Dienstag, 6. März 2018

Ugly - Verlier nicht dein Gesicht

 
Allgemeines:
 
Titel: Ugly - Verlier nicht dein Gesicht
Autor: Scott Westerfeld
Verlag: Carlsen (29. September 2016)
Genre: Dystopie
ISBN-10: 3551315876
ISBN-13: 978-3551315878
ASIN: B01EHV1WCW
Seitenzahl: 432 Seiten
Vom Hersteller empfohlenes Alter: 12 - 16 Jahre
Originaltitel: Uglies
Preis: 5,99€ (Kindle-Edition)
12,90€ (Taschenbuch)
Weitere Bände: Pretty, Special
 
 
 
Inhalt:

"Vielleicht war die logische Folge der Tatsache, dass alle gleich aussahen, dass eben auch alle gleich dachten?" 
Tally kann ihren 16. Geburtstag kaum erwarten, denn dann steht die für alle vorgesehene Schönheitsoperation an. Sie wird von einer Ugly zur Pretty werden, in New Pretty Town leben und alle Sorgen los sein. Tallys Freundin Shay dagegen sträubt sich gegen die Operation. Sie will nicht, dass andere über sie bestimmen. Als Shay flüchtet, lernt auch Tally die hässliche Seite der Pretty-Welt kennen. Denn die Behörden stellen sie vor eine furchtbare Wahl ...
 
 
Bewertung:
 
Auch wenn ich aus meiner Dystopie-Phase schon eine ganze Weile wieder raus bin, musste ich diesen Auftakt zur "Ugly-Pretty-Special"-Reihe unbedingt auch mal lesen, nachdem ja seit der Veröffentlichung ziemlich kontrovers darüber diskutiert wurde. Viele Leser klagen das Buch an, zu plakativ und einfach gestrickt zu sein. Ich finde die Story sehr interessant und es -eben verpackt in einem Jugendbuch- durchaus legitim, ein wenig den Finger zu heben und einfach versuchen etwas zu vermitteln.


"Sie berührte die Narbe in ihrer Handfläche, die noch immer zu sehen war, im Gegensatz zu Peris´. Er griff nach ihrer Hand. "Freunde fürs Leben, Tally." Sie wusste, wenn setzt in seine Augen schaute, dann würde alles vorbei sein. Ein Blick, und ihre Widerstandskraft wäre verflogen. "Freunde fürs Leben?", fragte sie.
"Fürs Leben."

 
Das Cover zeigt ein Mädchengesicht in Zoomaufnahme, auf dem Linien und Pfeile anzeigen, wie eine Operation bestimmte Merkmale verändern würde, um es der Norm anzugleichen. Natürlich passt dieses Motiv wunderbar zum Thema: Schönheitsoperationen. Hier finde ich es sogar gerechtfertigt, ein Gesicht auf ein Cover zu drucken, da wir beim Lesen, während sich Tally immer wieder als hässlich bezeichnet, auf das Cover linsen können um nachzuvollziehen, was sie an sich selbst bemängelt. Eine etwas zu breite Nase, zu weit beieinanderstehende Augen, ungleiche Augenbrauen, kurze Wimpern - na und. Aus meiner Sicht ist das Gesicht auf keinen Fall hässlich, doch das kann jeder Leser anders bewerten. So beginnt schon auf dem Cover die Frage, was denn Schönheit nun überhaupt ist. Natürlich passen Titel und Untertitel ebenfalls gut. Einzig die seltsam verrückte Gestaltung des hinteren Buchdeckels gefällt mir gar nicht, ansonsten bekommt das Cover einen Daumen nach oben.
 
 
Erster Satz: "Der Frühsommerhimmel hatte die Farbe von Katzenkotze."


So beginnt die Geschichte, die in einer übersichtlichen, verständlichen und doch spannenden Weise von dem Teenager Tally erzählt, die ihren Geburtstag nicht abwarten kann, an dem sie sich einer Schönheitsoperation unterziehen wird, die allen Sechzehnjährigen vorbehalten ist. Drei Monate und zwei Tage jünger als ihr bester Freund Peris blieb sie allein zurück in Uglyville, während er bereits ein Pretty ist und das ausschweifende und wilde Leben eines jungen Pretties lebt - Partys und Spaß ohne Ende. Um sich die Zeit zu vertreiben, spielt Tally allerhand Streiche, bei denen sie fast auffliegt. Als sie auf spektakuläre Art und Weise von einer Party aus New Prettytown flieht, begegnet sie der jungen Shay, einem Mädchen, das am gleichen Tag wie sie geboren wurde und das auch als einzige aus ihrem Freundeskreis noch eine Ugly ist. Gemeinsam erleben sie einen spaßigen Sommer und vertreiben sich die Zeit mit Ausflügen auf dem Hubbrett und dem Erkunden von alten Ruinen, doch während Tally sich den Tag entgegensehnt, an dem sie endlich auch eine Pretty wird, sträubt sie Shay dagegen, ihr Gesicht aufzugeben und auszusehen wie jeder andere auch - hübsch oder nicht. Als Shay Tally dann kurz vor ihrem 16. Geburtstag offenbart, dass sie weglaufen will um an einem Ort namens "Smoke" der Operation zu entgehen und ein ganz normales Leben zu leben, wird Tally vor eine allesentscheidende Wahl gestellt. Ein geheimes, angsteinflößendes Ministerium taucht auf und setzt die junge Ugly unter Druck: entweder sie folgt Shay und sucht für die Pretties nach "Smoke", oder sie wird niemals hübsch werden. Als Tally sich dann wirklich auf den Weg ins Unbekannte aufmacht und dort einige neue Leute kennenlernt, muss sie feststellen, dass es jenseits der Optik auch noch andere Dinge gibt, die entscheidend sind...

"Die großen Augen und Lippen sagten: Ich bin jung und verletzlich, ich kann dir nichts tun und du möchtest mich beschützen.
Und der Rest sagte: Ich bin gesund, ich werde dich nicht anstecken.
Und egal, was man für eine hübsche Person empfand, es gab einen Teil von einem selbst, der dachte: Wenn wir Kinder hätten, würden die auch gesund sein. Ich will diese hübsche Person...
Es war die Biologie, das hatten wir in der Schule gelernt."

 
 Das 400seitige Buch erstreckt sich grob gesagt über den Zeitraum eines Sommers und umfasst jede Menge Handlung, Veränderung und Entwicklung in Tallys Leben. Zu Beginn werden wir langsam in die Geschichte eingeführt und lernen eine Zukunftsvision kennen, die ebenso hübsch wie unheimlich erscheint: in nur 300 Jahren Entfernung lebt eine Gesellschaft, die sich aus dem Staub der "Rusties", also unserer Zivilisation, erhob und eine Welt ohne Krieg, Hunger und Hass aufbaute. Eine Gesellschaft, in der alle Winzlinge, also Kinder, von ihren schönen Eltern in Wohnheime in Uglyville gegeben werden, wo sie leben bis sie 16 Jahre alt sind - alt genug um sich der Schönheitsoperation zu unterziehen, die alle zu Pretties macht.


"Tally dachte an Peris und versuchte sich daran zu erinnern, wie er ausgesehen hatte. "Ich wüsste gern, warum sie nie zurückkommen", sagte Shay. "Einfach zu Besuch." Tally schluckte. "Weil wir so hässlich sind, Skelett, deshalb."


Die Idee, die Evolution und die Gleichheit aller Menschen als gute Begründung für übergreifende Schönheitsoperationen anzusetzen, gefällt mir sehr gut, genau wie die interessante Umsetzung in New Prettytown und Uglyville. In diesem Anfangsband wird die präsentierte Gesellschaft zwar nur recht lückenhaft angerissen, man bekommt aber einen ganz guten Überblick über die Lebensweise der Menschen, den Luxusproblemen und der Oberflächlichkeit, die überhand nimmt, wenn jegliche Individualität verloren geht. Zudem fand ich die Idee, wie die "Rusties", also wir, untergegangen sind sehr spannend, mal etwas anderes als eine Epidemie oder ein Atomkrieg. Auch wenn sich einige Logiklücken eingeschlichen haben, die vielleicht in den Folgebänden beantwortet werden, fand ich das Grundsetting sehr spannend gesetzt.


"Noch ein paar Wochen und dann hängen wir hinter dem Fluss fest. Hübsch und langweilig." Tally schnaubte. "Ich glaube nicht, dass das so langweilig wird, Shay."
"Das zu tun, was von uns erwartet wird, ist immer langweilig. Ich kann mir nichts Schlimmeres vorstellen, als Spaß haben zu müssen.
"Ich schon", erwiderte Tally leise. "Niemals Spaß zu haben."

 
Die Story nimmt zu Beginn nur langsam an Fahrt auf und quillt auch im späteren Verlauf nicht gerade über vor Action, trotzdem hat es die Geschichte geschafft, mich beständig mitzureißen. Der Schreibstil ist sehr einfach und auffällig schlicht. Für einen Jugendroman, der für 12 bis 16-Jährige empfohlen wird, ist das meiner Meinung nach aber in Ordnung. Für den Umfang der Handlung, das Format des Settings und die Charaktere reicht der Anspruch aus, weshalb ich nicht verstehe, warum die Umsetzung dieser Geschichte so oft angekreidet wird. Natürlich wird kein hohes sprachliches Niveau erreicht und auch die Gesellschaftskritik ist sehr plump und offensichtlich gezeichnet, aber immerhin gibt es eine klare Message: "So wie ihr seid, seid ihr schön! Lasst euch das weder ausreden noch kaputt machen!" Und ich finde das ist, gerade gegenüber Teenagern, eine durchaus berechtigte Aussage, weshalb die Geschichte, so plakativ und überzogen sie auch sein mag meines Erachtens eine Daseinsberechtigung hat.


"Shay! Hör doch auf. Das ist doch nur zum Spaß."
"Dafür zu sorgen, dass wir uns hässlich fühlen, ist kein Spaß."
"Wir sind aber hässlich."
"Dieses ganze Spiel hat nur den Zweck, dass wir uns selbst hassen."


 
Vor allem ist bemerkenswert, dass ein männlicher Autor diese Geschichte aufrollt, die man eher einer Autorin zugetraut hätte. Mit erstaunlich kühlem Blick blickt er auf den Schönheitswahn der Gesellschaft, der natürlich alle Geschlechter miteinschließt und erschafft hier eine weibliche Protagonistin, die es in sich hat. Durch eine personale Erzählperspektive um Tally, die an manchen Stellen aber sehr distanziert und fast schon auktorial wirkt, bleiben wir nah genug am Geschehen dran, um mitfühlen, aber weit genug entfernt um kritisch über Tallys Verhalten auf ihrem Weg zum Erwachsen werden nachdenken zu können.


"Das ist das Schlimmste, was sie euch antun, euch allen. Egal, was diese Gehirnläsionen verursachen, der schlimmste Schaden entsteht schon, bevor sie überhaupt zum Messer greifen. Euch wird eingetrichtert, dass ihr hässlich seid."

 
Tally Youngblood ist eine vielfältige Person, die in verschiedenen Szenen versucht, jemand anderes zu sein: naive Bürgerin, gewitzte Rebellin, besorgte Freundin, Spionin, Heldin? Egal was sie anstellt ist sie im Grunde genommen aber ein einfacher Teenager mit naiven Wünschen, Ängsten, unnachvollziehbaren Gedankengängen, Trotzphasen und Höhenflügen. Ich kann verstehen wenn sich einige Leser an ihr gestört haben sollten, mir hat ihre ehrliche Authentizität aber sehr gut gefallen. Zu Beginn ist sie einsam und will daher sie nichts sehnlicher, als endlich wieder dazu zu gehören und auch eine Pretty zu werden - koste es, was es wolle.

"Sie dachte an die Orchideen, die sich unten in der Ebene ausbreiteten und das Leben aus den anderen pflanzen herauswürgten, sogar aus dem Boden, selbstsüchtig und unaufhaltsam. Tally Youngblood war ein Unkraut. Und anders als die Orchideen nicht einmal ein hübsches."


Sie nimmt es billigend in Kauf, einheitlich langweilig zu sein und dafür dazu zugehören, als individuell am Rand der Gesellschaft stehen. Mit dieser Einstellung ist sie gar nicht so weit weg vom realen Verhalten von Jugendlichen. Erst durch die aufgeweckte Shay und später durch den unkonventionellen David erkennt sie, dass auch sie schön ist und schafft es, durch ihr steigendes Selbstvertrauen aus der Abhängigkeit zum Regime zu entfliehen.


"Du bist anders als die meisten. Du siehst die Welt klar, auch wenn du bisher verwöhnt worden bist. Deshalb..." Tally blickte in seine Augen und sah, dass ein Gesicht wieder glühte und dass es sie schon wieder berührte. "Deshalb bist du schön, Tally"


Auch die Nebencharaktere sind grundsätzlich interessant, meiner Meinung aber leider eher flach und schwach ausgearbeitet. So kommt es, dass neben Tally, Shay und David eigentlich kaum eine andere Person eine wirklich wichtige Rolle spielt. Vor allem die Antagonisten haben mich enttäuscht. Mit Dr. Cable bekommt das "böse" Regime zwar ein Gesicht, jedoch keinen wirklichen Gegenspieler. Sie bleibt charakterlos und ohne eigenständige Persönlichkeit, auch wenn sie als Special eigentlich interessant wäre. Schade!


"Ein orange- und gelbfarbener Streifen ließ den Himmel entflammen, strahlend und unerwartet, so spektakulär wie Feuerwerk aber sanft fließend in seinem Farbenspiel. So war es hier draußen in der Wildnis, das lernte sie jetzt. Gefährlich oder schön. Oder beides."


Das Ende bringt dann nochmal einen Cliffhanger, der mich wirklich neugierig macht, weshalb ich denke, dass der nächste Teil bei mir bald einziehen darf.
 


Fazit:

Kein literarisches Meisterwerk aber dennoch eine unterhaltsame Dystopie mit spannendem Hintergrund und eindringlicher Botschaft. Ein solider Auftakt!



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