty redefinition of existing words (and the invention of new ones) to powerful euphemisms, secret codes, renamings, buzzwords, chants and mantras, ‘speaking in tongues,’ forced silence, even hashtags, language is the key means by which all degrees of cultlike influence occur.”


Im ersten Teil wird zunächst definiert, was unter „Kult“ überhaupt zu verstehen ist und wie sich die Bedeutung des ursprünglich neutralen Begriffs historisch von einer stark negativ konnotierten Bezeichnung bis hin zu einem heute oft ironisch oder popkulturell verwendeten Schlagwort gewandelt hat. Dafür greift die Autorin auch verschiedene bekannte, überwiegend amerikanische, Kulte auf. Einige, wie beispielsweise Scientology, waren mir bereits bekannt, von anderen hörte ich aber zum ersten Mal. Auch wenn sie diese Sekten-Vorstellungen als Grundlage für ihre Analysen nutzt, fand ich diese Abschnitte etwas lang geraten, da sie sich mehr nach effektheischender True-Crime-Dokumentation als nach linguistischem Sachbuch liest. 

"That’s because language doesn’t work to manipulate people into believing things they don’t want to believe; instead, it gives them license to believe ideas they’re already open to. Language—both literal and figurative, well-intentioned and ill-intentioned, politically correct and politically incorrect—reshapes a person’s reality only if they are in an ideological place where that reshaping is welcome.

Deutlich gewinnbringender fand ich hingegen die Abschnitte, in denen die Mechanismen kultischer Sprache auf andere gesellschaftliche Bereiche übertragen werden. Die Autorin arbeitet anhand von Beispielen aus Influencer-Kultur, CrossFit oder Pyramidensystemen heraus, dass fanatische Sprache nicht auf religiöse Kulte beschränkt ist, sondern ebenso in Marketing, Social Media, Politik, Sport, Lifestyle-Kults oder Multi-Level-Marketing-Strukturen eingesetzt wird. Eben in allen Bereichen, die das menschliche Verlangen nach einer starken Gruppenzugehörigkeit ausnutzen und Sprache subtil und gleichzeitig wirkungsvoll Sprache als Machtinstrument einsetzen, um Personen zu isolieren, Abgrenzung zu verstärken und Kritik zu delegitimieren.

"The biggest joke in religious studies is that cult + time = religion.”

Das ist denke ich der größte Gewinn des Buches: Es schärft die Aufmerksamkeit dafür, wie allgegenwärtig kultische Sprachmuster auch außerhalb offensichtlicher Extremfälle sind. Allerdings steht die kultische Sprache dabei nicht ganz so sehr im Mittelpunkt wie der Titel vermuten lässt. Eine systematische sprachwissenschaftliche Analyse findet kaum statt, stattdessen dominieren persönliche Anekdoten, Gespräche und eher lose Beobachtungen. Der Aufbau wirkt stellenweise unsystematisch und hätte von einer klareren Struktur und stärkeren Fokussierung profitiert. Trotz dieser Schwächen halte ich "Cultish" für ein gelungenes und wichtiges Buch zu kulturell-kritischer Bewusstseinsarbeit. Amanda Montell gelingt es, komplexe Mechanismen verständlich darzustellen und uns Leser:innen dafür zu sensibilisieren, wie Sprache Zugehörigkeit, Loyalität und Abhängigkeit erzeugen kann.

Fazit

Cultish ist ein gut lesbares, anregendes Sachbuch, das weniger durch sprachwissenschaftliche Tiefe als durch seine Fähigkeit überzeugt, gut zugänglich für die allgegenwärtige Macht manipulativer Sprache in Kulten und kultähnlichen Strukturen zu sensibilisieren.

*keine WERBUNG,  selbstgekauft*

Quelle Informationen: Goodreads.de. Klapptexte und Zitate sind Eigentum des Verlags oder jeweiligen Rechtinhabers.

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