Sonntag, 29. Oktober 2017

Viel näher als zu nah

 
 
Allgemeines:
 
Titel: Viel näher als zu nah
Autor: Angela Kirchner
Verlag: Dressler (25. September 2017)
Genre: Roman
ISBN-10: 3791500570
ISBN-13: 978-3791500577
ASIN: B071NPMSXV
Seitenzahl: 256 Seiten
Vom Hersteller empfohlenes Alter: 13 - 16 Jahre
Preis: 11,99€ (Kindle-Edition)
16,99€ (Gebundene Ausgabe)
 
 
Inhalt:
 
Am Anfang war der Knall. Es ist diese Nacht, diese Party, die alles verändert im Leben von Fey und Lucas. Fey und ihre Freundin wollen eigentlich nur nach Hause und geraten mitten rein in das Motorradrennen von Lucas und Ben, mitten rein in den Unfall. Mitten rein in ein neues Leben. Und dann treffen Fey und Lucas sich wieder. Obwohl sie sich hassen sollten, sprüht es Funken, und nicht nur vor Wut!
 
 
Bewertung:
 
DISCLAIMER: Vielen Dank an den Dressler-Verlag für das Rezensionsexemplar!
 
Auf diesen Roman aufmerksam geworden bin ich über die Verlagsseite der Verlags-Gruppe Oetinger. Der Name der Autorin hat mir erst nicht gesagt, doch als ich mitten im Lesen war ist mir aufgefallen, dass ich schon das Debüt von Angela Kirchner "Über den Dächern wir zwei" mit Begeisterung gelesen habe. Und auch diese ungewöhnliche Liebesgeschichte, eindringlich und wunderbar zart erzählt, ist etwas ganz Besonderes!

Doch zuerst einige Worte zum Cover und der äußerlichen Gestaltung. Ich muss zugeben, dass ich das Cover auf den ersten Blick nicht besonders ansprechend fand. Die rosa, glänzende Schrift mit den verlaufenden Blumen erschienen mir zu aufdringlich, der türkisblaue Stoffstreifen über dem Buchrücken zu kontrastreich und der kartonierte Hintergrund zu schlicht. Auch von der Einbandart, mit festem Karton anstatt einem normalen Buchdecken, hat mich zuerst verwundert. Doch jetzt im Nachhinein muss ich sagen, dass mir die Art, wie sich das Buch von Einband und Titel her von der Masse abhebt, sehr gut gefällt. Sowohl der pinke Titel, der wunderschön glänzt, wenn man ihn ins Licht dreht, als auch der aufdringlich große Titel passen wunderbar zur Handlung und spiegeln die Grundatmosphäre wider: einerseits blumig, zart und schön, anderseits aufdringlich, seltsam und scharfkantig. Einfach wundervoll! Gut gefallen hat mir auch, dass die Schriftart sich mit der Perspektive ändert, so erhalten die Passagen aus Feys Sicht eine größere, rundere Schrift, als die kleingedruckten, eckigen Passagen aus Lucas´ Sicht, sodass man die beiden wunderbar unterscheiden kann und die Perspektivwechsel nicht in Verwirrung ausarten.
 
 
Erster Satz: "Ich kann das"
 
 
Nach einem recht verwirrenden und abrupt beginnenden Prolog werden wir in eine der wohl ungewöhnlichsten Liebensgeschichten des Jahrhundert eingeführt: zwei verletzte Menschen, die das Schicksal grausam zusammen finden lassen hat und sie dann immer wieder durch zufällige Begegnungen im Alltag konfrontiert. Ein grausames Spiel oder eine Möglichkeit auf Heilung für sie beide?
 
 
"Atmen, ich muss atmen.
Es geht nicht. Alles steht in Flammen.
Niemals.
Niemals zuvor.
Niemals zuvor hatte ich solche Schmerzen."
 
 
Das ist der Schlüsselmoment der alles verändert: Durch Lucas Svensson sind drei Menschen schwer verletzt worden, als er nach einer Party mit seinem Freund Ben ein Motorradrennen veranstaltet. Schwer verletzt wird er durch sein Gewissen gequält, unfähig aus seinem Loch wieder hinauszuklettern. Als er dann noch erfährt, dass er eines der Mädchen kennt, deren Leben er zerstört hat, reißt es ihm den Boden unter den Füßen weg. Ausgerechnet Fey, der er auf der Party näher gekommen war und die ihm mit ihren pinken Haaren sofort aufgefallen und ihn mit ihrer sarkastischen, lockeren Art fasziniert hat. Als Lucas sie daraufhin aufsucht, um sich zu entschuldigen und sie unglaublich wütend und verletzt wiederfindet, ist es ein Schock für sie beide. Dass sie ihn nun hasst ist verständlich, doch als sich ihre Wege immer wieder kreuzen und obwohl sich beide dagegen wehren, können sie es dennoch nicht verhindern, dass sie sich voneinander angezogen fühlen...
 
 
"Ich habe ständig das Bild vor Augen, wie sich rotes Blut mit dem Pink ihrer Haare vermischt. Inzwischen sind ihre Haare blau. Die Farbe wird von Mal zu Mal dunkler, wenn wir uns über den Weg laufen. Das ist ein Stimmungsbarometer für meine Laune, je dunkler ihre Haare, desto schlechter meine... mein... mein Gewissen."
 
 
Ich habe die atmosphärische Diskrepanz eben schon angesprochen: das Buch vereint eine unglaublich zerbrechliche Liebe, die am Abgrund aus Gefühlen, Schuld und Verletzungen wandelt, immer in Gefahr abzustürzen. Diesen stetigen Drahtseilakt zwischen Hass und Liebe, Schuld und Vergebung, Täter und Opfer, Licht und Dunkelheit, Lachen und Weinen authentisch darzustellen, erfordert unglaublich viel Fingerspitzengefühl, doch Angela Kirchner meistert das ganz wunderbar. Mit ihrer vorsichtigen, zurückhaltenden Art, Szenen zu konstruieren und ihrem flüssigen Schreibstil, lässt sie die knapp 250 Seiten wie im Fluge vergehen und hält eine knisternde Spannung aufrecht, die durch die leise Tragik der beiden Protagonisten entsteht, während wir Leser hoffen, dass sie die Schwierigkeiten, die ihr Schicksal ihnen in den Weg gelegt haben, zusammen überwinden können und zueinander finden.
 
 
Lucas:
 
"Fey lächelt. Ganz langsam senke ich meinen Kopf. Wie schon heute Nachmittag verändert sich ihr Gesicht auf eine Weise, die ich für die Ewigkeit konservieren möchte. Ich sollte Tesa über den Moment kleben, einen Film darüber drehen, was dieses Lächeln mit ich macht, oder sie einfach darum bitten, mindestens einmal am Tag so zu lächeln. Für den Rest ihres Lebens."
 
 
Das wirklich besondere an diesem Buch sind die Charaktere und vor allem deren Verbindungen. Obwohl sich Lucas und Fey die Erzählperspektive teilen, ist er eindeutig der Hauptprotagonist der Geschichte. Als solcher ist er sowas von antiklischeehaft und gespalten, dass er sich unsere Sympathie erst erkämpfen muss. Wir lernen ihn zuerst als gewissenlosen Aufreißer und coolen Typen kennen, dem nichts wichtiger ist als sein Ruf, sein Motorrad und ein wenig Spaß zu haben. Doch nach dem Unfall ändert sich das alles. Seine Schuld drückt ihn in ein tiefes Loch, aus dem ihm weder seine Eltern, noch sein bester Freund Ben heraushelfen können, da er blind vor Verzweiflung jede Hilfe ablehnt und sich nur auf sich selbst konzentriert. Das gerade das Mädchen, dass er durch seine Schuld ebenfalls in einen Abgrund gestoßen hat, ihm dabei helfen wird, den Weg hinaus zu finden, ist eine kranke Fügung des Schicksals, die er niemals erwartet hätte, eben so wenig wie Fey selbst. Im Laufe des Buches wird Lucas immer sympathischer, auch wenn er immer wieder Fehler macht. Er ist sich bewusst, dass er großen Mist gebaut hat und versucht, alles wieder geradezubiegen, wobei er weder auf seine Gesundheit noch auf seine eigenen Gefühlen Rücksicht nimmt. Es ist wirklich beeindruckend, wie er immer wieder aufsteht, sich aufrafft und sich schmerzhaften Dingen stellt und so versucht, seine Schuld abzuarbeiten.
 
 
Fey:
 
"Hey wow! Vorsicht!", sage ich, und ein nervöses Lächeln rutscht mir über die Lippen. Das hier ist viel näher als zu nah. Meine Hände liegen noch auf seiner Brust, ich muss sie wegnehmen, damit seine Wärme mich nicht einfangen kann. Gleich nehme ich sie weg.
Gleich..."
 
 
Auch Fey, eigentlich Felicitas Lippkes, ist ein recht zwiespältiger Charakter, den man ebenfalls weder einfach durchschauen noch so schnell ins Herz schließen kann. Trotz der kleinen Passagen aus ihrer Sicht ist sie sehr schwer einzuschätzen, was sie sowohl in Lucas´ als auch in den Augen des Leser sehr interessant macht. Sie versucht zuerst, Lucas für seine Verantwortung zu hassen, man sieht sie dabei aber immer mehr scheitern. Da wir eine wichtige Information über sie erst ganz am Ende erfahren, wirken ihre wechselnden Launen sprunghaft und überraschend, sind aber nur reiner Selbstschutz. Ansonsten ist sie ein erstaunlich lebensfrohes und aufrichtiges Mädchen, wenn man bedenkt, was sie alles hinter sich hat. Sie lässt sich so einfach nicht unterkriegen und beeindruckt so genau wie Lucas mit innerer Stärke.
Gerade die spannende Wendung am Ende reißt die Handlung in eine ganz neue Richtung und man versteht endlich ihr Handeln und die volle Tragik des ganzen. Mich hat es sehr berührt.
 
Auch Lucas´ Beziehung zu seinem besten Freund Ben ist sehr interessant. Auch er hat große Probleme, die aber in denen von Lucas komplett untergehen, was ihn authentisch mitleiden lässt.
Alle Charaktere sind also wirklich super herausgearbeitet und glaubwürdiger dargestellt, als man das bei so wenigen Seiten und einem solch schwierigen Thema erwarten würde!
 
 
"Wenn ich könnte, würde ich all die Bilder und Gedankenfetzen, die mich an den Unfall erinnern, gegen etwas eintauschen, was ... ich weiß nicht... anders schlimm ist. Gegen die Schmerzattacken vom Anfang zum Beispiel. Gegen drei weitere Jahre mit Krücken. Oder gegen eine fette Tracht Prügel. Aber so läuft das nicht. Stattdessen blitzen mehr Erinnerungen auf, wechseln sich im Takt meines Herzschlags ab.
Badumm - badumm - badumm.
Rücklicht - Fiat - Kreuzung.
Badumm - badumm - badumm.
Ampel - dunkel - Schmerz."
 
 
An manchen Stellen bemerkt man die Kürze dann aber doch, so sind einige Szenen ein wenig sprunghaft und zwischendrin fehlt ein kleines bisschen Substanz, weshalb ich auch keine vollen 5 Sterne vergeben werde. Trotzdem bin ich rundum begeistert von diesem kleinen Meisterwerk.
 
 Wer also typische Liebesgeschichte erwartet, wird zwangsläufig enttäuscht werden, viel mehr haben die Protagonisten damit zu kämpfen, mit dem schlimmen Unfall und seinen Folgen klarzukommen, sich ihre Schuld einzugestehen, einander verzeihen zu können und so damit abzuschließen.
Das Ende ist recht offen gehalten, was in dem Fall genau richtig gewählt ist. Alle wichtigen Fragen sind geklärt und der Grundkonflikt hat sein Ende gefunden, wie genau sich die Dinge aber noch entwickeln werden, wird offen gelassen, sodass wir Lucas und Fey alleine den Rest ihres Wegs gehen lassen.
 
 
Fazit:
 
Dieser wundervolle Roman zeichnet das Bild eine unglaublich zerbrechliche Liebe, die am Abgrund aus Gefühlen, Schuld und Verletzungen wandelt, immer in Gefahr abzustürzen und zeigt auf, wie schwierig der Prozess der Heilung nach einem schweren Unfall sein kann und wie wichtig es ist, einander und vor allem sich selbst verzeihen zu können.
Grandios!
 


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