Sonntag, 18. März 2018

Special - Zeig dein wahres Gesicht

 
Allgemeines:
 
Titel: Special - Zeig dein wahres Gesicht
Autor: Scott Westerfeld
Verlag: Carlsen (Februar 2011)
Genre: Dystopie
Seitenzahl: 384 Seiten
ISBN-10: 3551310084
ISBN-13: 978-3551310088
ASIN: B01EHV1WCC
Vom Hersteller empfohlenes Alter: 12 - 15 Jahre
Preis: 7,99€ (Kindle-Edition)
8,99€ (Taschenbuch)
Weitere Bände: Ugly - Verlier nicht dein Gesicht;
Pretty - Erkenne dein Gesicht
 
 
Inhalt:
 
Eine neue Operation hat Tally endgültig zu etwas Besonderem gemacht. Jetzt ist sie beängstigend schön, gefährlich stark, pfeilschnell - eine Special, geschaffen, um die Uglies und Pretties unter Kontrolle zu halten. Als Rebellen aus Smoke in der Stadt auftauchen, soll Tally ihre Loyalität beweisen und den Unterschlupf der Smokies aufspüren. Doch der Weg dorthin steckt voller Überraschungen und Erinnerungen. Denn einst war Tally selbst eine Smokey...
 
 
Bewertung:
 
DISCLAIMER: Da diese Rezension sich auf den dritten Teil einer Trilogie bezieht, sind Spoiler über die Handlung des ersten und zweiten Teiles nicht auszuschließen!
 
Nach dem enttäuschenden zweiten Teil war ich schon kurz davor, die Reihe ganz aufzugeben, dieser letzte Teil konnte mich im aller letzten Moment dann doch noch ein wenig überzeugen. Kein Meisterwerk der Literatur, das steht außer Frage, dennoch würde ich die Geschichte nach diesem Teil nun doch teilweise weiterempfehlen.
 
Das Cover zeigt ebenso wie das des ersten und des zweiten Teiles ein Mädchengesicht in Zoomaufnahme. Nachdem das Ugly-Gesicht des ersten Teiles einem Püppchen-Aussehen mit großen Augen, glatter Haut und perfekter Symmetrie gewichen ist, stellt dieses Cover nun Tallys Äußeres als Special da. Auch wenn ich mir diese noch ein wenig besonderer und furchteinflößender vorgestellt hatte, finde ich dass die präsentierten Elemente ganz wunderbar passen. Die dunklen, mit Kajalstift umrundeten Augen, die Tätowierungen, der stechende Blick, all das zeigt, dass Tally nun über ihr Pretty-Dasein hinweggekommen ist. Im Nachhinein betrachtet finde ich auch die Farbgebung der einzelnen Coverbilder sehr interessant. Trotz dass sie eigentlich immer ein ähnliches Motiv zeigen unterscheiden sie sich durch den Farbstich vollkommen in der Atmosphäre. Der grünliche Ton des ersten Bandes lässt das Gesicht hässlicher werden, der Pink-Stich des zweiten verkörpert die zarten Prettys und das eisige Blau hier zeigt die schonungslose Gefühlskälte der Specials, mit der wir hier konfrontiert werden. Insgesamt passen also alle Cover und natürlich auch die Titel wunderbar zusammen - von einer Jugendbuchreihe kann man eigentlich fast nicht mehr erwarten.
 
 
Erster Satz: "Die sechs Hubbretter bewegten sich zwischen den Bäumen mit der blitzenden Eleganz von Spielkarten, die Flach und wirbelnd über den Tisch geworfen wurden."


 
Nachdem sich Tally durch viel Schmerz und Mühe von ihrem Pretty-Denken befreit hat und wieder ganz sie selbst geworden ist, macht eine erneute Operation ihre neue Selbstbeherrschung gleich wieder zunichte. Abermals unter dem Messer gelandet wacht sie als Special auf: eine lebendige Monster-Maschine mit Zähnen und Fingernägeln, die härter sind wie Stahl, super leichten und unzerstörbaren Keramikknochen, gestählte Muskeln aus flexiblen Fasern, perfekt geschärften Sinnen und allerlei technischen Spielereien wie Microchips und Hautantennen - sie ist eine menschliche Waffe. Als Teil der Schlitzer-Clique, der unter anderem auch Shay und Fausto angehören, ihre ehemaligen Krim-Freunde, steht sie nun unter dem Kommando der "besonderen Umstände", geleitet von Antagonistin Dr. Cable und kennt nur ein Ziel: New Smoke zu finden und zu zerstören. Das einzige, was Tallys neuen, eiskalten Schleier durchbricht, den die Operation durch erneute Gehirnpfuschs über ihre Realität gelegt hat, ist ihre Sorge um Zane, welcher nach seinem Gehirnschaden ständig in Gefahr schweben zu droht. Doch gerade als Zane sich mit einigen anderen auf den Weg nach New Smoke macht, muss Tally sich wieder fragen, wem ihre Loyalität gehört und auf dem beschwerlichen Weg durch die Wildnis muss sie sich einmal mehr fragen, was sie ist und wer sie sein will...
 
 
"Blut um Blut" Als der Schmerz sie durchjagte, spürte Tally, wie zum ersten Mal an diesem Tag ihr Denken eisig wurde. Sie konnte ihre Zukunft sehen, einen geraden Pfad ohne weitere Umkehrungen oder Verwirrungen. Sie hatte dagegen gekämpft, Ugly zu sein, und sie hatte sich dagegen gewehrt, Pretty zu sein, aber das war jetzt vorbei - von nun an wollte sie nur noch Special sein."
 
 
Zu Beginn habe ich mir mal wieder maßlos aufgeregt, weil auch die Handlung dieses Teiles wie eine exakte Neuauflage des vorangegangenen Plots zu sein schien: wieder eine manipulative Operation, darauffolgend eine lange Periode des Alltags im neuen Zustand, dicht gefolgt von einer beschwerlichen Reise durch die Wildnis, natürlich sogar wieder auf einem Hubbrett. Sehr lahm ist auch, dass sich Tally erst an die neue Operation gewöhnen muss und mit dem Special-Dasein eine neue grausame Form der Gehirnwäsche einhergeht, die ihren Blick auf die Realität abermals verfälscht, sodass sie einige dumme Entscheidungen trifft und die Nerven des Leser mal wieder stark strapaziert. Auf den ersten 100 Seiten hatte ich das Gefühl einfach noch einmal genau dasselbe zu lesen, was mir die Reihe zuvor schon vorgesetzt hatte. Wie eine Art vorgekauter, halbverdauter Brei, den ich jetzt nochmals essen musste, kam mir die Handlung vor, um das mal bildlich auszudrücken. Obwohl eigentlich immer etwas passiert, floss das Geschehen einfach so an mir vorbei und konnte mich einfach nicht erreichen. 
 
 
"Das hier war besser als prickelnd zu sein, genauso wie Dr. Cable es ihr einst versprochen hatte. Tallys Sinne standen in Flammen, aber ihr Denken blieb davon unberührt und beobachtete ihre Empfindungen, ohne sich von ihnen überwältigen zu lassen. Sie war nicht Zufall, sie war überdurchschnittlich... fasst nicht mehr menschlich. Und sie war erschaffen worden, um die Welt zu retten."
 

Zum Glück schaffte es das Buch dann aber nach etwa der Hälfte der Seiten doch endlich, die Fesseln der Langweile zu zerreißen, indem sie endlich den schon zuvor gesteckten Rahmen verlässt und eine andere Stadt, ein Krieg und die Zukunft der ganzen Menschheit mit einfließen. Als Tallys Kampfgeist endlich wieder geweckt wird, verliert der pure Actionstreifen endlich die spielerische Seite und es kommt ein wenig Ernst auf, mit dem sich die Atmosphäre von naivem Rebellionsgeist endlich in eine dunklere, düster-bedrohlichere Stimmung ändert. Das politische System zeigt endlich offen die gnadenlose Präzision, mit der es ohne die geringste Achtung vor Persönlichkeitsrechten und Individualität gegen alles vorgeht, was nicht in ihr Raster passt.
 
Auch wenn ich mir diese Entwicklung schon viel früher gewünscht hätte und sie ein wenig plötzlich so im letzten Sechstel der ganzen Reihe auftrat, konnte mich die Handlung durch etliche Wendungen und Gänsehautmomenten nochmal richtig fesseln. Endlich wird das durchschaubare Muster unterbrochen und wir Leser müssen wirklich mit bangen. Auch das Gefühlschaos, das Tally durchlebt, fügt sich hier viel logsicher und besser ausgearbeitet in die Handlung mit ein und einige neue Ideen lassen die originelle Seite dieser dystopischen Welt noch einmal hervorblitzen.
 
 
"Salzgeschmack fand seinen Weg auf Tallys Lippen, eine Erinnerung an den letzten bitteren Kuss am Meeresufer. [...] Das letzte Mal das sie mit ihm gesprochen hatte, der Test bei dem sie versagt, bei dem sie ihn zurückgestoßen hatte. [...] Langsam und wunderschön kam ihr die Erinnerung vor - als hätte sie diesen Kuss einfach dauern und dauern lassen ..."
 
 
Einzig der Schreibstil, der auch hier wieder schlicht und oberflächlich ist, konnte mich selbst hier nicht mehr überzeugen. Wieder haben mir hirnlose Wortwiederholungen den letzten Nerv geraubt. Wo vorher in Pretty-Sprach ständig von "prickelnd" und "verpfuscht" die Rede war, zeigen hier neue Modewörter und eintönige Ausdrücke, dass auch die Specials eigentlich nur besonders starke Pretties sind, deren Denken ebenfalls beeinflusst ist. Wer würde sonst in fast jeden Satz die Worte "eisig", "Zufall", "Blubberkopf" oder "besonders" mit einfädeln, auch wenn es eigentlich gar keinen Sinn macht? Ich hoffe doch wirklich, dass das von der Übersetzung herrührt und der Autor selbst das nicht so beabsichtigt hat...
 
 
"Die Menge sprang im Rhythmus der Musik auf und ab. Tally spürte, wie ihr Herz schneller schlug, sie staunte darüber, wie mühelos Shay alle mitgerissen hatte. (...) Das war nicht wir ihre dummen Streiche zu Ugly-Zeiten, das hier war Magie. Die Magie der Specials. (...) Es kam nicht darauf an, wie jemand aussah. Was zählte war die Haltung, das Selbstbild. Stärke und Reflexe machten nur einen Teil davon aus - Shay wusste einfach, dass sie etwas Besonderes war, also war sie das auch."

 
 

Tallys Charakterentwickelung hat mir hier ebenfalls viel besser gefallen als zuvor. Man kann sehr gut mit verfolgen wie sie kämpft, gegen sich selbst, gegen die ganze Welt. Auf der einen Seite ist da die emotionslose Kaltblütigkeit der Specials, die ihr mehr oder weniger durch die Adern fließt, die sie euphorisch, leicht reizbar, risikofreudig und psychotisch labil macht. Immer wieder scheinen jedoch Überbleibsel ihrer Gefühle, die sie in ihren anderen Daseinszuständen zuvor geprägt haben, durch. Ich fand es sehr authentisch, wie sie immer wieder Rückfälle hat, sich dann aber schließlich doch wieder freikämpfen kann. Denn das ist das wirklich Besondere an ihr. Nicht ihr Aussehen oder ihre Special-Fähigkeiten: das sensible Mädchen, das in ihren wechselnden Hüllen steckt und das versucht, trotz ständiger Seitenwechsel, Operationen und Gehirnwäsche, sie selbst zu bleiben!
 
 
"Ich muss nicht geheilt werden. So wenig wie ich mich schneiden muss, um zu fühlen oder zu denken. Von jetzt an wird niemand außer mir mein Denken umpolen."
 
 
Andere Charaktere gehen hier wieder sehr unter, sodass sich positive wie negative Aspekte ungefähr die Wage halten. Sehr spannend fand ich die seltsame Hassliebe zwischen Shay und Tally, die eigentlich immer recht undurchsichtig bleibt während die beiden von Freundinnen zu Feindinnen werden und dabei jede erdenkliche Konstellation ausschöpfen: Verräterin, Chefin, Jägerin, Verbündete. Irgendwie wird nie wirklich klar, was mit den beiden wirklich los ist und das hat mir sehr gut gefallen. Wie sich die im letzten Teil zwanghaft aufgebaute Dreiecksbeziehung auflöst, war meiner Meinung nach jedoch wirklich kläglich. Allein die bloße Existenz dieser seltsamen David-Tally-Zane-Konstellation war eigentlich schon unnötig. Entweder der Autor hätte David im ersten Teil einfach nur ein guter Freund werden lassen, oder die seltsame Pretty-Romanze mit Zane hätte schneller abgetan werden sollen. Schlussendlich macht es sich der Autor sehr leicht und wählt einen Ausgang für die Geschichte, bei dem sich Tally in keinster Weise entscheiden muss. Das hätte man eleganter regeln können.
 
 
"Du bringst alle in Ordnung" (...) Er lächelte. "Die Welt ändert sich, Tally. Und dafür hast du gesorgt." Sie riss sich los und schwieg für eine Weile. (...) Für Tally Youngblood war der Krieg schon gekommen und gegangen und hatte eine rauchende Ruine hinterlassen. Sie konnte nicht alles in Ordnung bringen, ganz einfach weil der einzige Mensch, der ihr wichtig war, nicht mehr in Ordnung gebracht werden konnte."
 
 
Sowieso beruht das ganze Ende auf einer Menge Zufälle und erscheint im Allgemeinen recht schnell und konstruiert. Da ich aber schon gar nicht mehr mit einem nur halbwegs epischen Abschluss gerechnet hatte, war ich eigentlich ganz zufrieden mit dem Schluss, auf den er Autor die Geschichte gebracht hat. Auch wenn die Moral mal wieder wie mit dem Vorschlaghammer rüber gebracht wird und wie auch zuvor immer sehr plump erscheint, werden eigentlich alle wichtigen Handlungsstränge zu einem akzeptablen Ende geführt, sodass die Geschichte hier abgeschlossen ist. Einige wenige offene Fragen können ja im Extraband "Extra- Wer kennt dein Gesicht " geklärt werden, welchen ich aber bestimmt nicht lesen werde, da er eine neue Protagonistin verfolgt.
 
 
 
Fazit:
 
Besonders "Special"-mäßig ist dieses Finale nicht, aber dennoch ein würdiger Abschluss einer recht unterhaltsamen aber doch recht oberflächlichen Trilogie, die sehr viel Potential verschenkt hat!
 
 

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