Donnerstag, 31. August 2017

Der Marsianer


Allgemeines:

Titel: Der Marsianer - Rettet Mark Watney
Autor: Andy Weir
Verlag: Heyne Verlag (14. September 2015)
Genre: Science-Fiction
ISBN-10: 3453316916
ISBN-13: 978-3453316911
Originaltitel: The Martian
Seitenzahl: 512 Seiten
Preis: 3,99€ (Kindle-Edition)
9,99€ (Taschenbuch)
11,49€ (Audio-CD)



Inhalt:

Gestrandet auf dem Mars

Bei einer Expedition auf dem Mars gerät der Astronaut Mark Watney in einen Sandsturm und wird bewusstlos. Als er aus seiner Ohnmacht erwacht, ist er allein. Auf dem Mars. Ohne Nahrung. Ohne Ausrüstung. Und ohne Crew, denn die ist bereits auf dem Weg zurück zur Erde. Für Mark Watney beginnt ein spektakulärer Überlebenskampf …


Bewertung:

„Ich werde sogar meinen Urin elektrolytisch aufspalten … Wenn ich das hier überlebe, werde ich den Leuten erzählen, dass ich Raketentreibstoff gepinkelt habe.“

Man muss es einfach sagen: an diesem Buch kommt man als Science-Fiction-Liebhaber und aufmerksamer Verfolger von Trends kaum vorbei. "Der Marsianer" hat zuerst als Roman und dann als Film die Herzen und Regale der Welt erobert. Als ich das Buch dann in einem Kaufhaus reduziert entdeckt habe, musste ich es einfach kaufen und mir selbst eine Meinung zu der Geschichte machen. Als ich etwa in der Hälfte des Buches war, habe ich mir gleich noch den Film besorgt, das sagt als Fazit ja schon mal recht viel aus ;-)

Doch wie immer das Cover zuerst: Eigentlich hasse ich großgedruckte Gesichter auf Cover, doch hier passt es wirklich unwahrscheinlich gut. Das Gesicht im EVA-Anzug hat so einen ganz bestimmten Gesichtsausdruck, der sich perfekt mit den Hauptemotionen Mark Watneys deckt: ernst, konzentriert, aber auch ein wenig herausfordernd. Ein schöner Effekt, der das ganze Abrundet ist die Spiegelung der Marsoberfläche im Visier des Helmes. Auch der Titel passt natürlich haargenau. Deshalb zur Gestaltung einen großen Daumen nach oben! Perfekt finde ich das Cover, dass nicht dem Film angepasst ist, auf dem ein orangefarbener Sandsturm zusehen ist, in dessen Mitte eine kleine weiße Person im Raumanzug schwebt. Dort erkennt man wirklich, wie alleine und ausgeliefert er ist.
Ich finde nur, auf dem Cover steht ein wenig zu viel drauf, die ganzen Aufschriften mit Titel, Untertitel, Genre, Autor, Verlag und zwei Vermarktungssprüchen sind für meinen Geschmack ein wenig zu viel. Auch dass auf meinem Exemplar noch zwei Aufkleber waren, einer mit "Jetzt im Kino", der anderen mit "Der New York Times- Bestseller", fand ich etwas Zuviel  des Guten. Aber das nur am Rande.
Der Marsianer - der exzentrische aber liebenswerte Botaniker mit den durchgeknallten Ideen, der auf dem Mars vergessen wird. Die perfekte Grundlage für eine packende Heldengeschichte. Und das ist Mark Watney definitiv - ein Held.
Doch beginnen wir doch am Anfang.

Erste Sätze: "Ich bin so was von im Arsch.
Das ist meine wohlüberlegte Meinung.
Im Arsch."

Mark Watney bleibt nach einem Unfall, bei dem die Crewmitglieder ihn für tot hielten, alleine auf dem Mars zurück. Als er aufwacht und bemerkt, dass alle weg sind und ihn zurückgelassen haben, beschließt er, zu überleben und den Planeten zu besiegen. Eigentlich ein hoffnungsloses Unterfangen, doch er käme nie auf die Idee zu verzagen, beginnt sofort sämtliche Lösungsansätze abzuwägen und berechnet wie lange er mit den Nahrungs- sowie Wasservorräten durchhalten würde, denn in 4 Jahren ist in 3200km Entfernung die nächste Ares Mission geplant, die ihn retten könnte. Genau hier setzt die Geschichte an. Er ist nicht tot. Und doch ist er, wie er es so treffend auf der ersten Seite formuliert: „im Arsch“, denn wie soll er es in den 3200km entfernten Schiaparelli-Krater schaffen und 4 Jahre mit der Ausrüstung überleben, die für 30 Tage hätte reichen sollen? Jetzt heißt es durchhalten, doch was macht man 4 Jahre in einer kleinen Wohnkuppel in feindlicher Atmosphäre, ... so ganz alleine ...?

 "Mein heutiger Tag begann mit einer Kartoffel, die ich mit etwas Marskaffee hinuntergespült habe. So nenne ich heißes Wasser mit einer aufgelösten Koffeinpille. Der echte Kaffee ist mir schon vor Monaten ausgegangen."

...Abwarten und Kaffee trinken? Nein! So alleine in der lebensfeindlichen Umgebung der Mars gibt es viel zu tun. Das Buch erzählt in fast täglichen Logbucheinträgen Watneys, mit welchen Problemen er zu kämpfen hat und wie er sie lösen will. So wird es dem Leser Schritt für Schritt ermöglicht in die Materie einzutauchen und mit Mark an Lösungen zu "basteln". Und so beginnt Andy Weirs Robinson Crusoe Version für gestrandete Astronauten: Ob es nun um eine explodierte Luftschleuse, um Wassermangel, die Langweiligkeit von Disco-Musik oder um die Einsamkeit geht - Mark verzagt nie und findet immer eine Lösung. Das ist wohl vorrangig das beeindruckende an diesem Roman: das unerschöpflich positive und konstruktive Denken Mark Watneys, ohne welches er niemals alleine überlebt hätte. Man merkt im deutlich an, dass ihm die Einsamkeit zu schaffen macht, lenkt sich jedoch erfolgreich selbst von der Tatsache ab, dass nur ein hochtechnisiertes Zelt und ein Haufen Kartoffeln ihn vom Tod trennt. Man könnte meinen, nur auf ihn zu blicken würde irgendwann langweilig werden, er ist jedoch so erfrischend, geerdet (haha, versteht ihr den Wortwitz ;-)) und lebendig gezeichnet, dass man sich gut mit ihm identifizieren kann und gut unterhalten wird. Immer wieder hat er mich verblüfft mit durchgeknallten Ideen und die gedrückte Atmosphäre immer wieder gekonnt durch Witz und Sarkasmus aufgelockert. Es scheint, als wollte er sich selbst ab und zu etwas aufheitern, versuchen über die abstruse Situation zu lachen, um nicht durchzudrehen, gleichzeitig auch dem Leser seines Logbuches keine deprimierende Überlebensgeschichte liefern. Das hat er geschafft, der liebe Mark, ich habe mehrmals herzlich gelacht! So ist die Geschichte erstaunlich wenig düster, für eine Story, in der jemand einsam auf einem anderen Planeten versucht nicht zu sterben...

"Ich bin auf dem Mars gestrandet und kann weder mit der Hermes noch mit der Erde Kontakt aufnehmen. Alle halten mich für tot. Ich sitze in einer Wohnkuppel, die einunddreißig Tage stabil bleiben soll. Wenn der Oxygenator versagt, ersticke ich. Wenn der Wasseraufbereiter versagt, verdurste ich. Wenn die Wohnkuppel nicht hält, explodiere ich einfach. Wenn das alles nicht passiert, geht mir einfach irgendwann der Proviant aus und ich verhungere. Also bin ich wohl im Arsch."

Doch der Roman ist bei weitem nicht nur etwas für Science-Fiction-Liebhaber, denn als typischen Vertreter dieses Genres würde ich dieses Buch nicht beschreiben. Anstatt von krassen Raumschiffen und zig neuen Galaxien wie andere Lebensformen zu phantasieren gibt der Roman eher eine gut durchachte Vorschau auf eine baldige, recht reale Zukunft. Denn die ersten Marsmissionen sind längst kein Traum unrealistischer Autoren mehr: Ob ihrs glaubt oder nicht, die niederländische Organisation, Mars One, plant 2024 zum ersten Mal Menschen zum Mars zufliegen. Auch wenn der Autor nicht immer auf die Realität zurückgreift, erklärt und belegt er die Geschehnisse so überzeugend, dass man ihm jedes Wort als Fakt aus der Hand frisst. Hier verstehe ich die vielen Kritiker nicht, die an der Glaubwürdigkeit der Fakten im Buch herumnörgeln - es ist immer noch Fiktion, und die darf alles, solange man es als Leser glaubt und der Autor es nicht in echt als Fakt deklariert ist also alles in Ordnung.
Um die Lösungen zum Überleben auf dem Mars zu belegen, geht Andy Weir oftmals auf mathematische, physikalische oder chemische Phänomene und Grundlagen ein, die interessant und verständlich erklärt sind. Man muss definitiv ein wenig Interesse den Naturwissenschaften gegenüber mitbringen, sonst wird man in diesem Buch vor Langweile sterben, muss aber nicht viel wissen um alles zu verstehen.

"Ein Problem habe ich nicht bedacht: das Wasser.
Nach ein paar Millionen Jahren auf der Marsoberfläche enthält der Staub keinerlei Feuchtigkeit mehr. Dank meines Abschlusses in Botanik bin ich ziemlich sicher, dass Pflanzen zum Wachsen feuchte Erde brauchen."


Der Schreibstil des Buches ist sehr einfach und schlicht - Umgangssprache eines Logbucheintrags eben. Dabei wird immer ein positiver Umgangston behalten. Trotz der Schlichtheit der Sätze sind Details, die den Mars betreffen sehr genau und gut vorstellbar erklärt, sodass man bald ein detailliertes Bild seines Daseins vor Augen hat. Dazu hilft auch die Marskarte, die am Anfang des Buches beifügt ist.
Besonders interessant an seiner Art, durch Logbucheinträge das Geschehen zu erklären ist, dass er sich bewusst zu sein scheint, dass das jemand liest und den Leser oft direkt anspricht und für ihn technische Details einfach erklärt, sodass es jeder verstehen würde. Das ist ein sehr raffinierter Kniff des Autors. Mark Watney sagte einmal, wenn er wieder auf die Erde zurückkomme, würde sein Logbuch ein Bestseller werden. Hat ja ganz gut geklappt... ;-)

"(12.04) NASA: Übrigens, hüten Sie bitte Ihre Zunge. Alles, was Sie tippen, wird live auf der ganzen Erde verbreitet.
(12.15) WATNEY: Seht mal da! Zwei Titten -> (.Y.)"

Doch die Geschichte hat seinen Fokus nicht alleine auf Watney gelegt, bloß eine Person in einem Buch wäre ja auch ein wenig trist, selbst wenn diese eine Person erfrischend und abwechslungsreich charakterisiert wurde. So wechselt die Logbuch-Ich-Perspektive ab etwa einem Fünftel des Romans zeitweise auf die Erde zur NASA. Ein Haufen schlauer Köpfe, die es schafft, Watney von einigen Lichtsekunden Entfernung aus zu unterstützen. Ein Haufen guter Leute, die ihn nicht aufgeben und immer wieder nach neuen Lösungen suchen, ihn zurückzuholen. Es wird aus der Sicht verschiedener NASA-Mitarbeiter berichtet. Sei es aus der Sicht des NASA-Chefs, des Leiters der Mars-Mission, oder einer kleinen, anfangs unbedeutenden Mitarbeiterin, die schließlich den alles entscheidenden Hinweis liefert, der Marks Rettung in Gang bringt - es lockert Marks One-Man-Show deutlich auf. Auch die Crew begleitet man zwischendurch und es wird geschildert, wie die Mitglieder mit dem vermeintlichen Tod von Watney umgehen. Wir können außerdem verfolgen, was die Nachricht eines Satellitenbildes, das Watney lebendig zeigt, in der Bevölkerung auslösen kann. Es ist mega interessant zu beobachten, was die Erde schaffen kann, wenn sie sich zusammentut um ein Menschenleben zu retten. Das bringt einen dazu darüber nachzudenken, wie viel ein einzelnes Menschenleben wert ist. Wie groß darf der finanzielle Aufwand sein um eine einzige Person zu retten - wo ist die Grenze? Darf ich fünf Menschenleben in Gefahr bringen, um einen Menschen (vielleicht) zu retten?

"Was ich im Überfluss besitze sind Plastiksäcke. Sie unterscheiden sich kaum von normalen Mülleimerbeuteln, aber da sie für die NASA angefertigt wurden, kosten sie vermutlich 50.000$. Außerdem habe ich Klebeband. Gewöhnliches Klebeband, wie man es im Baumarkt bekommt. Anscheinend kann nicht einmal die NASA Klebeband aus dem Baumarkt verbessern."

Spannend? Ja auf jeden Fall! Wir erleben zusammen mit Mark viele Abenteuer, die dafür sorgen, dass auch das Warten auf dem Mars nicht langweilig wird. Zeitweise gibt es auf den guten 500 Seiten kurze Löcher, durch die man sich ein bisschen angestrengt durchlesen muss, doch der Drang zu erfahren, was am Ende mit Mark passiert, hat mich immer wieder dazu gebracht, weiterzulesen. Und da man nie weiß, dass er in Sicherheit ist, kann man sich nie zurücklehnen. Immer, wenn man denkt, dass er in Sicherheit ist oder einen großen Schritt Richtung Rettung geschafft hat, dann passiert etwas, das ihn wieder meilenweit zurückwirft. Zwischendurch stand ich kurz vor der Verzweiflung, da ich mir nicht vorstellen konnte, wie Mark da wieder rauskommen sollte. Krass, wie doch die einfachsten Dinge, die wir als selbstverständlich ansehen, auf einem anderen Planten wie der Erde zu einem riesigen Problem werden können. Lebenserhaltung - Luft, Wasser, Druck - über so etwas habe ich mir nie Gedanken gemacht, weil unser Heimatplanet das alles perfekt für uns bereithält. So denkt man viel mehr über unsere Erde als Heimat nach, während man die Geschichte eines Mannes liest, der sich weit abgeschottet und alleine in einer lebensfeindlichen Staubwüste aufhalten muss.
Das Ende ist dann verblüffend gut, actionreich aber auch irgendwie berührend. Es hat für mich perfekt gepasst. Ich werde ganz sicher nochmal was von Andy Weir lesen!
Und noch mein Lieblingszitat zum Schluss:


"Er wandte sich An Venkat. "Ich frage mich, was er gerade denkt."
Logbuch Sol 61: Wie kommt es, dass Aquaman Wale kontrollieren kann? Sie sind Säugetiere. Das ist doch Unsinn."


Fazit:

Eine überzeugend realistische und berührende Robinson-Crusoe-Geschichte über den Überlebenskampf eines einfallsreichen und positiven Astronauten auf dem Mars. Ein Muss für jedermann!


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