Donnerstag, 3. August 2017

Die Bluthunde von Paris

 
Allgemeines:
 
Titel: Die Bluthunde von Paris
Autor: Christina Geiselhart
Verlag: epubli (31. Dezember 2016)
Genre: Historischer Roman
ISBN-10: 3741880485
ISBN-13: 978-3741880483
Seitenzahl: 522 Seiten
Preis: 12,99€ (Taschenbuch)
29€ (gebundene Ausgabe)
4,99€ (Kindle-Edition)
 
 
 
Inhalt:
 
Frankreich und Paris Ende des 18. Jahrhunderts:
 
Revolution, hetzerische Debatten im Konvent, Krieg an den Fronten, blutige Aufstände im Landesinnern, Verrat und Hunger bestimmen den Alltag und Philippines Kindheit und Jugend. Ihr Vater ist Folterer, ihr Onkel der berühmte Henker von Paris, Charles-Henri Sanson. Inmitten dieses Hexenkessels und einer Mutter, die Hure und Mörderin zugleich ist, bewahrt sich das Mädchen seine edle Seele, entwickelt sich zu einer starken, gebildeten Frau und findet jenen wieder, den sie als Kind getroffen und sofort geliebt hat. Auf das Glück der beiden jedoch wirft das Blutgerüst seinen drohenden Schatten.
 
 
Bewertung:
 
DISCLAIMER:  Vielen Dank an Christina Geiselhart und ihr Team für das Rezensionsexemplar!
 
"Liberté, Égalite, Fraternité" - Man lernt es in der Schule, die Grundzüge des folgenreichsten Ereignisses der neuzeitlichen europäischen Geschichte. Die Französische Revolution war eine harte Zeit mit vielen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Problemen, welche im Roman "Die Bluthunde von Paris" deutlich vorgebracht werden. Demnach ist es bei weitem kein sonniges Buch, sondern das Porträt der Gewalt zu dieser Zeit vielen politischen Kalküls gemischt mit einer romantischen Liebesgeschichte.
 
 
Erster Satz: "Als Philippine zur Welt kam, war ihr Vater im Begirff die Waden eines Häftlings zwischen die Eisenplatten des Spanischen Stiefels zu spannen."
 


Die Geschichte beginnt in den frühen Anfängen der Französischen Revolution 1774 mit der Geburt der Protagonistin Philippine Sanson. Das wunderschöne Kind hat zwei Makel: ein verkrüppelter Fuß und ihre verkommene Familie. Der Vater ist Verhörvollstrecker, der Onkel der Henker von Paris, die Mutter baut mit ihrer anderen Tochter ein florierendes Hurengeschäft auf,  ihre weiteren Schwestern haben allesamt sichtbare Makel, sei es eine Hasenscharte, fleckige Haut oder verdorrte Hände. Doch zu ihrem Glück sieht die habgierige Mutter in dem wunderschönen Mädchen eine Tür in eine bessere Welt, sie soll Lea durch eine gute Heirat zu Reichtum verhelfen. So schickt sie sie zur Schule und kauft ihr das Pferd Vraem, das bald ihre beste Freundin wird. Um ihrem schrecklichen Elternhaus zu entkommen unternimmt sie auf ihrem Pferd immer mehr Streifzüge durch den Wald, wodurch sie auf ein verlassenes Herrenhaus stößt und einen geheimnisvollen, jungen Mann kennenlernt, der sich dort versteckt und sie mit seinen flammenden Reden über eine Abschaffung der Monarchie und dem Aufbau einer Republik begeistert. Fortan trifft sich das Mädchen täglich mit dem Mann und lernt mehr und mehr über Politik und die Untergrundszene. In Philippine reift eine junge Liebe zu Maxence heran, doch der Mann sieht in ihr nur ein Mädchen aus der Unterschicht, die seines Standes nicht würdig wäre… Doch als er nach Paris aufbricht, folgt sie ihm. Und gerät in den Strudel der kochenden Revolution, die ihre Kinder frisst...
 
Der erste Teil des Buches ist relativ heftig und derb erzählt. Später wird die Handlung etwas zivilisierter, doch nicht minder blutig und gewalttätig. Die Autorin hat eine Altersempfehlung von 18 Jahren angesetzt, was ich auch auf jeden Fall bekräftigen würde. Ich selbst bin zwar noch keine 18 und habe es trotzdem verkraftet, doch das Buch hat wirklich dermaßen abstoßende und verstörende Züge, sodass ich auf jeden Fall sagen kann, es ist nicht für zart besaitete Leser zu empfehlen. Die Beschreibungen von Folter, Gewalt, Vergewaltigung und anderen Leiden des normalen Alltags sind sehr plastisch erzählt und schrecken vor nichts zurück. Das Buch gibt wirklich jeden Zustand der damaligen Zeit völlig ungeschönt wieder. Was mich aber sehr gestört hat ist, dass eine gehörige Portion an Sexszenen und Gewalt an Frauen die Geschichte durchsetzt und mit Fortschreiten Leas Gewerbes und Beschreibung der Prostitution das Buch teilweise fast abstoßend pornographische Züge entwickelt. Die Bilder, die durch die anschaulichen Beschreibungen in den Köpfen des Lesers entstehen, machten es mir schwer, mich dem Buch emotional irgendwie zu nähern. Dazu hat dann auch noch der beschreibende und fließende Schreibstil beigetragen. Manchmal wollte ich gar nicht erst weiterlesen. Es ist wirklich beeindruckend, wie gekonnt die Autorin die brutalen und erschreckenden Zustände der damaligen Epoche mit den fundierten historischen und geschichtlichen Aspekten und Ereignissen zu Beginn der Französischen Revolution verwebt, meiner Meinung nach ist sie an manchen Stellen aber entschieden und übertrieben zu weit gegangen!
 

Gut gefallen hat mir an der Darstellung des Buches, dass man wirklich einen besseren Einblick in die Motive und die Stimmung des Landes erhält. Revolution heißt nicht nur Stürzen der Regierung, hetzerische Debatten im Konvent, Krieg an den Fronten, sondern auch blutige Aufstände im Landesinnern, Verrat und Hunger der Bevölkerung. Man sieht, dass es nicht immer die Lösung ist, die Regierung zu stürzen und nicht leicht danach selbst zu regieren. Das Buch ist in drei große Abschnitte geteilt, die hauptsächlich die drei Teile der Revolution untergliedern, ebenso wie wichtige Abschnitte in Philippines Leben.
Die erste Phase von etwa 1789 bis 1791 stand im Zeichen des Kampfes für bürgerliche Freiheitsrechte und für die Schaffung einer konstitutionellen Monarchie.
Die zweite Phase von 1792 bis 1794 führte angesichts der inneren wie äußeren gegenrevolutionären Bedrohung zur Errichtung einer Republik mit radikaldemokratischen Zügen und zur Ausbildung einer Revolutionsregierung, die mit Mitteln des Terrors und der Guillotine alle „Feinde der Revolution“ verfolgte.
In der dritten Phase, der Direktorialzeit von 1795 bis 1799, behauptete eine von besitzbürgerlichen Interessen bestimmte politische Führung die Macht nur mühsam gegen Volksinitiativen.
 
 
"Das Volk regiert. Jetzt muss nur noch einer kommen und Feuer an die Zorneslunte legen, dann geht alles in die Luft. Am 12. Juni 1789 kam so einer..."
 
 
Gut fand ich auch, dass viele wichtige Namen und Personen, die in Zusammenhang mit der Revolution fallen genannt und manchmal auch genauer charakterisiert werden. Ich habe an vielen Stellen das Gefühl bestätigt bekommen, die Autorin hat sehr gute Recherchearbeit geleistet. Dennoch muss man sich sehr gut auskennen, um an der ganzen Flut aus Informationen und Fakten nicht erschlagen zu werden. Ich denke, ich kann von mir behaupten, ein recht gutes Allgemeinwissen zu haben, doch während ausgiebigen Politik Diskussionen der Hauptcharaktere, seltsamen Andeutungen über geheimnisvolle Untergruppen oder revolutionäre Zusammenhänge wurde ich zunehmend verwirrter. Wer waren jetzt noch mal die Sansculotten oder die Girondisten, die Jakobiner, welche der tausend Charaktere des Konvents mit den verwirrenden französisch-adeligen Namen gehörten zu welcher Gruppe und was zum Teufel wollten die eigentlich? Ich habe irgendwann angefangen zu googeln, wurde aber nicht viel schlauer daraus, sondern nur zunehmend überfordert. Die Hälfte der Informationen, gut erklärt und in Zusammenhang gestellt hätte gereicht, Großteils habe ich mich aber über die Darstellung der Fakten gefreut.

 
Neben all den Informationen und Entwicklungen dieser Zeit, die an sich schon ein ganzes Buch füllen könnten, gehen die Charaktere und vor allem die Geschichte der jungen Philippine leider ein wenig unter. Sie verschönern (naja außer vielleicht Lea) zwar die Geschichte, machen sie zu einem Roman, rücken aber leider ein wenig in den Hintergrund. Das könnte dann auch der Grund gewesen sein, warum ich den Drang, weiterzulesen an manchen Stellen kurzzeitig verloren habe, auch wenn ich durch die düstere, blutige Atmosphäre angespornt wurde und wissen wollte, wie es weitergeht.
 
 
"Hier unter den Kastanienbäumen wollte sie träumen. Von einer besseren Zeit und von ihrem Leben mit Maxence. Sie malte sich die Hochzeit aus, dachte an Kinder - ein Junge und ein Mädchen - und sah sich im Geiste tanzen. Irgendwann wird dies alles vorbei sein, dachte sie. Wir werden alle genug zu essen haben und in Frieden zusammen leben. Die Guillotine wird verschwinden und mit ihr die Todesangst. Irgendwann."
 
 
Denn die Story, die wir verfolgen ist wirklich sehr passend und gut durchdacht in das historische Konstrukt eingebaut. Die Charaktere sind aus der allwissenden Perspektive geschildert, wobei ich hier meine Probleme hatte sie alle an mich heran zu lassen und zu mögen.
 
Philippine ist der einzige Lichtblick inmitten von halbwilden Barbaren, so scheint es immer wieder. Wir lernen das Mädchen von klein auf kennen und schätzen vor allem ihren hellen und edlen Charakter, ihre fröhliche, wissbegierige und ehrliche Art, mit der sie ihre düstere Umgebung aufhellt.
Im Laufe der Story macht sie eine unglaubliche Entwicklung durch. Sie erscheint zunächst unterwürfig und kindlich naiv; verliebt in einen Mann, den sie nicht haben kann, setzt alles daran Maxence zu beeindrucken und seine Liebe zu gewinnen, um mit ihm zusammen leben zu können. Doch sie bildet sich fortlaufend weiter, lernt und liest, nimmt an Diskussionen im Konvent teil und entwickelt sich zu einer selbstbewussten Frau mit einer eigenen Meinung und einem gebildeten Blick auf die Welt, die ich bewundert habe
 
 
"Schweigend sahen sie dem Eintreten des Abends zu. Die Luft war nicht mehr klar wie am Tag, in ihr hing ein feiner Schleier, der sich langsam auf den Garten herabsenkte und ihn vergoldete. Ein schimmerndes Netz lag auf dem frischen Gras, den jungen Blättern, fiel von den Wipfeln der Bäume über das Dach des Hauses. Philippine hatte sich Maxence gegenüber gesetzt und das Gesicht zum Himmel erhoben. Sie wünschte sich, in dieses Netzt eingesponnen zu werden."
 
 
Über den adligen Revolutionär Maxence Vergniaud hingegen konnte ich oft nur den Kopf schütteln. Seine Argumentations- und Denkweise empfand ich oft als unlogisch und auch einige seiner Handlungen nicht wirklich nachvollziehen. Deshalb konnte ich Philippines Begeisterung ihm gegenüber nicht wirklich verstehen.
 
Erwähnen mag ich noch zwei etwas seltsame Nebenfiguren, die mir trotz ihrer etwas rohen Art sehr ans Herz gewachsen sind. Zum einen war das Philippines Onkel, der Henker von Paris Charles-Henri Sanson, bei dem sie unterkommt, nachdem ihr Vater Karl den Hurenbetrieb seiner Frau Lea und seiner Tochter Frida aufgedeckt hat. Trotz seines grausamen, blutigen Berufes zeigt er sehr menschliche, gebildete Züge. Durch Philippine kommt ein wenig Leben in sein Haus, was ihn sehr berührt und ihn nachdenken lässt. Ebenso liebgewonnen habe ich seine Großmutter Marthe. Eine robuste, redselige Frau, die sich niemals den Mund verbieten ließ und für mich ein wenig das Gewissen aller handelnden Personen darstellte, weil sie das sagte, was die anderen sich vielleicht nicht mal zu denken wagten. Insgeheim war sie mein persönlicher Liebling!
 
 
"Eine Veränderung ging in ihm vor. Er hatte das Gefühl, entweder bald zu sterben, oder ein ganz anderer Mensch zu werden."
 
 
Um zur Gestaltung zu kommen: Ich finde das Cover irgendwie passend. Durch das dreckige grau-beige wird die Atmosphäre des Buches sehr gut widergespiegelt. Dazu passen auch das berühmte Bild der Hinrichtung Ludwigs XVI. durch die Guillotine und die Zeichnungen der drei Personen in der Mitte, auch wenn ich sie nicht wirklich eindeutig zuordnen konnte. Die Frau links sollte wohl Philippine sein, in meinen Augen passt sie aber gar nicht. Die Schreibweise des Titels ist ebenso passend - geschwungene Schnörkel, die sich immer wieder im Buch wiederfinden. Den Titel fand ich erst einmal etwas verwirrend, weil ich nicht genau wusste, was die Bluthunde jetzt mit der Geschichte einer jungen Dame, die ihr Glück in Paris sucht, zu tun haben soll. Als ich dann aber verstanden habe, dass das Buch keineswegs eine lockere Story über das Leben dieses jungen Mädchens darstellt, erschloss sich auch der Titel für mich. Die Revolutionäre, Jakobiner, ihre Henker und Folterer Familie, alle sind sie blutgierig und gewalttätig - gebeutelt von dieser schwierigen Zeit.
Das Ende hat mir sehr gut gefallen, nicht kitschig und unrealistisch auf Happyend getrimmt, sondern einfach, klar aber doch positiv. Ein guter Abschluss, denn irgendwie war klar, dass es noch jemanden kosten musste.
 
 
"Die Revolution ist wie Saturn. Sie frisst ihre eigenen Kinder!"
 
 
Fazit:
 
Verstörend aber dennoch berührend: Auch wenn ich das Buch an einigen Stellen zu übertrieben abstoßend empfand und mit einigen Fakten überfordert war, muss man das Geschick loben, mit dem Christina Geiselhart diese Geschichte aufgesetzt hat. Auch wenn ich das Buch nicht unbedingt schön fand, habe ich mich mehr mit der Zeit der Französischen Revolution auseinandergesetzt und vor Augen geführt bekommen, was für ein blutiges Opfer die Franzosen bringen mussten, damit wir heute die Idee einer freien Gesellschaft leben können.
 

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