Sonntag, 12. April 2026

Spotlight Sachbuch: Entromantisiert Euch!



Allgemeines

Titel: Entromantisiert euch!
Autorin: Beatrice Frasl
Verlag: Haymon Verlag (17. April 2025)
Genre: Feministisches Sachbuch
Seitenzahl: 277 Seiten
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Meine Eindrücke

Kaum etwas wird so beharrlich romantisiert wie die romantische Liebe. Wie sehr sie in Musik, Literatur und Film wird seit Jahrhunderten verklärt wird und gesellschaftlich als zentraler Baustein für ein erfülltes Leben gilt, wurde mir erst in den letzten Jahren klar. "Entromantisiert Euch!" von Beatrice Frasl setzt genau da an: diese Selbstverständlichkeit radikal zu hinterfragen, die romantische Liebe als soziales Konstrukt zu kritisieren, das insbesondere Frauen benachteiligt und dafür zu plädieren, lieber andere Formen der Liebe zu zentralisieren. 

"Wenn ich an Liebe denke, denke ich an meine Freund*innen!"

Auf 277 Seiten plädiert die Autorin dafür, andere Formen von Nähe und Bindung stärker in den Mittelpunkt zu rücken. Besonders Freundschaften, Wahlfamilien und platonische Netzwerke hebt sie als unterschätzte, zugleich stabilere und gesündere Alternativen hervor. Ihre zentrale These deckt sich dabei mit vielen Argumenten gegen das Heteropatriarchat: Der Fokus auf heteroromantische Paarbeziehungen ist keineswegs naturgegeben, sondern erfüllt im patriarchalen System die klare Funktion den Status quo zu erhalten. Solche Beziehungen bringen strukturelle Vorteile für Männer mit sich, während Frauen häufig die Nachteile tragen: von einem überproportionalen Anteil an unbezahlter Care-Arbeit über wirtschaftliche Abhängigkeiten bis hin zu erhöhtem Risiko für Altersarmut und gesundheitliche Belastungen. Außerdem sorgt die starke Zentrierung der romantischen Liebe dafür, dass andere Familienmodelle als die Kleinfamilie verdrängt werden, dass Freundschaften und andere wichtigen Beziehungen abgewertet werden und eher Vereinzelung und Inselbildung stattfindet. Soweit gehe ich zu 100% mit der Autorin mit. In einer Zeit, in der sich immer mehr Frauen aus genau diesen Gründen bewusst gegen eine klassische heteronormative Partnerschaft entscheiden und gleichzeitig Männer sich in einer Einsamkeits-Epidemie wähnen, trifft diese Analyse genau den Punkt und bildet einen wichtigen Ausgangspunkt, um gemeinsam zu diskutieren, was sich ändern muss. 

"Schwesternschaft ist mir ein inneres Bedürfnis, denn um mich herum leben zahllose glänzende, begabte, engagierte, unglaublich tolle Frauen, die meine ganze Unterstützung und Liebe verdienen. Sie und Frauen im Allgemeinen sollen von meiner zwischenmenschlichen Energie profitieren."

Allerdings hat das Buch auch deutliche Schwächen. Die Argumentation wirkt stellenweise repetitiv, wenn zentrale Thesen immer wiederholt werden. Die Autorin kritisiert häufig bestehende Strukturen scharf, ohne jedoch konkrete Alternativen oder Lösungsansätze auszuarbeiten. Außerdem war mir der Ton an manchen Stellen zu provokant und polemisch. Die Möglichkeit, dass es gesunde, gleichberechtigte und stabile Partnerschaften geben kann, wird praktisch gleich ausgeschlossen. Wo der Blick auf romantische Liebe in der sonstigen Gesellschaft und Popkultur verklärt positiv ist (wie sie wunderbar herausarbeitet), präsentiert sie hier also ein einseitig negatives Bild. Wenn sie das Gefühl und die Neuropsychologie hinter romantischer Liebe mit Zwangsstörungen oder einer Suchterkrankung vergleicht, schießt sie doch über das Ziel hinaus und vergisst, den biologischen, evolutionären und gesellschaftlichen Nutzen von Liebe dagegenzuhalten. Als scharfe Gegenrede zur sonstigen Überhöhung der Liebe ist das Buch also durchaus geeignet, aber eine neutrale, differenzierte Darstellung, die verschiedene Seiten miteinbezieht, kann sie leider nicht bieten. 

"Ich will also gar nicht weniger Liebe, sondern mehr. Und andere. Und ich bin überzeugt davon, dass die romantische Liebe der Liebe im Weg ist."

Zudem bleibt der Anspruch auf Inklusivität nur teilweise eingelöst. Obwohl queere Beziehungen angesprochen werden, richtet sich die Argumentation primär an cis Frauen in heterosexuellen Kontexten; andere Perspektiven werden vergleichsweise oberflächlich behandelt. Auch wenn die Autorin queere, romantische Beziehungen zurecht nicht von ihrer Kritik ausnimmt, trennt sie nicht konsequent genug zwischen queerplatonischen und queerromantischen Beziehungen und das Acespektrum wird sowieso nur am Rande gestreift.

Fazit

"Entromantisiert Euch" kann also durchaus Prozesse anregen und hat dabei sehr überzeugende Grundthesen, bietet aber zu wenig Raum für eigene Perspektiven oder abweichende Meinungen, um als Gesamtes richtig überzeugen zu können.

*keine WERBUNG, gehört über Bookbeat*

Quelle Informationen: Goodreads.de. Klapptexte und Zitate sind Eigentum des Verlags oder jeweiligen Rechtinhabers.

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