Die Fakten
Titel: Wann ist ein Mann ein Mann?!
Autor: Riccardo Simonetti
Verlag:
grau (28. September 2026)
Genre: Sachbuch
Seitenzahl: 207 Seiten
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Meine Eindrücke
In seinem neusten Buch geht Riccardo Simonetti der Frage nach, wie unser Bild von Männlichkeit entstanden ist, warum es sich insbesondere seit der Nachkriegszeit verengt hat und weshalb viele dieser Rollenbilder Männern selbst schaden. Auf 207 toll bebilderten Seiten nimmt er sich Zeit, zwischen persönlichen Erfahrungen, Popkultur und gesellschaftlicher Analyse zu zeigen, dass Männlichkeit keineswegs so festgelegt ist, wie sie häufig dargestellt wird – und dass wir die Freiheit haben, sie neu zu definieren.
"Wenn so viele Männer unter den an sie gestellten Erwartungen leiden - warum halten wir dann immer noch so sehr an ihnen fest?"
Inhaltlich vermischt der Autor seine eigenen Erfahrungen mit allgemeinen Überlegungen und widmet sich dabei einer großen Bandbreite an Themen – von Männlichkeitsidealen und Geschlechterstereotypen über Sexualität, Beziehungsmuster und Prägungen in der Kindheit bis hin zu männlichen Privilegien, Patriarchat, biologischen Klischees, Popkultur, Internet und Gewalt.
Nicht nur die Bandbreite der Themen, sondern auch deren Präsentation ist dabei wunderbar kurzweilig: Die einzelnen Kapitel sind toll mit Schwarz-Weiß-Fotografien des Autors ausgeschmückt und auch die roten Akzente bei Überschriften, Seitenzahlen und Kapitelanfängen sorgen für eine sehr ansprechende Gestaltung. Außerdem endet jedes der neun Kapitel mit einem Interview, das die jeweiligen Gedanken noch einmal aus einer anderen Perspektive ergänzt. Der Autor spricht beispielsweise mit Guido Maria Kretschmer, Olivia Jones oder Pierre M. Krause über Privilegien, den eigenen Körper im Kontext von Männlichkeit, Rollenbilder und Druck. Auch wenn die gleichen Fragen über die neun Interviews gelegentlich leichte Redundanz erzeugen, ist es spannend zu sehen, welche verschiedenen Antworten die einzelnen Männer jeweils für sich gefunden haben.
"Vielleicht geht es also gar nicht darum, Männlichkeit loszuwerden, sondern sie zu erweitern. So weit, dass sie nicht mehr zerstören muss, um sich zu behaupten."
Positiv hervorheben möchte ich auch den Schreibstil. Insgesamt ist Riccardo Simonettis Auseinandersetzung mit dem Thema sehr bedacht, sympathisch und zugänglich. Besonders gut gefallen hat mir, dass er dabei viele unterschiedliche Lebensrealitäten mitdenkt. Er hinterfragt Privilegien und bezieht auch Aspekte wie Hautfarbe, Religion und Sexualität in seine Betrachtungen ein - besonders seine Perspektive als schwuler Mann kommt dabei gut zur Geltung.
Gleichzeitig ist das Buch doch deutlich persönlicher als ich ursprünglich angenommen hatte und kommt ohne wissenschaftliche Studien, Verweise oder Faktenchecks aus. Wer feministische Literatur gewohnt ist, die sich ausführlich mit der Kehrseite der Medaille beschäftigt und Geschlechterrollen in einen historisch gewachsenen Kontext einordnet – häufig mit deutlich akademischerer Sprache, Fachbegriffen und theoretischen Konzepten –, wird hier vermutlich einiges an Tiefe vermissen. So bleiben vor allem Themen wie toxische Maskulinität und Gewalt eher oberflächlich und auf seine eigene Perspektive beschränkt. Das würde ich allerdings weniger als Schwäche der gedanklichen Auseinandersetzung des Autors verstehen, sondern vielmehr als Folge davon, dass der kritische Diskurs über Männlichkeit und männliche Rollenbilder dem Diskurs über Weiblichkeit und die gesellschaftliche Rolle der Frau noch immer um Jahrzehnte hinterherhinkt.
Damit ist das Buch für mich ein sehr guter Einstieg in die kritische Auseinandersetzung mit moderner Männlichkeit, auch wenn es für LeserInnen, die bereits tiefer in feministischer oder wissenschaftlicher Literatur zu Geschlechterrollen stecken, vermutlich nicht allzu viele neue Erkenntnisse bereithält. Gerade seine persönliche, zugängliche Herangehensweise macht es aber zu einer lesenswerten Einladung, die eigenen Vorstellungen davon, was einen "richtigen Mann" ausmacht, einmal genauer zu hinterfragen.
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