Montag, 14. Januar 2019

Montagsfrage 14.01.19

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Hallöchen,
 
direkt nach zwei unseligen Stunden Deutsch Unterricht über die Naturlyrik des 19. und 20. Jahrhunderts (Stichworte: Symbolismus, Frührealismus, Rilke etc) trifft die heutige Montagsfrage über das "Stiefkind der Schulliteraturgattungen" (wie Antonia die Lyrik so nett betitelt hat) einen wunden Punkt. Trotzdem werde ich versuchen, nicht mit pessimistischem Einschlag zu beantworten:
 
 

Lyrik: ausgedient oder am aufblühen?

 
Bei Lyrik kommen bestimmt bei vielen von euch sehr negativ konnotierte Schicksalswörter wie "das lyrische Ich", "ein fünfhebiger Jambus" oder "Erlebnislyrik des Sturm und Drang" in den Sinn, bei dem es - ganz ehrlich - wirklich jeden schüttelt. Auch für mich als angehende Abiturientin bedeutet "Gedichtinterpretation" oder "Gedichtvergleich" ein endloses Herumrätseln an Metaphern, Aufdröseln von Versmaßen und Reimschema und Wiederkäuen von Epochenbezügen. Ich habe mich schon so oft gefragt, was es mir bringen soll, diese Kunstform so genau auseinander zu nehmen, das mir am Ende der Kopf total schwirrt und ich bei dem Wort "Kreuzreim" einen Würgereiz bekomme.
 
Doch hat das tatsächlich etwas mit der Lyrik an sich zu tun? Liegt meine Aversion gegen Gedichtinterpretationen daran, dass wir heutzutage mit Lyrik nicht mehr viel anfangen können?
Ich glaube nein! Ich denke, dass Lyrik egal in welcher Form schon immer eine Möglichkeit war, um abstrakte Gefühle und Gedanken oder auch einfach nur schöne Beschreibungen auszudrücken, sodass andere sich daran erfreuen können - einfach Kunst eben. Natürlich gibt es vielleicht Menschen, die dafür kein Gespür haben und keinen tiefergehenden Sinn in der Wortansammlung sehen (so geht es mir zum Beispiel mit moderner Kunst - für mich bloß Farbkleckse), aber ich denke, dass ganz viele von den negativen Gefühlen durch die undifferenzierte Herangehensweise in der Schulzeit antrainiert sind. Denn was spricht eigentlich dagegen, auch heute noch ein Gedicht von Rilke oder Herder zu lesen, das einfach nur schön ist und sich davon vielleicht inspirieren zu lassen oder einfach aus einer spontanen Regung selbst zu Papier und Stift zu greifen und etwas aufzuschreiben das vielleicht keinen Literaturnobelpreis verdient hat aber echt und einfach schön ist? Interpretation und Formanalyse einfach mal beiseite und die Gedichte lieber wirken zu lassen? Eigentlich nichts. Und deshalb denke ich auch nicht, dass Lyrik jemals veraltet sein wird und ausgedient hat. Vielleicht werden unsere Zugriffmöglichkeiten auf sehr alte Gedichte langsam schwinden aber dafür wird es wieder neue Kunstformen geben, die man mit Spannung verfolgen kann.
 
Eine dieser neuen Trendformen ist der Poetry Slam. Ich selbst schreibe ab und zu auch Texte, die darunter zu verordnen wäre und sehe mir auch regelmäßig die Meisterschaften und Auftritte in meiner Umgebung an. Von Cabaret in Gedichtform, philosophischen Anwandlungen, witzigen Zungenbrechern, Alltagsgeschichten bis hin zu hochpolitischen Pointen kann man da alles finden.
Außerdem lese ich auch gerne ab und zu den ein oder anderen Gedichtband im modernen Stil von kleinen, unbekannten Autoren. Und dann wäre da noch die Instagram-"Lyrik"... ja man liebt sie oder man hasst sie aber das fällt wohl auch unter die künstlerische Freiheit. Und wenn das der wirksamste Weg ist, um junge Menschen den Würgereiz auf das Wort "Gedicht" abzugewöhnen … warum nicht!
 
Wie seht ihr das? Spielt Lyrik in eurem Leben eine Rolle?
 
Liebe Grüße
Sophia
 

Kommentare:

  1. Huhu,

    Gedichtinterpretation .... ein Wort das auch bei mir mit grauß im Kopf herumgeht. Brrr.... Ich kann dich da sehr gut verstehen. Zu der Zeit als es nur ums "auswendiglernen" der kleinen ging, haben sie mich nie so gestört. "Zauberlehrling" und co. waren schnell gelernt und ich mochte den Klang. Aber jede Silbe 4 Mal umdrehen ... würg! Seit der Zeit lockt es mich gar nciht mehr. Hier und da ein Haiku finde ich schön, aber sie sind eben anders. ^^

    Tintengrüße von der Ruby

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    1. Hey Ruby,

      Naja, ich musste in drr fünften Klasse alle Strophen (21 soweit ich mich erinnere) von Schillers "Bürgschaft" auswendig lernen. Selbst da war ich also schon nicht mehr ganz so begeistert von Lyrik. Immerhin: die ersten vier Strophen bekomme ich heute noch zusammen!
      Mit Haikus kann ich leider nicht so viel anfangen. Für mich sind sie einfach zu kurz um eine wirkliche Wirkung auf mich entfalten zu können. Aber das ist echt Geschmackssache!

      Liebe Grüße
      Sophia

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  2. Es ist schön zu lesen, dass sich nicht jeder junge Mensch von seinem Deutschlehrer die Lust an Literatur nehmen lässt. Und Du hast vollkommen recht, dass so manch lyrisches Werk einfach nur gelesen werden möchte - ganz ohne Interpretation und Intention des Autors.

    Viele Grüße
    Der Büchernarr

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    1. Lieber Frank,

      Natürlich können die Deutschlehrer nicht unbedingt etwas dafür - sie müssen eben den Lehrplan einhalten und die Schüler aufs Abi vorbereiten. Aber auch wenn ich ab und zu gerne einen Klassiker lese (siehe Klassiker Challenge) habe ich den Sinn nicht ganz verstanden, der dahinter steht, alles total auseinander zu nehmen und mit formelhaften Phrasen lernbar zu machen. Natürlich ist es unbedingt notwendig, sich mit Texten und deren Inhalten auch auseinander zu setzen. Aber sobald man nichts mit einem Text anfangen kann, kann man ihn noch so gut analysieren und er wird nichts bei einem bewirken. Also hat sich der Nutzen von einer Faust-Analyse mit dem Vorschlaghammer noch nicht ganz erschlossen.

      Liebe Grüße
      Sophia

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