Donnerstag, 6. April 2017

Ash

 
 
Allgemeines:
 
Titel: Ash
Autorin: Malinda Lo
Verlag: PAN (2010)
Genre: Fantasy
ISBN: 978-3426283448
Seitenzahl: 272 Seiten
Preis: 12,95€ (gebundene Ausgabe)
3,99€ (Kindle-Edition)


Inhalt:

"Bist du zu mir gekommen, um mir ein Märchen zu erzählen?", fragte er mit spöttisch verzogenem Mund. Ash ließ sich davon nicht abschrecken. "Stimmt es?", hakte sie nach. "Ist diese Geschichte wahr?"

Als Ashs Vater stirbt, beginnt ihre Stiefmutter, sie wie eine Sklavin zu behandeln. Wann immer Ash entkommen kann, schleicht sie sich in die Wälder – denn dort, so heißt es, suchen Feenmänner nach Frauen, die sie als ihre Geliebten entführen können. Und obwohl dies ihren Tod bedeuten würde, erscheint es Ash besser als das Leben, zu dem sie verdammt zu sein scheint. Doch dann ändert sich alles, als der Königssohn beginnt, Brautschau zu halten, und sein Hofstaat in Ashs Dorf kommt …



Bewertung:
Erster Satz: "Aislings Mutter starb mitten im Sommer."
Das Buch habe ich auf dem Flohmarkt gefunden - gebunden, ohne jeden Makel und voller magischer Anziehungskraft, ist es mir sofort aufgefallen und ich musste es einfach mitnehmen. Der Klapptext klingt einfach super spannend und da ich eine riesige Schwäche für Märchenadaptionen habe, habe ich, als ich wieder zu Hause war, sofort danach gegriffen, obwohl auf meinem SuB noch soooo viele andere Bücher warten.

Rein äußerlich ist das Buch wunderbar getroffen. Vom Stil her ist das Grundbild ganz in Schwarz-Weiß gehalten, nur der Titel und der Verlagsname stechen in einem hübschen Violett hervor. Der Fokus liegt auf dem Mädchen in dem weißen Kleid, dass zusammengekauert auf einer grauen Wiese liegt. Sie hebt sich durch den Kontrast wunderbar vom Hintergrund ab und verkörpert unsere Protagonisten wunderbar: Klein, verletzlich, hoffnungslos, aber doch...ein Hauch verträumt.
Auch das Buch ohne Umschlag, ist in dem edlen Violett-Ton gehalten, welcher an den Seiten etwas hindurchschimmert. Insgesamt wirkt das Cover auf den ersten Blick recht trist und trostlos, lässt aber auch auf Hoffnung und Magie schließen. In Vergleich zum amerikanischen Cover (links), finde ich es in seiner Farbgebung und Ausgestaltung deutlich besser und ansprechender gemacht, auch wenn das Mädchen im Wald thematisch besser zum Buch passt und die Grundstimmung etwas magischer und lebendiger wirkt. Auch innerhalb der Buchdeckel ist das Buch sehr hübsch ausgestaltet: detaillierte Initialen zu Beginn jeden Kapitels, gut gewählte Schriftarten und hübsche Trennseiten zwischen den beiden Teilen bereiten dem Leser ein magisches Lesevergnügen.
"Als sie am Vorabend der Jagd die Küchentür öffnete, sich auf die Vortreppe setzte und auf den dämmrigen garten hinausblickte, spürte sie die Aufregung wie einen dünnen und doch strahlenden Faden. Morgen würde sich ihr Leben ändern!"
Wie schon gesagt, ist "Ash" eine Märchen-Neuinterpretation zu "Aschenputtel" der Gebrüder Grimm. Interessant fand ich, dass die Autorin es mit den verschiedenen Details im Ablauf an sich und auch mit Gefühlen recht genau nimmt, sich aber in der Gesamtentwicklung, doch ein Stückweit vom Märchen entfernt.
Aisling, genannt Ash, lebt zunächst glücklich mit ihrer Mutter und ihrem Vater in dem kleinen Dorf Rook Hill in der Nähe des Waldes. Da ihr Vater von Berufs wegen häufig auf langen Reisen ist, ist ihre Mutter im Grunde ihre einzige richtige Bezugsperson, abgesehen von der Haushälterin Anya.
Umso härter trifft es Ash, als ihre Mutter nach einer plötzlichen Erkrankung auch noch rasch stirbt. Schon bevor sie den schmerzlichen Verlust ihrer Mutter überhaupt überwinden kann, bringt ihr Vater auch schon eine neue Frau mit nach Hause, zusammen mit ihren zwei Töchtern Ana und Clara. Von Anfang an zeigt keines der drei neuen Familienmitglieder viel Zuneigung für Ash und als auch noch ihr Vater erkrankt und schließlich ebenfalls stirbt, lässt die Stiefmutter ihre gesamte Wut an Ash aus. Auf Grund der angeblichen Verschuldung ihres Vaters wird Ash, im Alter von gerade einmal zwölf Jahren zum Dienstmädchen degradiert und von da an wie eine Sklavin behandelt.
"In ihrem Zimmer öffnete sie das Fenster, rollte sich auf der Bank darunter zusammen und wartete auf die ersten Regentropfen. (...) Jetzt bin ich ganz allein, dachte sie."

Während dieser Zeit, in der Ash alle möglichen niederen Aufgaben erfüllen und, wenn sie etwas falsch macht, dabei auch noch Schläge einstecken muss, flüchtet sie sich immer wieder in den Wald und klammert sich an die Feengeschichten, die ihre Mutter ihr als kleines Kind immer erzählt hat, und träumt davon, dass ein Feenmann sie aus ihrer aussichtslosen Situation befreit ...

Was darf sich ein Mädchen vom Leben wünschen? Diese Frage stellt sich Ash immer häufiger, als sie zwar den betörend schönen Sidhean aus dem Feenvolk kennenlernt und ihren zwei Stiefschwestern dabei zusieht, wie sie sich für den jungen Königssohn Aiden begeistern, im Herzen aber trotzdem alleine bleibt. Ist der Platz an der Seite eines reichen Mannes alles, von dem sie träumen sollte? Dann begegnet sie Kaisa, der furchtlosen und anmutigen Jägerin des Königs, die ihre eigene Wege geht und nur die Regeln befolgt, die sie selber macht. Und auf einmal beginnt die schüchtere Ash zu ahnen, dass auch sie mehr sein kann, als die folgsame Frau an der Seite eines Mannes...
"Ash kam an jungen Sprösslingen vorbei, die sich um die höchsten Bäume scharten wie Kinder um ihre Mutter. Ein uralter Frieder ergriff besitz von ihr und sie Luft roch nach Magie. Als der Pfad sich in eine gewundene Spur verwandelte, die sie im Dämmerlicht kaum noch ausmachen konnte, spürte sie, wie ein Teil ihres Herzens wieder an seinen angestammten Platz zurück glitt. Hier gehörte sie hin. Hier war ihr Zuhause."
Ab hier entwickelt sich "Ash" dann in eine ganz andere Richtung wie "Aschenputtel" und kritisiert das Gesellschaftsbild im Märchen sogar ein Stückweit.
Das arme Mädchen, das seine Eltern verloren hat und dann das einen reichen Prinzen heiratet - tadaaaa: Happy End? Eher nicht!
Ash verliert zwar auch beide Elternteile, wird dann zum Dienstmädchen der Stiefmutter und ihrer Stiefschwestern, bis sie mit Hilfe einer Fee ihren Prinzen kennen lernt, doch sie gibt sich weder mit dem Prinzen noch mit dem Feenmann zufrieden, denn was sie will, ist Freiheit! Diese Freiheit verkörpert die Jägerin Kaisa, welche als interessante Neuerung auftritt und ein bisschen Schwung in den Plot bringt. Die wilde junge Frau, die Jagd, die Liebe zum Wald, der Rausch der Freiheit, in diese Dinge beginnt Ash sich zu verlieben...

 „Werde ich sterben?“, fragte sie ihn, als sie wieder Luft holen konnte, um zu sprechen.„Nur ein bisschen“, erwiderte er und zog sie hinunter auf den moosigen Waldboden. Wenn nun das Ende der Welt angebrochen wäre, sie hätte es nicht bemerkt.

Soweit so gut. Der Plot entwickelt sich, nimmt an Fahrt auf und scheint sich auf ein Finale zu steigern, wie jedes andere Buch auch. Ein großer Schwachpunkt jedoch sind die Figuren und ihre Beziehungen zueinander. Leider lernen wir in den weinigen Seiten kaum eine Figur richtig kennen, so dass alle eher blass und rätselhaft bleiben. Das finde ich sehr sehr schade, da sowohl Ash, als auch Kaisa und Sidhean grundsätzlich viel Potential bieten, dass aber nicht ausgenutzt wird.
Malinda Lo hat ihre Geschichte in zwei Teile geteilt. "Der Feenmann" und "Die Jägerin". Und so scheint sich auch die Handlung auszurichten. Erst entwickelt sich alles in Richtung des Feenreiters Sidhean - ihre Träume, ihre Wünsche, die Geschichten und Sagen, die sie liest,... Ich dachte schon, er solle die Rolle des "Prinzen" in dieser Geschichte einnehmen. Doch dann wurde die ganze Sache um 360 Grad gedreht und alles entwickelte sich hin zu Jägerin und Sidhean erschien fast böse, bis am Ende klar wurde, dass es die Rolle des "starken und reichen Prinzen", der sie rettet, in diesem Buch gar nicht zu geben braucht, da sie sich schon selbst gerettet hat. Das hat mir sehr gut gefallen und mich dazu gebracht, das ganze Märchen nochmals zu überdenken. Wer ist die Figur "Aschenputtel "eigentlich wirklich? Würde sie ebenfalls für den Prinzen schwärmen, wenn sie die freie Wahl hätte und nicht den innigen Wunsch verspüren würde, ihrem Dasein als arme Sklavin zu entfliehen?
"Jedes Mal, wenn du dich mir näherst, näherst du dich auch dem Ende", antwortete er.
 "Es fühlt sich aber nicht so an", widersprach sie. "Es ist eher, als stünde ich kurz vor dem Anfang."
Der Feenmann und die Jägerin werden in dieser Adaption beide als Auswege präsentiert, was interessant aufgezogen ist. Doch diesen beiden "Ergänzungen" des schon bestehenden Märchens, wird meiner Meinung nach viel zu wenig Platz gelassen, sich zu entfalten und klar ihre Rolle und die Beziehung zu Ash zu verdeutlichen. Stattdessen versinkt Ash in schon bekannten Problemen wie zum Beispiel ihre fiese Stieffamilie. Da ich im Laufe der Geschichte immer gespannter wurde, was die Autorin noch so alles auftauchen lassen würde, wurde ich ein bisschen enttäuscht, dass sie nach einem so vielversprechenden Grundaufbau, ihre neuen Aspekte so hängen lassen hat.
Die Gesamtwelt, die die Autorin rund um die Geschichte konstruiert, finde ich einerseits sehr interessant, da sie mystisch ist, aber nicht zu sehr von dem eigentlich Fokus ablenkt, andererseits aber etwas zu gemischt. Es werden die unterschiedlichsten Zeitepochen miteinander gemischt - manchmal fühlt man sich eher im Mittelalter, dann mutet eine Szene an, wie aus dem Barock entsprungen-, die Gebräuche und Sitten aus verschiedenen Religionen und Erdteilen bunt durcheinandergewürfelt und auch die Namen der Hauptpersonen und Orte sind vom Stil her etwas gegensätzlich - Namen wie Solanya oder Kaisa mögen nur schlecht zu Gwen oder Colin passen. Auch die Feenmythen die immer erzählt werden und wohl zu Unterstützung dienen sollen, um die Feenwelt nicht aus den Augen zu verlieren, sind eher hinderlich. Sidhean passt absolut gar nicht in das Bild der "bösen und eiskalten Feen", was etwas verwirrt, auch wenn später erklärt wird, warum. Und dann werden außerdem Ashs Fragen zur Elfenwelt nie beantwortet, was es dem Leser auch nicht gerade einfach macht zu unterscheiden, was jetzt Traum, Realität, Magiewelt oder bloß Gerücht ist.
"Du bist nicht die Einzige, die Opfer bringen muss. Ich hoffe, dass die Schulden deines Vaters Ana und Clara nicht die Zukunft verderben. Solltest du noch einmal fortlaufen, wäre das nur eine Bestätigung dessen, dass dein Vater ein selbstsüchtiger Mann war, der sich vor seinem Tod an mir bereichert hat."
Dann mochte ich zwar ihren Schreibstil an sich sehr, ihre Szenengestaltung aber überhaupt nicht. Anstatt uns direkt an Szenen teilhaben zu lassen, erzählt sie uns ein Erzähler nach. Ich weiß, das klingt bescheuert, da das in einem Buch ja grundsätzlich immer so ist, deshalb ein Beispiel:
Dass sich zwischen Sidhean und Ash eine Freundschaft entwickelt, erfährt man nur durch den Erzähler, der irgendwann sagt, Ash würde etwas spüren. Als Leser bekommt man von dieser Entwicklung aber überhaupt nichts mit. Normalerweise würden dem Leser Emotionen durch ihr Verhalten, ihre Worte oder die Szenenwahl mit Umfeld, Wortgestaltung und so weiter, induziert, wenn man die Gefühle ganz klar beim Namen nennen muss, um ihre Existenz zu verraten, sehe ich das als eher schlecht. Anstatt zu schreiben "Ash steht auf, tu dies, tut das, fühlt dies, fühlt das,..." behält Malinda Lo sehr oft einen eher rückblickenden Stil bei, der einzelne Szenen komplett untergegen und in einem endlosen Zeitstrahl verschwinden lässt. "Ash war aufgestanden, hatte dies getan, das getan, dann das,..." eine endlose Aneinanderreihungen von Momentaufnahmen, denen einfach die Lebendigkeit fehlt.

Dadurch bleibt Ash sehr passiv, ein blasser Charakter mit reiner Erzählfunktion, der mir dadurch auch nicht sonderlich ans Herz gewachsen ist. Klar, ihr hartes Leben und ihre Reaktionen sind gut dargestellt - um aus ihrem ungeliebten Dasein zu entkommen, flüchtet sich Ash in ihre Märchenbücher, was sich dann interessant mit der Geschichte verknüpft- es fehlten aber einfach wichtige Details, die zwar oberflächlich sein mögen, mir aber einfach die Vorstellung ihrer Person erleichtern würden. So erfahren wir kaum etwas über ihr Aussehen, ihre Zukunftsvorstellungen und können trotz extremen Zeitsprüngen von zum teil bis zu 5 Jahren kaum einen Reifeunterschied oder ein bisschen Entwicklung feststellen.


"Die aufkommende Dunkelheit, die Form der Landschaft, die riesigen, schweigenden Bäume im sie herum, die den entschwindenden Himmel stützten wie Säulen, die gedämpften Geräusche, erzeugt von den keinen, flinken Pfoten von Hasen und Füchsen - all das war ihr vertraut..."

Wie gesagt, mochte ich aber ihren eigentlichen Schreibstil sehr, da er zwar luftig aber doch recht düster ist - sofern das möglich ist. Die Autorin wählt oft sehr blumige Beschreibung für Orte und Geschehnisse und stellt auch plötzliche Wendungen anschaulich dar. Vor allem den Wald beschreibt sie sehr magisch und ausführlich, sodass der Leser sofort Lust auf einen ausgiebigen Spaziergang erhält. Für ein Märchen ist dieser magisch pompöse Stil genau richtig gewählt! 
Das Ende ist leider auch nicht gerade überzeugend. Die Lösung des eigentlich wirklich interessanten und lange aufgebauschten Problems kommt schnell, überstürzt und ist viel zu simpel um zufriedenzustellen. Dadurch dass Malinda Lo immer den leichtesten Weg zu gehen und Konflikte zu scheuen scheint, verschenkt sie leichtsinnig viel Potential an Spannung und Dramatik, die das Buch dringend gebraucht hätte.

 "Es schien noch immer Nachmittag zu sein. Die Sonne funkelte hell über ihrem Kopf, und wenn ihre goldenen Strahlen durch das Blätterdach fielen, tanzten darin Staubflocken, glitzern wie Diamanten. Ash war sicher das es mit Magie zu tun hatte. [...] Die immergrünen Bäume waren alt und so hoch, dass Ash die Wipfel nicht ausmachen konnte. Eichen und Birken zauberten mit ihren zartgrünen Ästen ein spitzenartiges Muster auf den hellblauen Himmel."


Fazit:
Malinda Lo erzählt in ihrem Roman "Ash" eine Geschichte voller Magie um die heranwachsende Ash, die zwischen Legenden und grausamer Realität aufwächst, vergeudet aber leider viele interessante Ansätze, sodass das Buch in der Menge an mittelklassiger Märchenadaptionen nicht herausragen kann.
 


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