Donnerstag, 10. Januar 2019

Klassiker Challenge: Der Steppenwolf


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Allgemeines:

Titel: Der Steppenwolf
Autor: Hermann Hesse
Verlag: Suhrkamp 30. April 1974 (1927 erstmals erschienen)
Genre: Roman  

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Inhalt:

Harry Haller, der Steppenwolf, leidet an seiner Zerrissenheit, empfindet halb als Mensch, halb als Wolf. Er sehnt sich nach Zugehörigkeit, nach Harmonie und Liebe, will aber auch unabhängig und frei sein und verabscheut alles Normale. Dieser Zwiespalt führt ihn immer tiefer in eine existenzielle Krise, in der er Selbstmord als einzigen Ausweg sieht. Doch Hermine, eine Prostituierte, und das Magische Theater helfen ihm, sich selbst zu erkennen und das Leben leichter zu nehmen.
 
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Wie bin ich mit der Sprache zurecht gekommen?
 
  Vorangestellt muss ich wohl sagen, dass dieser Klassiker eine meiner Deutsch-Abi-Lektüren ist, ich mich also im schulischen Rahmen damit beschäftigt habe. Im Gegensatz zu vielen anderen Werken, die ich in der Schule schon lesen musste, ist die Sprache Hesses sehr gut verständlich und mit seiner sehr treffenden und umschreibenden Art sich auszudrücken, konnte er sehr viele Gedanken und Gefühle an mich herantragen. Der Stil ist sehr expressionistisch, was eine unkonventionelle, anspielungsreiche Ausdrucksweise mit vielen Neologismen und einen komplizierten Satzbau beinhaltet. Letzteres schließt leider auch viele Schachtelsätze ein, die sich teilweise über fast eine Seite ziehen und die man bis zu drei Male lesen muss um ihren Inhalt gänzlich verstehen zu können. Innerhalb des Romans ändert sich die Sprache mit der jeweiligen Erzählperspektive ständig und ist auch situations- und stimmungsbedingten Veränderungen unterworfen. 


Was trägt die gewählte Perspektive zur Geschichte bei?

Die verwendete Ich-Perspektive hinterlässt den Eindruck von Intimität und Nähe zu Protagonist Harry Haller und dass seine Aufzeichnungen eher wie ein Tagebucheintrag anmuten, ermöglicht ein hohes Maß an Identifikation mit dem Erzähler. Es wirkt, als würden die Ereignisse in der Jetzt-Zeit von dem Erzähler unreflektiert Revue-passieren gelassen werden und demnach gibt es wenig szenische Handlung. Stattdessen wird auf die innere Handlung viel Wert gelegt und der Leser bekommt einen Einblick in die Gefühls- und Gedankenwelt des „Steppenwolfes“. Haller schildert präzise seine subjektiven Erfahrungen, seinen persönlichen Konflikt und seine generellen Weltsichten. Durch den wehleidigen Ton und die selbstkritischen Darstellungen ist die Atmosphäre gerade am Anfang sehr gedrückt, wenn nicht gar deprimiert. Am Ende, sobald sich Haller zu wandeln beginnt und neue Erfahrungen macht, wird das viel besser aber gerade am Anfang ist es schon ein wenig anstrengend

Wie finde ich die Konstruktion der Handlung (Spannung, Charaktere, Twists...)?

Bevor die Haupthandlung beginnt startet Hesse mit einem „Vorwort des Herausgebers“, das Haller aus bürgerlicher Perspektive eines ehemaligen Vermieters als zerrissene Persönlichkeit vorstellt und seine Probleme auf eine ganze Generation überträgt. Durch diese erste Perspektive wird eine Mischung aus Faszination und Distanz für die fremde Existenz des „Steppenwolfes“ impliziert und außerdem der Schluss vorweggenommen. Nach dieser Schilderung taucht der Leser in die Lebensbeschreibung Hallers aus der Ich-Perspektive ein, in der er von seinen seelischen Qualen und seiner inneren Zerrissenheit erzählt, seine Abneigung und gleichzeitig seine Sehnsucht nach allem Bürgerlichen bekundet und schließlich ein „Magisches Theater“ entdeckt, wobei er ein mysteriöses Büchlein erhält – „Das Traktat vom Steppenwolf“. Dieses stellt eine pseudowissenschaftliche Erklärung Hallers Persönlichkeit aus neutraler Perspektive dar und wird durch die Fortsetzung Hallers Aufzeichnungen abgelöst. So ergibt sich ein vielseitiger Blick auf Haller vor Beginn der Haupthandlung. Nachdem doch etwas sperrigen und chaotisch wirkenden Anfang bewegt sich die Geschichte dann sehr bald in eine ganz andere Richtung, als man es von dem vergeistigten Steppenwolf in seiner Isolation und Krise erwartet hätte. Als er die junge Prostituierte Hermine trifft und sie ihn mit dem Tanzen in die Welt des Vergnügens und der leichten Unterhaltung einführt, entdeckt er schnell eine ganz andere Seite in sich und wird dann im Höhepunkt der Geschichte ins "Magische Theater" geführt, wo er sich endlich selbst erkennen soll. Nach einem sehr verkopften und deprimierten Anfang wird es am Ende also nochmal herrlich skurril und ausschweifend. Ein wenig ironisch ist nur, dass sein "Steppenwolf", obwohl Hesse die Bedeutung des Humors hier so groß schreibt, sehr trocken, eher tragisch und überhaupt nicht humorvoll zu lesen ist.


Ist das Thema des Romans noch zeitgemäß? Inwiefern lässt es sich auf die heutige Zeit beziehen?

Den Grundkonflikt, also die Zerrissenheit Harry Hallers, durch die er keinen Frieden finden kann, lässt sich gut mit der Zwei-Seelen-Problematik vergleichen, die Faust aus Goethes gleichnamigem Werk in sich trägt. Auch dieser kann durch die Zerrissenheit zwischen geistiger Erfüllung und sinnlicher Begierde keinen Frieden finden. Den Konflikt der zwei Welterscheinungen und der fragwürdigen Zugehörigkeit zum Bürgertum kann man auch im „Goldenen Topf“ von E.T.A. Hoffman wiederfinden. Damit drehen sich alle drei Schwerpunktlektüren um den Lebenskonflikt eines mittelalten Mannes, womit ich als junge Frau natürlich nur begrenzt etwas anfangen kann. Dennoch sind hier sehr viele interessante Gedanken versteckt, die es sich lohnt, genauer zu vertiefen und auch mal auf das eigene Leben zu beziehen. Auch wenn diese oft etwas sperrig vermittelt werden und keine wirklich neuen Erkenntnisse vorliegen sondern stattdessen vieles aus der Gedankenwelt von Freund, und C. G. Jung auftaucht, ist das Thema Selbstwerdung, Lebenskrise und die Frage nach der eigenen Stellung in der Gesellschaft auf jeden Fall zeitgemäß. Viele Fragen, die sich der Steppenwolf stellt, sind heute aktueller denn je.

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Gesamteindruck: Ein Klassiker und must-read?
Auch wenn der "Steppenwolf" ein wenig chaotisch aufgebaut ist, am Anfang ein wenig zäh und deprimierend startet und am Ende ein wenig die Bodenhaftung verliert und auch der Schreibstil Hesses manchmal ein wenig zu sehr ausufert, kommt man sehr gut durch den Roman durch. Die Geschichte von Harry Haller hat schon sehr früh eine unwahrscheinliche Anziehungskraft auf mich ausgeübt und die vielen interessanten Gedanken sind verständlich genug erklärt, dass man völlig ohne Lektürenhilfe durch das Werk kommt und am Ende trotzdem etwas mitnehmen kann. Ich würde diesen doch etwas speziellen Roman nicht unbedingt als Must-Read bezeichnen aber wenn man sich dafür Zeit nimmt, lohnt es sich! Ich werde mich demnächst noch an "Siddharta" von Hesse versuchen und mal sehen, ob mir das noch besser gefällt.
 
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Was haltet ihr davon?

Jetzt interessiert mich natürlich, was ihr von dieser Geschichte haltet. Kennt ihr sie in einer filmischen Form, habt ihr eine Theaterinterpretation gesehen, das Werk gelesen und wenn nicht, würdet ihr euch nach diesem kurzen Meinungsbild heranwagen?
Ich würde mich freuen, wenn ihr durch diesen Beitrag und die Klassiker-Challenge-Aktion die Motivation findet, auch mal einen Klassiker zu lesen und ihn auf euch wirken zu lassen.
Falls ihr also Lust bekommen habt, ganz unverbindlich bei dieser Challenge mitzumachen, lasst einen Kommentar da und ihr seid dabei.
Hoffentlich ergibt sich viel Diskussionsbedarf :-)

Liebe Grüße
Sophia

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