Allgemeines
Titel: The Silent Patient
Autor: Alex Michaelides
Verlag:
Celadon Books (5. Februar 2019)
Genre: Psychothriller
Seitenzahl: 336 Seiten
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Inhalt
Bewertung
"The Silent Patient" hat mich mit der wahnsinnig starken Grundidee, dem psychiatrischen Setting und dem Versprechen auf einen atemlosen Psychothriller neugierig gemacht. Mit kurzen Kapiteln, dem anfangs hohen Tempo und dem atmosphärischen Spannungsaufbau hat mich die Geschichte zu Beginn auch sehr in den Bann gezogen. Trotzdem blieb am Ende ein eher gemischter Eindruck zurück, weil vieles zwar clever konstruiert wirkte, emotional und erzählerisch für mich aber nicht vollständig aufgegangen ist.
Das Hauptproblem der Handlung war für mich, dass die Geschichte zu sehr auf die finale Überraschung fixiert wirkte. Versteht mich nicht falsch, der Aufbau des Romans (Spoiler: die narrative Täuschung durch zwei verschobene Zeitebenen, den unzuverlässigen Erzähler und Tagebucheinträge), ist sehr clever und die Prämisse wahnsinnig interessant. Das Twist-zentrierte Konzept ist für mich nur leider nicht aufgegangen, da ich relativ früh eine Vermutung hatte, in welche Richtung sich die Handlung entwickeln könnte. So hatte die spätere Enthüllung nicht mehr die gewünschte Wirkung und mir fiel auch stärker auf, wie konstruiert vieles eigentlich angelegt ist. Rückblickend hatte ich oft das Gefühl, dass große Teile der Handlung vor allem existieren, um die narrative Täuschung aufrechtzuerhalten, anstatt die Geschichte organisch weiterzuentwickeln. Gerade nach der Auflösung wirken manche Szenen und Nachforschungen fast irrelevant oder wenig logisch, weil sie eher dem Überraschungseffekt dienen als den Figuren oder der Handlung selbst.
Diese kleinere Schwächen im Handlungsaufbau hätte ich angesichts der hochspannenden Idee gerne verziehen. Mein größtes Problem mit dem Buch waren aber tatsächlich die Figuren, weil es für mich keinen wirklichen Sympathieträger gab. Theo war mir sowohl als Therapeut als auch als Erzähler von Anfang an höchst suspekt, wodurch die emotionale Bindung zu seiner Perspektive nie richtig funktioniert hat. Da der Roman so stark auf seine Wahrnehmung setzt, hat mir dadurch auch ein zentraler emotionaler Zugang zur Geschichte gefehlt. Hinzu kommt, dass viele Nebenfiguren - besonders die weiblichen Figuren wie Kathy und Alicia (um die sich eigentlich alles drehen sollte!) - für mich erstaunlich blass geblieben sind. Alicia funktioniert eher als Projektionsfläche und Mysterium als als greifbare Figur mit nachvollziehbaren Emotionen. Selbst in den Einschüben aus ihrer Perspektive in Form der Tagebucheinträge war sie für mich zu schwer greifbar. Insgesamt wirkten viele Figuren eher wie Mittel zum Zweck für den Plot und den Twist als wie tatsächliche Persönlichkeiten mit eigener Präsenz.
Zusammengehalten wird die Geschichte also weniger durch emotional tragfähige Figuren und Resonanzraum, sondern mehr durch die erzählerisch aufgebaute Spannung. Dazu trägt auch der Schreibstil von Alex Michaelides bei. Der Autor schreibt sehr zugänglich, atmosphärisch und stark emotionszentriert, wodurch die Geschichte besonders zu Beginn direkt einen Sog entwickelt. Allerdings muss man sich im Laufe des Romans auch auf viele melodramatische innere Monologe einlassen. Ich bin mir nach dem Lesen nicht ganz sicher, ob Theos Erzählstimme absichtlich durch oberflächliche Selbstanalysen und dramatisierte Reflexionen anstrengend angelegt ist, oder ob der Autor einfach eine völlig falsche Vorstellung davon hat, wie Therapie funktioniert. So wirkte besonders Stellen, die unbedingt psychologische Komplexität vermitteln wollten, manchmal ungewollt komisch. Insgesamt bleibt also wie gesagt ein gemischter Eindruck zurück, der für mich vor allem von einer großartigen Idee lebt, deren Umsetzung mich auf emotionaler und psychologischer Ebene letztlich aber nicht ganz überzeugen konnte. Trotz aller Kritik habe ich das Buch durchaus gern gelesen und verstehe absolut, warum so viele Leser*innen davon begeistert sind.
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