Hallöchen,
jetzt sind wir schon wieder im Oktober angelangt und bewegen uns schon auf die Zielgerade von 2026 zu. Mit dem kommenden Messewochenende im Blick (auch hier habe wieder vor, nach Frankfurt zu fahren) möchte ich heute diskutieren, was eine Buchmesse im Jahr 2026 als Veranstaltung eigentlich überhaupt leisten und darstellen soll/muss/kann. Denn wenn ich auf die vergangenen Jahre zurückblicke, habe ich durchaus das Gefühl, dass sich die Buchmesse verändert hat – und zwar nicht nur in Details, sondern in ihrer grundsätzlichen Funktion:
Was erwartet Ihr eigentlich von einer Buchmesse – Bücher, Begegnungen oder Entertainment?
Wenn ich an meine ersten Buchmessen denke, steht zunächst einmal die Funktion als Treffpunkt der Buchbranche im Mittelpunkt: Verlage präsentieren ihre Neuerscheinungen, FachbesucherInnen treffen GeschäftspartnerInnen, AutorInnen stellen ihre Bücher vor, Agenturen halten Ausschau, ÜbersetzerInnen tauschen sich aus und LeserInnen kommen, um sich durch die Hallen treiben zu lassen, neue Bücher zu entdecken und vielleicht das eine oder andere bekannte Gesicht zu treffen.
Inzwischen ist dieses Bild deutlich vielfältiger geworden. Die Buchmesse ist nicht mehr nur Ort der Präsentation, sondern zunehmend auch Erlebnisraum. Es gibt Bühnen, Mitmachangebote, Themenwelten, Fotospots, Gaming, Manga und Cosplay, Hörbücher und Podcasts, Film und Serien, Community-Formate und natürlich Social Media. Die Frankfurter Buchmesse selbst bezeichnet ihr neues Konzept inzwischen als „begehbares Lesefestival“ und baut 2026 die Zahl der Bühnen und Erlebnisbereiche noch einmal deutlich aus. Neu hinzu kommen beispielsweise eine Matsuri Stage für Manga, Cosplay und japanische Popkultur, eine Community Stage für Fantasy, Gaming und Popkultur sowie eine eigene Creator Lounge. Die Buchmesse ist also nicht nur Messe, sondern zeitgleich auch Literaturfestival, Publikumsveranstaltung, Fan-Event, Social-Media-Kulisse, Community-Treffpunkt, Marketingplattform sowie politisches und gesellschaftliches Diskussionsforum.
Gleichzeitig muss die Messe als Veranstaltungsort neben verschiedenen Funktionen auch verschiedene Zielgruppen abdecken und unterschiedliche Erwartungen unter einen Hut bringen. Für Fachbesucherinnen ist sie ein wichtiger Treffpunkt der Branche, an dem es um Rechtehandel, Übersetzungen, internationale Kontakte, Networking, neue Marktbereiche und Geschäftsgespräche geht. Für Leserinnen ist sie dagegen vor allem ein Ort, an dem sie Autorinnen treffen, Bücher entdecken, Lesungen besuchen und ihre Begeisterung für Literatur mit anderen teilen können. Die Frankfurter Buchmesse versucht darauf 2026 mit ihrem neuen Hallenkonzept eine konkrete Antwort zu geben: Das Publikumserlebnis soll sich stärker in den ebenerdigen Bereichen konzentrieren, während die oberen Ebenen stärker auf das internationale Fachgeschäft, Networking und konzentriertes Arbeiten ausgerichtet werden. Die Messe spricht selbst davon, die unterschiedlichen Bedürfnisse von Publikum und Branche klarer voneinander zu trennen. Ich finde diesen Ansatz grundsätzlich nachvollziehbar. Denn natürlich kann es schwierig sein, wenn jemand gerade versucht, ein wichtiges Geschäftsgespräch zu führen, während wenige Meter weiter hunderte Besucherinnen auf den nächsten Programmpunkt warten. Gleichzeitig frage ich mich aber auch, ob die Trennung wirklich so einfach funktioniert. Denn gerade das Aufeinandertreffen verschiedener Gruppen ist doch ein Teil dessen, was eine Buchmesse ausmacht. Fachleute, Autorinnen, Bloggerinnen, Leserinnen, Verlage und internationale Gäste befinden sich eben nicht nur in voneinander getrennten Welten. Sie sollen miteinander ins Gespräch kommen, voneinander profitieren und im besten Fall genau diese Mischung erzeugt die besondere Atmosphäre einer Buchmesse.
Deshalb stellt sich für mich die Frage: Was ist eine Buchmesse eigentlich noch, wenn das Buch nur noch einer von vielen Bestandteilen eines großen Events ist? Muss eine Buchmesse heute vor allem Bücher präsentieren? Muss sie Begegnungen ermöglichen? Oder muss sie vor allem ein Erlebnis schaffen, das BesucherInnen begeistert und dazu bringt, wiederzukommen? Was lockt Euch an, auf eine Buchmesse zu kommen, oder was schreckt Euch persönlich ab?
Ich persönlich bin ja gerne erstmal offen gegen über Veränderungen, denn gerade die Buchbranche lebt davon, dass sich Lesegewohnheiten, Mediennutzung und Interessen mit der Zeit verändern. Außerdem bin ich nach wie vor ein großer Fan der Messe - daran können auch die vollen Hallen, langen Schlangen und Reizüberflutung jedes Jahr nichts ändern. Ich muss aber zugeben, dass ich der zunehmenden Eventisierung der Messe etwas zwiegespalten gegenüberstehe. Auf der einen Seite finde ich es großartig, dass sie ein ganz neues Publikum anlockt und vor allem viele junge Menschen auf die Messe strömen. Wenn Menschen über Fantasy, Romance, Manga, Hörbücher oder BookTok zur Buchmesse kommen, die vielleicht früher gar keinen Anlass gehabt hätten, mehrere Stunden durch Messehallen zu laufen, sehe ich darin eine große Chance für die gesamte Branche. Bücher erreichen neue Zielgruppen – und eine Veranstaltung, die Bücher sichtbar machen möchte, sollte meiner Meinung nach auch dort stattfinden, wo diese Menschen ihre Interessen und Communities finden.
Trotzdem finde ich die Frage spannend, an welchem Punkt aus dem Berichten über ein Erlebnis das Erlebnis selbst wird. Wenn ein Messebesuch zunehmend daraus besteht, Fotos an bestimmten Spots zu machen, möglichst viele Signierstunden mitzunehmen, Goodie Bags zu sammeln, Content zu produzieren und die eigene Anwesenheit zu dokumentieren – wie viel Raum bleibt dann eigentlich noch dafür, sich einfach treiben zu lassen, einen kleinen Verlag zu entdecken, ein unbekanntes Buch aus dem Regal zu ziehen oder spontan mit jemandem über Literatur ins Gespräch zu kommen? Wenn es Bühnen, Fotospots, Mitmachaktionen, Cosplay, Gaming, Podcasts, Film, Hörbuch-Erlebnisse und zahlreiche weitere Programmpunkte gibt, wird die Frage nach dem eigentlichen Mittelpunkt der Veranstaltung umso interessanter.
Denn vielleicht müssen wir uns auch von der Vorstellung verabschieden, dass das Buch auf einer Buchmesse zwangsläufig immer im Mittelpunkt stehen muss. Bücher sind längst Teil einer größeren Medien- und Kulturwelt. Eine Geschichte kann als Roman beginnen, als Hörbuch weiterleben, verfilmt werden, auf TikTok diskutiert, als Cosplay umgesetzt oder in einer Gaming-Adaption aufgegriffen werden. Für mich ist deshalb weniger die Frage, ob diese Entwicklung richtig oder falsch ist. Viel interessanter finde ich, wie viel von allem eine Buchmesse gleichzeitig sein kann, ohne ihre Besucher zu überfordern. Auf genau diesen Punkt bin ich dieses Jahr besonders gespannt - und werde nach meinem Besuch berichten.
Und dann gibt es schlussendlich noch eine Funktion der Buchmesse, die mir persönlich besonders wichtig ist und die über Bücher und Unterhaltung hinausgeht: ihre gesellschaftliche und politische Rolle. Eine Buchmesse ist schließlich auch ein Ort, an dem unterschiedliche Perspektiven aufeinandertreffen. Autorinnen, Journalistinnen, Wissenschaftlerinnen, Verlage und Besucherinnen diskutieren über Themen, die weit über Literatur hinausreichen. Bücher sind schließlich nie nur Unterhaltung. Sie erzählen von Gesellschaft, Geschichte, Politik, persönlichen Erfahrungen und unterschiedlichen Lebenswelten. Dass darüber auf einer internationalen Buchmesse gesprochen wird, erscheint mir deshalb fast zwangsläufig. Die Frankfurter Buchmesse versteht sich ausdrücklich auch als Debattenforum und bezeichnet den Austausch, Vielfalt, Meinungsfreiheit und demokratische Diskussion als Teil ihres Selbstverständnisses. Umso aufgeladener sind deshalb jedes Jahr die Diskussionen um ein- oder ausgeladene Gäste, rechtsextreme Verlage, Cancel Culture und Diversität. Muss die Buchmesse ein politischer Ort sein? Wie viel Raum sollte es für gesellschaftliche Debatten geben? Und wie geht man mit Meinungen und Positionen um, die kontrovers sind oder von BesucherInnen sehr unterschiedlich bewertet werden? Ich sehe es sehr kritisch, dass destruktiven Kräften eine Bühne geboten wird, auf der anderen Seite verstehe ich das Bestreben der Veranstalter, alle Perspektiven miteinbinden zu wollen. Ich finde, da muss im Einzelfall abgewogen werden, aber generell geht für mich klar vor, dass die Messe für alle ein sicherer Ort bleibt und Parteien, die die Daseinsberechtigung und Würde von gesellschaftlichen Gruppen in Frage stellen keinen Platz bekommen.
Man sieht an dem ellenlangen Beitrag mit allerlei Umwegen und Serpentinen, dass ich mir eigentlich eine unmögliche Frage gestellt habe. Denn die Buchmesse ist für mich vieles gleichzeitig - Fachmesse, Literaturveranstaltung, Treffpunkt, Community-Event, Entdeckungsreise, manchmal auch Reizüberflutung und gelegentlich ganz sicher auch Social-Media-Kulisse -, und vielleicht ist genau das am Ende auch der Grund, warum ich trotz all dieser Fragen jedes Jahr wieder gerne nach Frankfurt fahre. :)
Wie ist das bei Euch?
Liebe GrüßeSophia
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Nächste Woche bei der Montagsfrage:
Gibt es ein Buch, das Ihr wegen des Settings und nicht wegen der Handlung empfehlen würdet?
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