Montag, 9. März 2020

Montagsfrage 09.03.2020


Hallöchen,

ich genieße im Moment meine freie Zeit und erledige jeden Tag mit gutem Gefühl Dinge, die schon seit EWIGKEITEN auf meiner To-do-List stehen, zu denen ich aber nie gekommen bin. Das sind häufig viele Kleinigkeiten, die sich aber anhäufen und eine Genugtuung hinterlassen, wenn man sie endlich abhaken kann. Kennt ihr das? Doch weg von meiner Mini-Produktivität und hin zur Montagsfrage ;-) Nachdem letzte Woche die Montagsfrage bei Antonia krankheitsbedingt ausgefallen ist, sind wir nun wieder mit einer frischen Frage am Start:

Welche Klischees haben für euch wirklich ausgedient?


Grundsätzlich sehe ich kein großes Problem beim Einsatz von Klischees in Büchern - immerhin ist es nicht möglich, dass sich jeder Autor in jeder Geschichte zu 100% etwas noch nie dagewesenes ausdenkt. Neue Geschichten fußen immer auf älteren, manche Genres leben von immer gleichen Strukturen und einige Konzepte machen einfach Spaß beim Lesen und haben sich bewährt. Ich denke, dass viele Klischees außerdem gewisse Rollenbilder, Erwartungen und Sehnsüchte der Gesellschaft widerspiegeln und deshalb so erfolgreich sind. Da ist auch nichts dagegen einzuwenden, wichtig ist jedoch, dass die Geschichte nicht nur aus zusammengewürfelten, aneinandergereihten Klischees besteht, sondern einen eigenen Kern hat, dass der Autor/die Autorin sich bestenfalls des Einsatzes der Klischees bewusst ist und sie auf die Spitze treibt, aufbricht oder anderweitig mit ihnen spielt. Wenn man schon auf der ersten Seite genau weiß, wie die Geschichte ausgehen wird und bei jeder "spannenden Wendung" nur die Augen verdreht - dann ist aber etwas schief gegangen. Einsatz von Klischees - ja, geht ja fast nicht anders. Aber bitte in richtigen Dosen und mit genügend Eigeninterpretation, Witz und Spannung.

Was ich aber wirklich nicht mehr lesen kann, sind die ganz platten, durchgekauten Klischees, die sich oft durch ganze Genres ziehen und die solangsam einfach nicht mehr funktionieren. Natürlich funktionieren die Klischees häufig in beide Geschlechterrichtungen und sind dabei gleich nervig, es lässt sich aber zum Glück schon erkennen, dass eine gesellschaftliche Änderung der Rollenbilder auch in der Literatur Raum für etwas andere Geschichten schafft und viele der Klischees langsam bröckeln. Hier ein paar Beispiele aus meinen derzeitigen Lieblingsgenres

Kennt ihr diese Dystopien, in denen ein ahnungsloses, naives Mädchen auf einen rebellischen Typen trifft und beginnt sich zu verlieben und das System zu hinterfragen, bis sie zusammen eine Rebellion starten? Ja, die kenne ich zu genüge. Die Frage ist eher: kennt jemand wirklich gute Dystopien, die von diesem Ablauf abweichen? Die gibt es natürlich auch, aber das ist schon schwieriger.

Kommen wir zum Genre Fantasy: ich würde behaupten in 90% aller Fantasy-Romanen geht es um einen auserwählten Protagonisten, der eigentlich aus weniger privilegierten Verhältnissen kommt, aber ganz besondere Fähigkeiten hat. Auch Prophezeiungen, die vorhersagen, der Protagonist würde die Welt retten, hängen mir mittlerweile zum Hals raus. Ein absolutes No-Go ist natürlich die "Damsel in Distress", also die Jungfrau in Nöten, die singend, gutaussehend wartet, bis ihr edler Ritter sie retten kommt. Zum Glück liest man das immer weniger und feministische Fantasy (Stichwort: Sarah J. Maas) ist auf dem Vormarsch. Ein weiterer Aspekt, den ich einfach nur unfassbar unglaubwürdig finde, ist wenn Helden durch wenig Training zu Kampfmaschinen oder zu absoluten Spezialisten auf ihrem Gebiet werden und die Antagonisten im großen Endkampf mit viel Tamtam besiegen können.

Doch das größte Problem mit überzogenen Klischees hat definitiv das Genre Young Adult. Hier ärgere ich mich häufig sowohl über den Protagonisten/die Protagonistin als auch über den dazugehörigen Love Interest, der hier nie fehlen darf. Natürlich sind die Protagonistinnen immer wunderschön - sie wissen es nur noch nicht und quälen sich selbst mit irgendwelchen Komplexen und Problemzonen. Häufig gibt es irgendwann die typische große Umstyling-Aktion, bei der die Protagonistin vom hässlichen Entlein zum schönen Schwan wird. Diese neue Schönheit darf dann gerne bei einer Gala, einem High-Society-Event, einem Abschlussball oder ähnlichem präsentiert werden. Außerdem gibt es ja doch DAS TRAUMA, mit dem sich die Protagonistin auseinandersetzen muss. Irgendetwas in der Vergangenheit, dass zu den Komplexen geführt oder die Figur in irgendeiner anderen Art und Weise negativ geprägt hat, kocht im Laufe der Handlung wieder hoch und wird überwunden - Überraschung. Und wenn die Lovestory dann ihren Lauf genommen hat, gibt es natürlich noch irgendwann die typische "Er-liebt-mich-nicht"-Lebenskrise, die selbst die aufrechteste Protagonistin noch gestürzt hat, direkt gefolgt von dem "Du bist zu gut für mich"-Moment, der häufig in der obligatorischen Prä-Happy-End-Krise mündet. Nach der großen Aussöhnung und der Aufklärung aller Missverständnisse (häufig noch garniert durch Flughafen-Renn-Szenen) gibt es dann ein schmalziges Happy End mit Heirat, Haus und Kindern, bei dem in meinem Kopf nur ein Wort blinkt: Unrealistisch!

Das größte Problem sind häufig jedoch nicht die Protagonisten sondern deren Love Interests. Hier hätten wir mehrere Optionen zur Auswahl: da wären Geschichten von gutaussehenden, erfolgreichen Rockstars, die sich in unscheinbare, unschuldige Mädchen verlieben, von sexy Millionären, die ihre dunkle Vergangenheit mit einer einfachen Angestellten überwinden, von heißen Bad Boys, die sich eigentlich nur nach ein bisschen Liebe sehnen... Geschichten über Biker, Schriftsteller, Künstler, Schauspieler, Handwerker, CEOs, Sportler, Ärzte über was auch immer, die aber eines gemeinsam haben: sie wurden nur dazu geschrieben, schwärmenden Leserinnen Stoff zum Träumen zu schenken und steigern dabei ihre Anforderungen an echte Typen ins Unrealistische. Es ist ja nichts dabei mit den Sehnsüchten der Leserinnen zu spielen, aber wenn der Love Interest nichts weiter als eine unglaublich gutaussehende, im Bett talentierte und reiche Projektionsfläche ist, hat das für mich nicht mehr viel mit einem Protagonisten zu tun. Außerdem könnte ich mich stundenlang über Typen mit übertriebenem Beschützerinstikt und Eifersuchtsanfällen aufregen, deren Verhalten von den Protagonistinnen häufig sogar noch als "süß" wahrgenommen wird. Ich will das gar nicht lange ausführen, sonst schweife ich zu weit ab, mein Stichwort dazu ist nur "Edward Cullen".

Als letztes Klischee, das ich soooo satt habe, und das leider alle möglichen Genres infiltriert, will ich Dreiecksgeschichten anführen. Ich meine die sind so heuchlerisch. Wenn ein Typ mit zwei Frauen gleichzeitig anbandelt, ist er ein Arschloch, der mit ihren Gefühlen spielt. Wenn eine Protagonistin das tut und ach so hin und hergerissen ist und sich fünfhundert Mal umentscheidet, dann ist das ein vollkommen normales Stilelement. Ich habe in den letzten Jahren vielleicht von zwei oder drei realistischen, wirklich nachvollziehbar dargestellten Love Triangles gelesen, alle anderen haben mir einfach nur den letzten Nerv gekostet.

Ihr seht also, trotz dass ich am Anfang meinte, Klischees seien grundsätzlich kein Problem, ist mir doch eine ganze Latte an ausgelutschten Konzepten eingefallen, die ich einfach nicht mehr lesen kann. Jetzt interessiert mit natürlich sehr, wie ihr zum Thema "Klischees in Romanen" steht und was euch aus dem Hals heraus hängt...

Liebe Grüße
Sophia

Kommentare:

  1. Hallo Sophia,

    vielen Dank für den ausführlichen Beitrag. Zwar finde ich Klischees nicht allzu schlimm, wenn es der Autor/die Autorin schafft sie gut und glaubwürdig umzusetzen, aber leider ist das nicht immer der Fall. Ich habe irgendwann einmal Throne of Glass von Sarah J. Maas gelesen und fand es irgendwie völlig unglaubwürdig, obwohl ich starke weibliche Charaktere sehr gerne mag. Letztendlich kommt es also immer darauf an, was die Autoren daraus machen und wie sie es "verkaufen".

    Viele Grüße
    Jay von "Bücher wie Sterne"

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    1. Hey Jay,

      ja Glaubwürdigkeit ist da ein wichtiger Stichpunkt! OMG du mochtest TOG nicht? Das bricht mein Fan-Herz ;-) Ne Spaß beiseite, natürlich übertreibt sie es mit dem Epos ein bisschen und dass am Ende alle weiblichen Protagonistinnen Königinnen, Befreierinnen und Helden sind, ist in der Tat ein wenig unrealistisch. Aber dafür ist es immerhin noch Fantasy und gemocht habe ich es trotzdem ^^

      Liebe Grüße
      Sophia

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