Allgemeines
Titel: Wenn Männer mir die Welt erklären
Autorin: Rebecca Solnit
Verlag:Hoffmann und Campe Verlag (1. Januar 2015)
Genre: Feministisches Sachbuch
Seitenzahl: 182 Seiten
Originaltitel:
Men Explain Things to Me
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Meine Eindrücke
In "Wenn Männer mir die Welt erklären" seziert die feministische Ikone Rebecca Solnit in neun Essays was es bedeutet, als Frau im Patriarchat zu leben. Sie schreibt von alltäglicher männlicher Überheblichkeit, der Kernfamilie als Institution, Gewalt gegenüber Frauen, dem Kassandra-Syndrom und postkolonialen Machtverhältnissen. Ihr titelgebender Essay über Mainsplaining ist damit also nur der Einstieg in ein Buch, das ganz verschiedene Aspekte feministischer Theorie und Realität aufgreift. Die Autorin steigt tief in die Gräben feministischer Debatten hinab und legt eine Vielzahl von Ungleichheiten offen, mit denen Frauen nach wie vor konfrontiert sind.
Besonders eindrücklich ist das Kapitel, das sich mit Zahlen und Fakten zu Gewalt gegen Frauen beschäftigt. Auch wenn sich viele Beispiele auf die USA beziehen, ist die dargestellte Realität erschreckend universell und wirkt weit über den konkreten Kontext hinaus. Was der Autorin ebenfalls sehr gut gelingt, ist das Sichtbarmachen subtiler Machtstrukturen. Sie zeigt, wie Unterdrückung sich als vermeintliche Ohnmacht, als „Natur der Dinge“, als gesellschaftliche Normalität tarnt und dadurch umso schwerer zu benennen ist. Dafür verbindet sie stilistisch Schärfe mit Witz und analytischer Klarheit. Die einzelnen Essays unterscheiden sich leicht im Ton, sind aber alle zugänglich geschrieben und als Einstieg in das Thema gut geeignet. Besonders im letzten Drittel, in dem sie den Bogen über kulturelle Narrative bis hin zu literarischen Bezügen, etwa zu Virginia Woolf, spannt, wird es aber gelegentlich etwas trocken. Nichtsdestotrotz entsteht ein vielschichtiges Bild, das sowohl intellektuell anregt als auch emotional nachhallt.
Bemerkenswert ist zudem, wie aktuell das Buch trotz seines Alters wirkt. Auch mehr als ein Jahrzehnt nach Veröffentlichung treffen viele Beobachtungen noch immer ins Schwarze. Eine traurige Bilanz der Entwicklungen der letzten Jahre! Rebecca Solnit zeigt also auch, dass Fortschritte im Feminismus keineswegs linear verlaufen und bereits Erkämpftes immer wieder infrage gestellt werden kann. Umso wichtiger ist der beharrliche Aufruf, jetzt nicht stehen zu bleiben, sich auf Veränderungen auszuruhen, sondern weiterzukämpfen!
Liebe Sophia
AntwortenLöschenDas Buch ist mir natürlich ein Begriff, gelesen habe ich es aber noch nicht. Es ist schon traurig, dass das Buch aktueller denn je ist... Und es ist auch traurig, dass es vor allem von Menschen gelesen wird, die selber negative Erfahrungen mit Männern gemacht haben und eben nicht von den Männern, die es lesen sollten.
Danke für die nachdenklich stimmende Rezension und ganz liebe Grüsse
Livia
Liebe Livia,
Löschendas finde ich auch. Ich hatte beim Lesen überhaupt nicht im Kopf, dass es sich um kein aktuelles Buch handelt und war geradezu schockiert, als ich beim Rezensieren gesehen habe, dass die Autorin es schon vor über 10 Jahren verfasst hat. Besonders Themen wie der Schutz vor sexualisierter Gewalt, Gewalt im Internet und häusliche Gewalt sind ja jetzt erst in den vergangenen Tagen durch den Fernandez-Fall verstärkt in den Medien und es werden Forderungen laut, politische Maßnahmen umzusetzen. Das ist natürlich ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung - auch wenn natürlich noch lange nicht klar ist, dass sich etwas verändert. Aber beim Lesen dieses Buches habe ich mich die ganze Zeit gefragt, wieso das in den vergangenen 10 Jahren einfach so hingenommen wurde und gesellschaftlich keinerlei Aufschrei verursacht hat, wo die Zahlen ja offensichtlich schon lange Bände sprechen. WIESO WIRD ERST JETZT DARÜBER GESPROCHEN?!?!
Das hat mich sehr beschäftigt vor und nach dem Lesen, also vielen Dank für deinen Kommentar!
Liebe Grüße
Sophia