Freitag, 22. Mai 2020

Der Zorn des Purpurdrachen



Allgemeines:

Titel: Der Zorn des Purpurdrachen
Autorin: Susanne Gavénis
Genre: Fantasy
Verlag: Independently published (8. Mai 2020)
ISBN-13: 979-8642631881
    ASIN: B087Z69VR6
    Seitenzahl: 453 Seiten
    Preis: 10,50€ (Taschenbuch)
    2,99€ (Kindle-Edition)
    Link: Hier klicken!



    Inhalt:

    Jahrhundertelang leben die Drachen in friedlicher Koexistenz an der Seite der Menschen. Doch als der Purpurdrache Kodorask und sein Clan plötzlich beginnen, die Städte der Menschen anzugreifen, kommt es zu einem Krieg zwischen den Drachen, der beinahe ihre gesamte Rasse ins Verderben stürzt.

    Obwohl sowohl Kodorask als auch sein Clan bei den schrecklichen Kämpfen den Tod finden, leben die wenigen noch existierenden Drachen auch neunhundert Jahre später noch immer in der Furcht, die Seele des Purpurdrachen könne eines Tages auf die Erde zurückkehren, um erneut Chaos und Zerstörung über die Menschen und Drachen zu bringen.

    Auch der junge Drachenreiter Erem weiß um die tödliche Bedrohung, die in den düsteren Abgründen der Vergangenheit darauf lauert, ein weiteres Mal nach der Welt der Lebenden zu greifen. Zusammen mit dem Smaragddrachen Alanerisk und anderen Drachenreitern wacht Erem über die Sicherheit des Königreichs Arkandt und der zehn anderen Königreiche der Menschen. Als das Undenkbare schließlich grausame Wirklichkeit wird, findet sich Erem plötzlich im Zentrum von Ereignissen wieder, die nicht nur die letzten Drachen, sondern die gesamte Menschheit in einen Strudel der Vernichtung zu reißen drohen. Und er begreift, dass es nur einen Weg gibt, die beiden Rassen vor der völligen Auslöschung zu bewahren.

    Doch was wiegt die Entschlossenheit eines Einzelnen gegen den Zorn eines Drachen, der die Jahrhunderte überdauert hat?



    Bewertung:

    Zuerst einmal ganz herzlichen Dank an die liebe Susanne Gavénis, die mir schon so oft die Möglichkeit gegeben hat, ihre Bücher zu lesen und mir auch jetzt bei dieser Neuerscheinung ein Rezensionsexemplar zu kommen hat lassen! Mit jedem ihrer Romane - egal ob aus dem Bereich Science-Fiction wie die vierteilige Reihe um den "Gambler Zyklus" oder aus dem Fantasy-Genre wie die zweibändige "Die Gwailor Chronik" und die Einzelbände "Shai´lanhal", "Die schwarze Quelle" und "Wächter des Elfenhains" - bin ich ein überzeugterer Fan geworden. Also an dieser Stelle nochmals einen Apell an alle Fans von emotionalen, atmosphärischen und außergewöhnliche Fantasy- und Sci-Fi-Geschichten: Lest ein Buch dieser Autorin! Auch an "Der Zorn des Purpurdrachen" bin ich wieder mit viel Spannung und auch hohen Erwartungen rangegangen, die aber wirklich alle erfüllt wurden.

    Das Cover ist mal wieder sichtlich Marke Eigenbau, passt aber gut zur Geschichte und weckt mit dem amethystfarbenen Drachen, der sein Maul zu einem wutverzerrten Brüllen aufgerissen hat, die Aufmerksamkeit des Lesers. Auch der Titel hat durchaus einen hohen Wiedererkennungswert und fasst den Inhalt ganz gut zusammen: denn genau dieser Zorn des Purpurdrachen Kodorask, der die Drachen und die Menschen damals wie heute zu verschlingen droht, ist Dreh- und Angelpunkt der Geschichte.

    Erster Satz: "Mit vor Trauer blutendem Herzen und tränenverschmiertem Blick flog Alanerisk ziellos über den vernarbten Kontinent hinweg."

    Mit einem Rückblick in die Zeit des Drachenkrieges, als der aufrührerische Purpurdrache Kodorask mit seinem Clan ein Blutbad verursacht hat und die imposante Rasse der Drachen auf nur 18 Überlebende reduziert wurde, beginnt diese spannende Geschichte über Liebe, Hass und wahre Größe, die in einen Prolog, einen Epilog und 31 Kapitel eingeteilt ist. 900 Jahre nachdem der Smaragddrache Alanerisk durch den Verlust seiner gesamten Familie geblendet mit einem vernichtenden Schlag Kodorasks unschuldigen kleinen Bruder tötete und somit das Ende Kodorasks besiegelte, leben Menschen und Drachen wieder in Frieden und Eintracht zusammen. Was für uns wie eine unwirklich große Zeitspanne klingt, reichte angesichts der langen Drachenleben nicht einmal aus, um die tiefen Wunden zu heilen, die der Krieg auf dem Kontinent aber vor allem in den Herzen der Drachen verursacht hat. Und auch wenn der Kriegstreiber Kodorask und sein Clan schon lange den Tod fanden, sind ihre unsterblichen Seelen, die früher oder später wieder einen Weg ins Leben finden werden, eine Bedrohung für den Frieden und die Sicherheit in den elf Königreichen der Menschen. 

    "Erem biss die Zähne noch fester zusammen. Er war der Einzige, der wusste, welche Gefahr den Drachen drohte. Er musste Eysenderia warnen, musste verhindern, dass Kororasks unheiliger Clan die Welt nach beinahe tausend Jahren erneut mit Feuer und Tod überzog. Und so hastete er wankend und humpelnd voran, während hinter ihm das Leben, das er gekannt hatte, in Flammen aufging."

    In Arkandt - einem der elf Königreiche der Menschen - treffen wir dann nach dem Prolog auf den jungen Drachenreiter Erem, der zwar mit seinem Bruder Serim bei Hofe lebt, als Auserwählter des Drachen Alanerisks jedoch eine Sonderstellung genießt, die ihn zu einem Außenseiter macht. Gemeinsam mit ihm lernen wir kämpfen, manövrieren uns durch die Irrungen des Hofs, lernen mehr über die Jahrtausend alten Geheimnisse der Drachen und können es wie er kaum glauben, dass der weise Drache ausgerechnet ihn ausgewählt hat, um sein Reiter und Freund zu sein. Durch die relativ lange Einführung und den Prolog zu Beginn bekommen wir ein sehr gutes Gefühl für das Innenleben des Protagonisten, die Hintergründe des Krieges und die Verbindung, die Alanerisk und Erem miteinander verbindet, sodass uns danach die Brutalität des ausbrechenden Kriegs umso härter trifft. Denn als die Befürchtungen der Drachen wahr werden und sich Kodorask wieder zu erheben beginnt, entdeckt Erem ein gut gehütetes Geheimnis, das seine gesamte Weltsicht zusammenbrechen lässt, muss seine Identität in Frage stellen und mit den anderen Jungreitern einen erneuten Krieg der Drachen verhindern, der die Welt in den Abgrund stürzen könnte...

    "Erem wusste nur eines: Was auch immer die nächsten Tage und Woche an Entscheidungen und Tragödien bringen würden, sie würden die Welt, wie sie sie zuvor gekannt hatten, für immer verändern."

    Beim Schreiben der Inhaltszusammenfassung habe ich mir ziemlich schwer getan, da ich auf der einen Seite die komplexe und weitreichende Hintergrundgeschichte, vor der die Handlung stattfindet, erklären, dabei aber nicht allzu viel über eben jene Handlung verraten wollte, die mit vielen Überraschungen und Wendungen aufwartet, die man so nicht kommen sieht. Die relativ lange Einleitung geht nämlich erstaunlich zackig in einen temporeichen Mittelteil über, der es nicht nur in sich hat, was Action und Spannung angeht. Neben herzzerreißenden Opfern, rasanten Verfolgungsjagden und gefährlichem Taktieren kommen immer wieder erschütternde Wahrheiten ans Licht, die alles bisher Gelesene in einem komplett neuen Licht erscheinen lassen und die gesetzten Pole wie "Gut" und "Böse", "Liebe" und "Hass" und "Schuld" und "Unschuld" fast vollständig umdrehen, bis man bald nicht mehr weiß, was man glauben soll. 

    "Erem, was ist passiert?" (…)
    "Ein Wunder, Selos. Nicht weniger als ein Wunder."

    Besonders begeistert haben mich hier aber wieder die Protagonisten. Anders als in ihren anderen Romanen erzählt hier nur Erem, dafür sind aber Susanne Gavénis´ Nebenfiguren besser ausgearbeitet als zuvor. Der junge Drachenreiter Erem ist ein typischer Gavénis Charakter: trotz seiner lang währenden Außenseiterrolle, der vielen Schwierigkeiten, denen er sich gegenüber sieht und der Gewalt, die er unter Kodorasks neu erwachender Herrschaft ertragen muss, ist sein Herz voller Mitgefühl, Ehre, Altruismus, Sanftmut und Verständnis. Seine Selbstzweifel und der Druck, Alanerisks Ansprüchen vielleicht doch nicht zu genügen, machen ihn menschlich und liebenswert. Er würde alles für die tun, die er liebt, für den Frieden und die Sicherheit der Menschen, auch wenn das bedeutet, sich selbst zu opfern und seinen Stolz unterzuordnen. Trotz seines weichen Herzens, ist er jedoch keineswegs unterwürfig und schüchtern, sondern versteht es sehr gut, sich mit voller Vehemenz für das einzusetzen, was er denkt und dabei auch mal gegen die Wand zu rennen. (Spoiler Alert: Besonders spannend an seinem Charakter ist, dass er im Laufe der Geschichte herausfindet, dass er selbst ein Drache und Alanerisks Sohn ist. Auch wenn ich zuerst fast vom Stuhl gefallen bin und sehr skeptisch war, ob dieser Wandel seiner Identität vom Menschen zum Drachen funktionieren würde, ist dieser sehr glaubwürdig und spannend umgesetzt. Dass er zudem eine Reinkarnation von Kodorasks verlorenem Bruder ist, war ein weiter unerwarteter Turn, der seinem Charakter eine weitere ungeahnte Dimension verliehen hat.)


    "Nein, Eremedawn  - du bist der einzige von uns, der keine Schuld auf sich geladen hat; der einzige, der den Mut hatte, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen, und alles in die Waagschale geworfen hat, was er besaß, um diese Wahrheit von unserer Rasse abzuwenden. So war es damals - und so ist es noch heute."

    Besonders spannend und das absolute Highlight der Geschichte ist in meinen Augen aber der Antagonist Kodorask. Anders als in anderen Büchern erscheint er hier nämlich nicht als eindimensionale Projektionsfläche für alles, was in der Geschichte schief läuft, sondern zeigt sich bald von einer ganz andere Seite als der unglaublich böse, widerwärtige und gut zu hassende Antagonist, den wir zu Beginn kennenlernen. Im Verlauf der Geschichte und mit jeder Wendung überraschte die Autorin mich mehr, in dem sie unter der Oberfläche mehr zu Tage förderte und Kodorask eine authentische und sehr interessante Entwicklung durchlief. Wie treue Leser meines Blogs vielleicht wissen, habe ich sowieso ein Faible für Antagonisten, doch so beeindruckt von einem ambivalenten Gegenspieler wie hier, war ich schon lange nicht mehr.

    "Vielleicht war es das Schicksal jedes echten Wunders, in die Niederungen des Profanen zurückzusinken, sobald man sich seiner ansichtig geworden war. Das Leben nahm weiter seinen Lauf, man aß, man schlief und der unerbittliche Fluss der Zeit ließ das, was nur einen Moment zuvor noch eine göttliche Offenbarung gewesen war, als bloße Erinnerung am Wegesrand zurück, Die schlichte Wahrheit war, dass er trotz allem immer noch Erem war. Er bezweifelte, dass er jemals etwas anderes sein würde." 

    Weitere wichtige Charaktere sind die 18 Drachen, von denen wir einige besser, andere weniger gut kennenlernen und ihre Reiter, die ein ungeahntes Geheimnis verbindet und die Erem in seinen Bemühungen zur Seite stehen. Es ist wirklich ergreifend, den jungen Reitern bei ihren Anstrengungen, zwischen den Seiten des Konflikts zu verständigen und Situationen zu deeskalieren zuzusehen, denn oft werden sie dabei gedemütigt, verletzt oder an ihre Grenzen getrieben. Dadurch, dass sie immer näher zueinanderfinden, erweisen sie sich in ihrem Leiden unglaublich zäh, zeigen immer wieder innere Stärke, geben nicht auf und stehen immer wieder auf. Es ist wirklich unglaublich, wie viel unsere liebgewonnenen Protagonisten leiden müssen (auch das ist eine ganz besondere Spezialität der Autorin). Dieses Leiden, das sowohl körperlicher als auch geistiger Natur ist, hat wieder dafür gesorgt, dass mein Herz ist beim Lesen übergequollen ist an Gefühlen wie Mitleid, Hass auf die ganzen verbohrten Idioten, aber auch ein bisschen vor Stolz, dass unsere Lieben sich einfach nicht unterkriegen lassen.

    "Ich hoffe, dass du recht behältst, Yadell", flüsterte er. "Ich hoffe es für uns alle." Denn wenn nicht, würden sie (...) die letzten freien Drachen der Welt sein. Und das Antlitz der Erde würde sich verdunkeln, bis es nur noch Finsternis gab."

    Und wenn wir gerade schon bei Stimmung und Atmosphäre sind: die Autorin schafft es mal wieder auf ganz besondere Art und Weise, uns Leser zu berühren, zu entsetzen, zu verzücken, zu verstören und uns in die Geschichte zu verlieben - alles auf einmal! Vor allem darin gründete sich die Anziehungskraft, die dieses Buch auf mich ausgeübt hat, sodass ich es gar nicht mehr aus der Hand legen konnte, so spannend war es. Schrecklichen, grausamen und schier unbegreiflich ungerechten Szenen werden immer wieder schöne, hoffnungsvolle gegenübergestellt, die es immer wieder aus Neue schaffen, die dunklen verblassen zu lassen, sodass ich das Buch trotz des ganzen Leidens, der Grausamkeit und Gewalt mit einem guten und beschwingten Gefühl beenden konnte. Die atmosphärische Differenz zwischen düster grausam und wunderschön rührend, hat etwas in mir berührt und mich mehr gefesselt, als es tausend Spannungskurven vermocht hätten.

    "Sie waren der Sturmwind, der wild und frei zwischen den Sternen dahinjagte, waren die Wogen, die sich tosend gegen die Küste warfen, um alles, was sich ihnen entgegenstellte, vom Antlitz der Erde zu tilgen."

    Das liegt nicht zuletzt auch wieder an Susanne Gavénis´ Schreibstil, der mal wieder einfach nur bewundernswert war. In jeder meiner Rezis zu ihren Büchern habe ich es jetzt geschrieben und ich kann es eigentlich nur noch mal wiederholen. Sie schwingt sich zum absoluten Wortakrobaten auf, welcher durch präzise und doch kunstvolle Beschreibungen eine lebendige Fantasiewelt aus den Tiefen der Seiten erhebt. Das Setting war mal wieder authentisch und logisch ausgearbeitet, genau wie das Konzept der Handlung. Es gab keine Logikprobleme, Lücken oder Szenen die irgendwie fehl am Platz wirkten, auch wenn mich die für mich wie Hieroglyphen klingenden Fantasy-Namen ein ums andere mal fast in den Wahnsinn getrieben hätten ;-). In verschnörkelten, metaphorischen und doch verständlichen Sätzen trifft sie genau den Punkt und vermeidet unnötige Längen, auch wenn die Sätze manchmal in Verästlungen abzudriften drohen. So malerisch umrahmt auch alles wirken mag, Gedanken, Gefühle, Fakten und Geschehnisse werden trotzdem bodenständig und greifbar vermittelt, was die Wirkung des Gesamtbildes abrundet.

    "Das Bewusstsein seiner Clanzugehörigkeit toste wie eine gewaltige Woge durch seine Adern, erfüllte seine Seele wie ein Chor aus zehntausend Stimmen. Dieses Gefühl, das spürte er ohne den geringsten Hauch eines Zweifels, war nicht nur etwas, das dem Rhythmus und der Melodie seines eigenen Herzens entsprang. Es war die Stimme der Natur selbst, war reine, ungezügelte Lebenskraft; war die Existenz all dessen, was es bedeutete, ein Drache zu sein."

    Wie ihr an meiner bisherigen Rezension seht, gibt es Vieles, was ich an dieser Geschichte über Vertrauen, alten Hass, verdrehte Wahrheiten, eine blutige Fehde und die Engstirnigkeit der Jahrtausende, die erst durch den Mut einer Gruppe junger Reiter gebrochen wird, schätze. Den vollen 5 Sterne steht da nur das Ende im Weg, das in meinen Augen ein klein wenig über das Ziel hinausgeschossen ist. Zwar ist auch dieses emotional, packend und erfrischend (da es auf die im Fantasy-Genre scheinbar obligatorische, epische Endschlacht verzichtet), doch leider erschienen mir einzelne Entwicklungen vor dem Hintergrund der gesamten Geschichte ein wenig unrund. 





    Fazit:

    Eine atmosphärische, wendungsreiche und mitreißende Geschichte über Vertrauen, alten Hass, verdrehte Wahrheiten, eine blutige Fehde und über die Engstirnigkeit der Jahrtausende, die erst durch den Mut einer Gruppe Jugendlicher gebrochen wird. Meine Begeisterung angesichts des komplexen Aufbaus, der tollen Protagonisten (und Antagonisten), des gewohnt meisterhaften Schreibstils und der anziehenden Atmosphäre wird nur durch kleine Schwächen am Ende getrübt.


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