Dienstag, 14. Februar 2017

Die unterirdische Sonne

 
Allgemeines:
 
Titel: Die unterirdische Sonne
Autor: Friedrich Ani
Verlag: cbt (14. Dezember 2015)
Genre: Thriller
ISBN-10: 3570162613
ISBN-13: 978-3570162613
ASIN: B00HA9OO06
Seitenzahl: 336 Seiten
Preis: 8,99€ (Kindle-Edition)
16,99€ (Gebundene Ausgabe)
9,99€ (Taschenbuch)

 

Inhalt:


"Am Rand der Nacht, in der Stille der Nacht allein. Kein Stern, keine Stimme. Verlassen von den Menschen und von Gott."
...
Eine Insel.
Ein Haus.
Ein Keller.
Fünf Jugendliche, die mit Gewalt darin festgehalten werden.
Kein Tageslicht.
Und täglich wird einer von ihnen nach oben geholt.
Doch niemand spricht über das, was dort geschieht.
Denn wer spricht, stirbt, bekommen sie gesagt.
 Die Lage scheint aussichtslos, und Angst, Wut, Schmerz, Verzweiflung und Sehnsucht lassen die Jugendlichen beinahe verrückt werden.
Doch nichts kann sie retten vor den schrecklichen Dingen, die geschehen.
Bis ein neuer Junge zu ihnen gebracht wird, der nicht bereit ist, die Gewalt zu akzeptieren.
 ...
 


Bewertung:


Der erste Satz: "Ich hab keine Angst, hab ich nicht ..."


Das Cover des Buches wirkt auf den ersten Blick harmlos und hübsch. Der rote Schmetterling und der weiße Hintergrund wirken zunächst lange nicht so Schrecklich, wie der Klapptext es verspricht. Noch bei genauerem Hinsehen zeigen sich Flecken auf dem weißen Hintergrund: Ein Rot/Schwarzer Spritzfleck, der sehr an Blut erinnert und einige dunkle Färbungen am Rand, die wie Knitterfalten anmuten. Gepaart mit dem Titel "Die unterirdische Sonne" bekommt dieses Bild eine ganz andere Bedeutung und jagt mir - nun nach dem ich das Buch gelesen habe- eine Gänsehaut über den Rücken. Der Klappentext ist sehr gut gewählt, er regt Spannung an, verrät aber noch nicht viel. Was mir außerdem noch Positiv aufgefallen ist, ist das empfohlene Lesealter ab 16 Jahren. Ich würde nach der Lektüre des Buches, die Altersbegrenzung ebenfalls bei 16 setzten und finde es super, dass das im Gegensatz zu vielen anderen Büchern vom Verlag erwähnt wird.

Dieses Buch zu rezensieren fällt mir ziemlich schwer, da ich diese beklemmende und verzweifelte Atmosphäre, die Friedrich Ani durchgehend geschaffen hat, kaum beschreiben kann. Außerdem wäre jeder Satz, den ich über den Klapptext heraus zum Inhalt schreiben würde, ein ganz gemeiner Spoiler, was die Begründung meiner Meinung nicht gerade einfacher macht. Ich werde also einfach meinen Eindruck schildern. 
...


"Wie das Lachen ging, wussten sie nicht mehr.
Auch ihr Lächeln nahmen sie nicht wahr. Sie meinten, ihre Lippen würden bloß sinnlos zucken."


Zu aller erst ein paar Worte zur inneren Form: Der Autor teilt die Handlung in drei Akte, was mich an ein klassisches Drama erinnert hat, nummeriert die Szenen aber stetig durch. Durch diese Strukturierung fühlt man sich als Leser ein bisschen so, als schaue man einem grausigen Theaterstück zu, dass von den Entführern konstruiert wurde. Wenn dieser faszinierende aber schreckliche Effekt vom Autor beabsichtigt gewesen war: Hut ab! Der zweite Akt trägt die Kernhandlung und ist auch am längsten, während Akt 1 und Akt 3 wie eine Einleitung und ein Ende wirken, auch wenn ich diese zwei Begriffe eigentlich nicht verwenden möchte, da wir nicht auf die Handlung vorbereitet werden und auch das Ende eigentlich kein richtiges Ende ist. Die Geschichte beginnt ganz plötzlich, ohne Einleitung, Vorwort, Prolog oder sonstige Vorbereitung. Der Leser ist einfach ganz unmittelbar bei den Kindern, taucht in ihre Gedanken und Ängste ein. Zu Beginn weiß man gar nichts, was durchaus etwas frustrierend sein kann, doch glaubt mir: Es wird nicht weniger frustrierend, je mehr man erfährt. Denn nach sogenannten Erklärungen ist man oft genau so ahnungslos wie zuvor.

Nach und nach  erfährt man schleichend einige Details über die Entführungen oder ihre vorherigen Leben, doch auch diese Informationen bekommen wir nicht einfach so vorgesetzt: die kleine Maren bittet jeden ihrer fünf Mitgefangenen, ein Märchen zu erzählen und so bekommen wir die Geschichten der einzelnen Personen verschachtelt präsentiert, eingepackt in einem Märchen. Dies ist nur ein Beispiel für die fantastische Art des Autors, uns Lesern Fakten häppchenweise vorzusetzen, sodass man einerseits einen recht guten Überblick über die Inneren Vorgänge in den Kindern behielt, andererseits aber immer noch absolut ahnungslos war und mehr Infos wollte.


"Flüstern war verboten. Wer flüstert, stirbt, hatte einer der Männer gesagt. Dann war er gegangen und hatte die schwere Eisentür verriegelt, die aussah wie die Türen in Fernsehfilmen, die im Gefängnis spielten. Bloß ohne Klappe."


Auch was "oben" passiert, erfährt man nie wirklich komplett, was alles viel schlimmer macht. Denn was nicht explizit genannt wird, wird der eigenen Fantasie überlassen. Diese Geschichte lebt vor allem von dem, was nicht gesagt wird, denn auf der reinen Handlungsebene passiert eigentlich gar nicht viel. Das Hauptaugenmerk der Geschichte liegt nicht auf den schrecklichen Taten der Entführer, möglichen Fluchtversuchen oder irgendeiner Art von Rebellion, sondern vor allem auf der Angst, der Sehnsucht und der Verzweiflung der Kinder, was dieses Buch von den vielen anderen Thrillern etwas abhebt.

Als ich den Klapptext zum ersten Mal gelesen habe, habe ich mir sehr an "Bunker Diary" von Kevin Brooks erinnert gefühlt. Trotz das es einige Parallelen gibt, entwickelte sich dieser Thriller aber ganz anders. Abschließend betrachtet hat mir "Bunker Diary" wohl besser gefallen, da es einem in "Die unterirdische Sonne" sehr schwer fällt, eine Beziehung zu den Kindern aufzubauen. Die Charaktere reagieren alle recht unterschiedlich auf die Geschehnisse und entwickeln eine ganz eigene Art, damit umzugehen. Nachdem die Kinder von oben zurück gebracht wurden, verhielt sich jeder anders und die Gruppe akzeptierte jede eigene Art der Verstörung. Allgemein ist es sehr spannend, die fünf in solch einer Extremsituation als Gruppe agieren zu sehen. 


"Dass sie überhaupt noch am Leben war, kam ihr wie ein Wunder vor. Eigentlich wollte sie nicht mehr leben. Angst zu sterben hatte sie trotzdem."


Das Eingesperrtsein und die maßlose Hilflosigkeit der Jugendlichen ist sehr ergreifend, genau wie ihre gemeinsame Strategie, sich am Leben zu halten: ihre Geschichten. Sie erzählen sie sich in Gedanken selbst, teilen sie aber auch mit den anderen. Nur so entfliehen sie dem Keller, schöpfen erneut Kraft und Hoffnung, um noch einen weiteren Tag auszuhalten. Auch als sie schon kurz davor sind, sich vollkommen aufzugeben, nur noch auf einen baldigen Tod zu hoffen, können die Geschichten sie erneut ans Licht locken. Doch trotz einiger gemeinsamer Momente, begriffen alle recht schnell, dass die einzige richtige Möglichkeit, in dieser Hölle zu überleben, eine völlige emotionale Abschottung ist. So blieben wir Leser recht distanziert und die Charaktere ziemlich ungreifbar. Jedes Mal wenn ich das Gefühl hatte, kurz davor zu sein, sie endlich zu fassen zu bekommen, sind sie mir wieder entglitten. Ich bin eindeutig ein Fan von charakternahen Büchern und konnte mit den Charakteren leider nichts anfangen. Da dieses Buch einem trotzdem sehr nahe geht und nichts an Schrecklichkeit verliert, ist das eigentlich nicht weiter schlimm, für mich aber schon schade.

Jetzt aber noch einige Worte zu den Charakteren im Allgemeinen: Sophia (14) ist ein sehr gläubiges Mädchen. Selbst in dieser aussichtslosen Situation glaubt sie an den Herrn und daran, dass er sie retten wird. Einerseits finde ich es beeindruckend, wie sie ihren Glauben beibehält, mit ihrer Zuversicht erschien sie aber oft auch sehr naiv. Maren (13) ist recht charakterschwach und durchschnittlich. Sie ist so traumatisiert, dass sie während der Entführung zur Stotterin wurde.
Eike (11) ist der Jüngste von allen, was man auch deutlich an Verhalten und Emotionen sehen kann. Der älteste ist Conrad mit 16 Jahren, Leon (12) ist für sein Alter recht reif.
Noah ist die Hauptperson und kommt zum Schluss zur Gruppe hinzu. Er ist derjenige, der sich wehren möchte und alle aus der Gefangenschaft befreien will. Ich fand ihn nicht besonders nachvollziehbar, was vielleicht an meinen großen Erwartungen in ihn als Hauptperson und Hoffnungsträger oder schlichtweg an der extremen Situation lag, in die ich mich nicht hineinfühlen konnte.


"Sie taugte nichts mehr als Freundin, dachte sie, sie war zu nichts mehr nutze außer zum Benutzt werden. Sie war bloß noch ein Lumpen in der Dunkelheit."


 Die Geschichte spiegelt sich perfekt im Erzählstil wider: Sehr trocken, unpoetisch und kalt schildert Friedrich Ani doch sehr eindrucksvoll und erschreckend, wie die Kinder nach und nach zerbrechen. In kurzen und oft sehr nervtötenden Sätzen schafft er es doch immer wieder, mich zu fesseln. Man merkt dem Stil deutlich an, dass es Kinder sind, die hier erzählen und so gibt es einige seltsame Gedankengänge oder neue Wortkreationen die sich mir nicht so ganz erschlossen haben. Trotzdem bin ich sehr schnell vorangekommen. Gut gefallen hat mir das Erzählen aus den verschiedenen Perspektiven der Kinder. Die willkürlichen Sprünge zwischen dem aktuellen Geschehen im Keller, den Erinnerungen der Kinder und ihren Träumen haben die Stimmung, die dort herrscht, sehr gut widergespiegelt.
Abschließend kann ich nur zugeben, dass dieses Buch einen als Leser beschäftigen und nicht so schnell wieder loslassen wird, ob man es nun mag oder nicht. Denn das wirklich erschreckende ist die Tatsache, dass solche Geschichten nicht aus der Luft gegriffen sind, sondern sich Tag für tag vor unseren Augen ereignen. Immer wieder liest man in der Zeitung Geschichten über Kinder, die über Jahre in einem Keller gehalten wurden wie Tiere und durch diese Erfahrung ihr ganzes Leben geprägt sind. In Deutschland werden durchgängig etwa 2000 Kinder vermisst, einfach spurlos verschwunden. Sich an dieses schwierige Thema heranzuwagen und es auf eine so subtile Weise zu behandeln, verdient Respekt.
Wer sich nicht sicher ist, ob er die Thematik des Buches "aushält", sollte sich auf jeden Fall zunächst an die Leseprobe wagen, denn die Beklemmung, die die Lektüre des Buches mit sich bringt, ist von Anfang an vorhanden. Für zartbesaitete mag die Lektüre auf jeden Fall nicht geeignet.
Als ich dann am Ende angelangt war, war ich einerseits etwas enttäuscht von der unzureichenden Auflösung, habe aber andererseits das Gefühl gehabt, das Buch nun endlich zu verstehen. Auch wenn das jetzt sehr aus der Luft gegriffen klingt, denke ich, dass der Hauptaspekt, mit dem sich das Buch befasst, "Hoffnung" ist. Ja, ich weiß, nach allem was ich geschrieben habe, um Charaktere, Stimmung und Plot zusammenzufassen, klingt das wirklich nicht sehr plausibel. Doch ich bin der Meinung, dass das Buch ein interessantes Bild davon zeichnet, wie es einem gelingen kann, sich in einer solchen Situation nicht selbst und den Glaube daran, entfliehen und dem ganzen ein Ende setzen zu können, zu verlieren. Etwas zu finden, "das Licht in der Dunkelheit", das ihnen hilft, nicht aufzugeben, auch wenn es schwierig ist. Wenn man nach dieser Einsicht sich noch einmal den Titel, das Cover und ein weiteres Zitat ansieht, bekommt man eine wirkliche Gänsehaut:
Sie haben ihre unterirdische Sonne gefunden!!!

"Der elektrische Schmetterling flog aus dem Haus und kehrte nie mehr zurück."

 

Fazit:

Ein Buch, das mich zu sehr erschreckt hat, als das ich es als genial bezeichnen will. In manchen Zügen ist es ein horrordurchsetzter Psychothriller, der mit den Ängsten der Charakteren spielt, zeitweise die Darstellung von der Entwicklung der Kinder in einer solchen Situation voller namenlosem Grauen, aber vor allem eine düstere Story, die erzählt, wie "ein Licht in der Dunkelheit" einem helfen kann, sich nicht selbst zu verlieren.

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