Montag, 8. Dezember 2025

Montagsfrage #192 - Zu früh dran für ein Buch?

Hallöchen,

mit dieser Woche startet für mich schon der Jahresendspurt, da mich nur noch ein Arbeitstag von meinem Urlaub bis zum Ende des Jahres trennt. Ich bin echt froh, dass ich meine Resturlaubstage genau wie im letzten Jahr für die Adventszeit aufgespart habe und nun ganz gemütlich den Feiertagen entgegen bummeln kann. 

Heute gibt es nochmal eine etwas nachdenklichere Frage, auf deren Antworten ich sehr gespannt bin!


Gibt es Bücher, die Ihr "zu früh" gelesen und erst später wirklich verstanden oder schätzen gelernt habt? 


Manchmal begegnen wir Büchern in einem Moment unseres Lebens, in dem wir noch nicht die richtigen Leser*innen dafür sind. Vielleicht sind wir zu jung, vielleicht fehlt uns ein bestimmtes Erfahrungswissen – oder wir erwarten schlicht etwas anderes von der Geschichte, als sie uns zu geben bereit ist. Erst Jahre später, mit einem anderen Blick auf die Welt, entfaltet sich dann die Tiefe eines Romans oder der Witz eines Klassikers; plötzlich erkennen wir Figuren wieder, die uns früher fremd waren, oder entdecken Themen, die damals an uns vorbeigegangen sind.

Die heutige Montagsfrage widmet sich genau diesem Phänomen: Bücher, die wir „zu früh“ gelesen haben und die erst mit zeitlichem Abstand ihren Wert für uns offenbaren. Es geht um jene Geschichten, die im ersten Anlauf vielleicht anstrengend, unzugänglich oder schlichtweg langweilig wirkten – und die uns später, manchmal erst Jahre danach, ganz neu berühren oder begeistern konnten. Welche Titel haben erst beim zweiten, dritten oder zeitlich weit entfernten Lesen ihre Bedeutung für Euch gewonnen? Gibt es so etwas für Euch und wenn ja woran könnte es gelesen haben? 

Wenn ich auf meine eigenen Leseerfahrungen schaue, gibt es tatsächlich einige Titel, die sich erst beim zweiten oder sogar dritten Versuch richtig erschlossen haben. Ein besonders prägnantes Beispiel ist 2084 – Eine Zeitreise durch den Klimawandel von James Lawrence Powell. Ich habe fünf Jahre gebraucht, um dieses Buch zu Ende zu lesen. Als ich es 2020 zum ersten Mal in der Hand hatte, musste ich ganze Passagen überspringen, weil mich die düsteren Zukunftsvisionen emotional schlicht überrollt haben. Seitdem hat die Realität allerdings selbst so viel Schrecken nachgeliefert, dass man fast abgestumpft ist – eine traurige Gewöhnung an permanente Krisenmeldungen. Beim erneuten Lesen konnte ich die drastischen Bilder besser ertragen, aber ihre Wirkung bleibt unverändert: Sie gehen unter die Haut, machen Angst und zeigen mit erschreckender Klarheit, wie dringend gehandelt werden muss.

Ein ganz anderes, aber ebenso faszinierendes „Zu-früh-gelesen“-Buch ist für mich „Nathan der Weise“. 2017 habe ich das Drama als Schullektüre eher pflichtbewusst gelesen, acht Jahre später nun freiwillig – und mit einem völlig neuen Blick. Schmerzhaft ist vor allem die Erkenntnis, dass die Konflikte, die Lessing vor über 250 Jahren beschreibt, in der realen Welt immer noch erschreckend präsent sind. Gerade deshalb wirkt die Botschaft des Stücks heute fast zeitlos: Toleranz, Menschlichkeit und der Mut, Brücken zu bauen, sind Werte, die in einer zunehmend polarisierten Welt dringender denn je erscheinen. Lessings Idealismus mag naiv wirken – aber vielleicht ist es genau diese Art von Naivität, die uns aktuell fehlt.

Einen weiteren Klassiker, den ich im vergangenen Jahr endlich lesen konnte, den ich zuvor immer wieder verschoben und abgebrochen hatte, ist "Siddharta" von Herrman Hesse. Nachdem es jahrelang Staub angesammelt  hat, konnte ich mich dann doch zu einem letzten Versuch durchringen und habe es in einem Rutsch durchgelesen. Rundum überzeugen konnte mich das Werk auch jetzt nicht - dafür ist mir Hesses Frauenbild einfach viel zu angestaubt -, aber dessen spirituelle Tiefe hat nun nachgewirkt. 

Dann gibt es noch Bücher, die einst an meiner Stimmung und Lebenslage gescheitert sind – wie „Die Mitternachtsbibliothek“ von Matt Haig. Das Buch habe ich direkt nach Erscheinen ganz fröhlich und unbedarf begonnen und dann aufgrund des Suizid-Themas sehr schnell wieder zur Seite gelegt. Das war ein Thema, für das ich mitten in der Corona-Pandemie einfach keine Ressourcen hatte. Im Oktober 2024 habe ich dann einen zweiten Versuch gewagt und das Buch schlussendlich sehr gemocht. Denn Matt Haigs Roman bietet ein lesenswertes und leicht zugängliches Gedankenexperiment mit einer starken positiven Botschaft!

Und bei einigen Titeln warte ich immer noch darauf, dass „der richtige Zeitpunkt“ kommt. Ein prominentes Beispiel ist „Der Herr der Ringe“, welches ich schon mehrmals angefangen habe. Doch egal was ich versucht habe - die Geschichte konnte mich einfach nie abholen, obwohl ich ein Fan der Filme bin. Ob noch mehr verstreichende Zeit dies kitten wird, ist allerdings fraglich. Vielleicht brauche ich ja wirklich noch ein paar Jahre Abstand – oder ich muss akzeptieren, dass das Buch für meinen Geschmack einfach zu gemächlich erzählt ist. Denn nicht jedes Werk wird mit der Zeit besser, manchmal passt es schlicht nicht zu einem und bei der riesigen Anzahl an Büchern darf man sich immer wieder fragen, welche Werke eine zweite Chance wert sind und welche man lieber loslässt. 

Wie ist das bei Euch?

Liebe Grüße
Sophia

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Büchernarr
Kiras kleine Leseecke


Nächste Woche bei der Montagsfrage: 

Was war Euer größter literarischer Fehlgriff 2025 und warum?

10 Kommentare:

  1. Guten Morgen Sophia und natürlich guten Morgen den anderen Lesern,

    Ich hinterlasse jetzt erstmal nur den Link und lese Deine Antwort später :) Bin quasi nur auf Durchreise.

    Liebe Grüße
    Frank

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    1. Hallo Sophia,

      das mit dem Klimawandel kann ich voll und ganz nachvollziehen. Und ja, leider stumpfen wir Menschen gerne ab und vor allem im Jahr 2025 schien der Klimawandel gar kein Thema mehr zu sein.

      Wo ich am Ende "Herr der Ringe" sehe, da fällt mir noch das Silmarillion ein, das nochmals anspruchsvoller ist und für das ich auch drei Anläufe brauchte. Ist mir nur bei der Beantwortung der Frage nicht eingefallen :)

      Viele Grüße
      Frank

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    2. Hey Frank,

      dass man Bücher beim erneuten Lesen anders wahrnimmt, beobachte ich auch ganz häufig. Ist ja auch nur logisch, da wir uns stetig weiterentwickeln und mit anderen Schwerpunkten, anderen Themen und einer anderen Perspektive an Bücher gehen, je nachdem wann im Leben man sie liest.
      Ich hatte das aber echt ein paar mal, dass ich "zu früh" ein Buch gelesen habe, das noch gar nicht gewirkt hat und erst später seine Wirkung entfalten konnte.

      Liebe Grüße
      Sophia

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    3. Ja ich finde auch erschreckend, wie ich selbst bei diesem Thema so stark abgestumpft bin und bedenklich, dass es in aktuellen Debatten kaum mehr stattfindet!

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    4. Ja, es scheint, als machen wir als Gesellschaft den Strauß. Einfach Kopf in den Sand stecken und denken, dass sich der Rest von alleine gibt. Was für eine Welt hinterlassen wir da unseren Kindern?

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    5. Ja, das beschäftigt mich sehr. Vor allem da ich bereits Teil der Generation bin, die zu Lebzeiten die ersten ernsthaften Probleme des Klimawandels global, aber auch vor Ort erleben wird. Da kommt man mit Verdrängen und Kopf in den Sand stecken leider auch nicht wirklich weit.

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  2. Hallo^^

    Mir ging es bei "Der Herr der Ringe" auch so. Ich hab um die 9 Jahre gebraucht, bis ich das Buch, dass ich mal über Ecken geschenkt bekommen hatte, endlich in einem Rutsch durchlesen konnte ^^°
    https://blog.kiranear.moe/2025/12/montagsfrage-374.html

    Ansonsten, wenn du es alternativ mit den Hörbüchern probierst?

    Liebe Grüße,
    Kira

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    1. Hey Kira,

      das ist eine richtig gute Idee, es mal mit den Hörbüchern zu versuchen. Ich denke das könnte besser sein, um in die Geschichte reinzukommen. Die Filme mag ich ja auch sehr gerne...

      Liebe Grüße
      Sophia

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  3. Guten Morgen!
    Ich muss sagen, mir ist nicht ein einziges Buch eingefallen, das ich hier nennen könnte. Liegt vermutlich auch daran, dass ich selten ReReads mache und wenn, dann nur, wenn ich mir sicher bin, dass ich das Buch auch wirklich mag.
    Den Herrn der Ringe habe ich auch nie beendet ;-) Den Hobbit fand ich noch gut, der Herr der Ringe war mir zu viel Landschaftsbeschreibung und zu wenig Geschichte. Da fand ich dann die Filme besser.

    Lieben Gruß
    Gitti

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    1. Hey Gitti,

      das spricht ja für dich ;-) Es ist auch eine gute Eigenschaft, es einfach sein lassen zu können, wenn dich ein Buch nicht abholt und dich dann lieber anderem zu widmen.
      Ja genau, diese ewigen Landschaftsbeschreibungen, ganz zu schweigen von den ständigen Liedern.... Da gefallen mir die Filme auch besser!

      Liebe Grüße
      Sophia

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