Dienstag, 12. Juni 2018

The Last State of Grace



 
Allgemeines:
 
Titel: The Last State of Grace
Autor: Leonie Jungen
Verlag: Independent Publishing (16. November 2017)
Genre: Science-Fiction-Romanze
ISBN-10: 1979682410
ISBN-13: 978-1979682411
ASIN: B077L7R1DZ
Seitenzahl: 414 Seiten
Preis: 9,99€ (Kindle-Edition)
13,17€ (Taschenbuch)
 
 
Inhalt:
 
-Ein Zukunftsroman über eine am Abgrund stehende Gesellschaft und eine Liebe, die alle Grenzen der Zeit sprengt-
 
Samantha Rain, 21-jährige Wissenschaftlerin, ist Miterfinderin der ersten Zeitmaschine der Menschheit, die die Welt vor der drohenden Apokalypse retten soll. Bei einem Testlauf wird der gleichaltrige Arthur Fisher aus dem 17. Jahrhundert in die Gegenwart gebracht. Samantha soll sein Gedächtnis löschen und ihn an die moderne Zeit anpassen. Doch zwischen Terroranschlägen, Intrigen und Verrat wird ihr klar, dass sie ihn nicht länger belügen kann. Und als ihr Vorsatz ins Wanken gerät, niemals Emotionen gegenüber einem Versuchsobjekt zu empfinden, droht sie damit nicht nur Arthurs Leben aufs Spiel zu setzen, sondern auch ihr eigenes....
 
 
Bewertung:
 
"Dies ist kein Tagebuch.
Und auch nicht nur eine Geschichte.
Es ist die Wahrheit."
 

Überzeugt, das Buch zu lesen haben mich auf den ersten Blick zwei Dinge. Erstens das wundervolle und wirklich besondere Cover und zweitens der ansprechende und berührende Anfang der Geschichte in der Leseprobe. Und mein erster Eindruck hat mich nicht getäuscht: hier wartete eine originelle Geschichte auf mich, die zwar nicht perfekt ausgearbeitet ist, dafür aber mit einer wunderbar sanft entwickelten Liebesgeschichte aufwarten kann.
 
 
Erster Satz: "Wenige Geschichten enden besser als sie begonnen haben."
 

Mit dem Coverdesign hat die junge Autorin schon einmal einen Volltreffer gelandet. Schon auf den ersten Blick war ich hingerissen und fasziniert von dem filigranen Motiv, das dem ansonsten eher düster und geheimnisvoll anmutenden Cover eine magische, hoffnungsvolle Note gibt. In Form von graziösen Uhrwerken, verschlungenen Zeigern und einem blassen Ziffernblatt wird hier der Hauptaspekt der Handlung und gleichzeitig die einzige Konstante verkörpert, die wir für unantastbar und unveränderbar halten: die Zeit. Im 22. Jahrhundert ist die Zeit jedoch weder unantastbar noch unveränderbar. Seit Jahren erforschen Wissenschaftler des Secret Research Center of Time die Zeit und versuchen, sie mithilfe einer Zeitmaschine greifbar werden zu lassen. Als das Projekt endlich glückt, daraufhin die erste Testperson aus dem 17. Jahrhundert in die moderne, aber vom Untergang bedrohte Neuzeit geholt und bei ihr einquartiert wird, erfährt die junge Wissenschaftlerin am eignen Leib, was es bedeutet, wenn Liebe wirklich zeitlos ist...
 
 "Es war ein Menschenleben. Nur eines. Was war das schon im Vergleich zu zehn Milliarden? "Das hier ist Wissenschaft", flüsterte ich ihm so eindringlich zu, wie es meine gesenkte Stimme erlaubte. Er wandte sich ein wenig zu mir um, ließ seinen Blick über mein Gesicht gleiten als suchte er dort nach etwas und schüttelte schließlich nur den Kopf. "Nein, Sam, das hat nichts mit Wissenschaft zu tun. Das hier ist ein Himmelfahrtskommando"
 
 
Mit sehr langsamen und bedachten Schritten schreitet die Geschichte zu ihrem unvermeidbaren und schon von Beginn an angedeuteten Ende zu, versäumt es dabei jedoch nicht, uns Leser mit in emotionale Hochs und Tiefs zu reißen. Auch wenn manchmal Logiksprünge in der Handlung zu bemerken waren und sich plötzlich das Geschehen scheinbar grundlos in eine andere Richtung wandte, der ich nicht folgen konnte, hat mich die Geschichte dennoch überzeugt und mitgerissen.
 
 
"Erzähl mir nichts von Gewissen! Du weißt doch nicht einmal was das ist! Du glaubst, du würdest die Welt retten, doch in Wirklichkeit ist das nur eine Ausrede, um endlich das zu schaffen, was n Vater schon lange erreicht hat: Erfolg. Du bist Teil dieses kranken Systems und du merkst es nicht einmal, weil du nichts bist als eine ferngesteuerte Maschine."
 
 
Besonders spannend ist die Welt, in die wir Leser entführt werden. Während gewisse Dinge sich in der Zukunft wohl nie ändern werden -  Menschen scheinen immer noch begeistert von den "Harry Potter"-Romane zu sein, jedes Weihnachten "Last Christmas" zu hören, bis man es nicht mehr ertragen kann und aus Ermangelung an Zeit, Lust oder Fähigkeiten zu Kochen Fastfood bei Lieferservices zu bestellen - werden wir mit neuer Technologie und vor allem mit einer komplett neuen Vorstellung konfrontiert: die Zeit ist ein Zweig der Wissenschaft, der sich erforschen lässt. Auch wenn die Geschichte nebenbei noch versucht, den Moralzeigefinger zu erheben und unsere Gesellschaft zu kritisieren und mir noch ein paar generelle Informationen zur Gesellschaft und die aufgetretenen Probleme durch den Klimawandel gefehlt haben, haben wir es hier mit einem authentischen Setting zu tun, in dem wir einiges Bekanntes wiedererkennen können.
 
 
"Vielleicht ist das dein Problem." Als er mich zum ersten Mal seit der Durchführung des Experiments direkt ansah, bohrte sich ein Blick so eindringlich in meinen, dass es mir unmöglich war, wegzusehen. "Du siehst es immer als Wettstreit an, als Kampf. Ich will nicht leugnen, dass du außerordentliche Angriffstechniken beherrschst, aber vielleicht will die Natur überhaupt nicht, dass du gegen sie kämpfst!"
 
 
Die Autorin versteht es geschickt Spannung zu wecken, mit viel Fingerspitzengefühl alte Träume zu zerstören und neue Hoffnungen wachsen zu lassen und umschreibt die Gefühle ihrer Protagonistin mit ergreifenden und passenden Worten. Dabei ist ihr Stil pathetisch, erfrischend, humorvoll, bildreich und träumerisch. Gut verständlich, greifbar und abwechslungsreich sind die Situationen geschildert, die Dialoge knapp und stimmig. Es wird eine magische, Großteils eher traurige Atmosphäre kreiert, durch die aber immer wieder Lichtblicke und schöne Erinnerungen durchscheinen, sodass die Grundstimmung leicht melancholisch aber dennoch positiv erscheint. Ein angenehmes Lesegefühl! Ein wenig durchbrochen wird dieses von den unnötig vielen Tipp- und Rechtschreibfehlern, die ich zu Beginn fast auf jeder Seite gefunden habe.
 
 
"Ich legte eine Hand auf das eisige Glas des großen Panoramafensters und wünschte mir, ich könnte springen, das berauschende Gefühl des freien Falls spüren. "Wenn du in Manhattan wohnst, dann verblasst deine Seele jeden Tag ein bisschen mehr. Hinter den ausdruckslosen Glasfassaden schlägt schon lange kein Herz mehr, Sam."
 
 
 Vor allem lebt der Roman jedoch von der Protagonistin Samantha, die eine wundervolle Entwicklung durchmacht. Die junge Wissenschaftlerin hat eine Art Hassliebe zum einsamen und doch lebendigen Stahlgiganten New York, welche ihre Beziehung zu sich selbst wohl auch recht gut umschreibt. Während sie die Isolation und Emotionslosigkeit der Großstadt verabscheut, so blickt sie auch voller Staunen auf dessen Kraft und Vitalität, welche sie vor allem durch Arthur und ihre Freundin Kim finden kann. Genauso ist es mit ihr selbst. In vollkommen verdrehter Eigenwahrnehmung hält sie sich für emotionslos, kommunikationsgestört und nicht in der Lage, Empathie zu empfinden, schafft es aber, durch Arthur einen anderen Blickwinkel auf sich selbst und ihr Leben zu bekommen und ihre Isolation schließlich aufzugeben. Selbst ohne das Ganze Drumherum mit Zeitreise und Science-Fiction-Weltuntergangsszenario hat die Geschichte so ein magisches, spannendes Herzstück bekommen, dass berührt und ans Herz geht.
 
 
"Arthur Fisher war der erste Mensch, in dessen Gegenwart ich meine so sorgsam gewahrte Maske fallen ließ.
Arthur Fisher war der erste Mensch, der sich daraufhin nicht umdrehte und ging."
 
 
Das Ende kommt dann mit sanfter Gewalt und hinterlässt trotz allem einen bitteren Nachgeschmack. Das lag für mich gar nicht mal daran, dass wir kein Happy End erhalten (das hatte ich so oder so nicht erwartet), sondern dass alle anderen Handlungsstränge ins Nichts auslaufen und wir nicht mal in zwei Sätzen erklärt bekommen, was mit der Welt und dem drohenden Weltuntergang passiert. Nichtsdestotrotz habe ich die Buchdeckel mit einem guten Gefühl geschlossen und freue mich schon auf weitere Romane der Autorin!
 
 
"Ich barg das Gesicht in Arthurs Halsbeuge, hielt mich an ihm fest. Denn wenn ich schon würdelos zu einem zitternden Nichts zerbrach, dann wenigstens in der Gegenwart eines Menschen, der es auf wundersame Weise verstanden, die Scherben wieder zu einem Ganzen zusammenzusetzen."
 
 

Fazit:
 
Zarte Spannung, eine vielschichtige Protagonistin und eine sich sanft entwickelnde Liebesgeschichte, die gegen die Zeit ankämpft machen das Buch trotz einiger Schwächen zu einem wundervollen Leseerlebnis!
 
 Zum Schluss noch ein herzliches Dankeschön an die Autorin Leonie Jungen für die Bereitstellungen eines - signierten - Rezensionsexemplares! Hätte sie mich nicht angeschrieben, hätte ich diese süße Geschichte wohl nie gelesen ;-)
 
 

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