Donnerstag, 18. August 2016

Angepasst

 

 
Allgemeines:
 
Titel: Angepasst
Autor: Hubert Wiest
Verlag: LOMOCO (6. Dezember 2014)
Genre: Dystopie
ISBN: 978-1505406306
Seitenzahl: 408 Seiten
Preis: 13,99€ (Taschenbuch)
3,99€ (Kindle-Edition)
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Inhalt:
 
"Alelia stürmte als Erste hinter Bakoo aus dem Gorgonen - Verlies. Sie würde ihn nicht mehr verlieren, auch wenn hier eine Million Menschen unterwegs waren. Sie würde nicht von seiner Seite weichen, so wie damals. Heute würde sie auf ihn aufpassen."

 
Natürlich kämpft Alelia, um ihren kleinen Bruder in der Wüste zu retten. Jeder hätte es getan. Doch dann trifft sie eine Entscheidung, die ihr Leben für immer verändert.

  Bakoo will Avoca-Jockey werden. Doch der Weg in die Arena von Gazmata ist hart. Ausgerechnet jetzt möchten Bakoos Eltern sein Avoca verkaufen. Sein Bruder Rango kommt ihm wie immer in die Quere und ein verrücktes Laikarenmädchen stellt Bakoos ganzes Leben auf den Kopf. Im ungleichen Konflikt zwischen Siedlern und Laikaren muss Bakoo sich und seinen Platz finden. Als ihm einen Platz an einer Avocaschule angeboten wird, kann er sein Glück kaum fassen.

  Doch das Leben von Alelia und Bakoo ist untrennbar miteinander verwoben. Findet Bakoo die ersehnte Anerkennung als Avoca-Jockey in der Arena von Gazmata? Gelingt es Alelia ihren kleinen Bruder zu retten?

 
 
Bewertung:
 
"Es war bestimmt das Avoca. Die Biester sind unberechenbar, wenn du sie nicht unter Kontrolle hast."
Alelia würgte.
Die Wüste um sie herum und ihr ganzes Leben verschmierte zu einem einzigen braunen Brei, von dem sie nichts mehr zu erwarten hatte."
 
Das Cover ist sehr ansprechend gestaltet. Zusehen sind ein Mädchen mit rosa Haaren und ein Junge mit Rasta-Zöpfen über einer großen Stadt. Alles ist in dunklen Farben sowie lila, rot und rosa Tönen gehalten. Das sind die Farben der Laikaren, was somit also wunderbar passt. Das Mädchen soll vermutlich Alelia darstellen und der Junge ist klar Bakoo. Seltsam finde ich dabei nur, dass Alelia im Vordergrund steht, wobei sie eigentlich keine wirklich zentrale Rolle spielt. Zudem werden ihre Haare als auberginefarben beschrieben. Trotz meinen kleinen Kritikpunkten ist das Cover in der Gesamtheit einfach unglaublich gut gemacht und versetzt einen mit den Sternen, der Stadt und den angedeuteten Canyons auf der Rückseite sofort in diese andere Welt.

Denn „Angepasst“ spielt auf dem Planeten Cambrium und in der Metropole Gazmata, einer Welt, die von Jurlans Minengesellschaft Bromstar Mining beherrscht wird. In den unwirtlichen Wüsten dieser Welt lebt das Nomadenvolk der Laikaren, die sich an die schwierigen Bedingungen perfekt angepasst haben und mit schwebenden Kuppelstädten durch die Wüsten ziehen. Außerdem gibt es die Siedler, die in glanzvollen Städten leben und den Planeten mit all seinen Ressourcen gnadenlos ausbeuten. Der Macht- und Geldgierige Jurlan vertreibt die Laikaren aus ihrer Heimat um ungestört Bromatium abbauen zu können und schafft alle aus dem Weg, die sich ihm entgegenstellen. Der Kampf ist natürlich unglaublich ungleich und mit den intrigen Mitteln, die Jurlan einsetzt ist "Angepasst" ein Paradebeispiel für eine gelungene Dystopie
 
Der junge Bakoo ist die Hauptperson des Buches und erzählt aus der Ich-Perspektive, wie er von Jurlan einen Platz auf der begehrten Jockey-Schule angeboten bekommt. Auf der Tellois-Farm mitten in der Wüste züchtet er zusammen mit seinen Eltern und seinem älteren Bruder Avocas. Diese Tiere sind zwischen 2 und 4 Meter groß, haben zotteliges Fell, lange Krallen und messerscharfe Zähne, bei richtigem Umgang jedoch eher kuschelig gestimmt. Der Höhepunkt des Wüstenlebens ist das alljährliche Master-Cup-Rennen, bei dem Avocas inklusive Reiter auf einer gefährlichen Rennbahn gegeneinander antreten. Und genau da will Bakoo hin. Er und sein Avoca Muunabat sind ein eingespieltes und vor allem schnelles Team. Euphorisch kommen die beiden in Gazmata an, doch schon bald beginnt er zu bemerken, dass nicht alles so läuft, wie er es geplant hat. Umgeben von Hass auf die Laikaren kommt er nicht umhin einen Fehler nach dem anderen zu begehen. Und dann taucht auch noch ein mysteriöses Mädchen mit unheimlichen Anschuldigungen auf und die Dystopie nimmt ihren Lauf.
Als Leser bemerkt man natürlich, das in Gazmata etwas nicht mit rechten Dingen zugeht doch bis sich Bakoo das eingesteht, ist es schon zu spät...
 
Der zweite Handlungsstrang handelt von einem Laikaren Mädchen namens Alelia. Gleich zu Beginn verliert sie als kleines Mädchen ihren Bruder und ihren Clan in der Wüste und  wird von anderen Laikaren aufgezogen. Ihre Sicht nimmt viel weniger Raum ein und ist auch nur aus der Er-perspektive geschrieben. Nach einem leicht verwirrenden Sprung in die Gegenwart trifft sie durch einen Zufall auf Bakoo, der nun gleichaltrig ist. Das hat mich leicht verwirrt, da noch das Kapitel zuvor von einem achtjährigen Mädchen die Rede war.

 
"Alelia konnte nicht einschlafen. Lautlos tropften ihre Tränen, die sie vor Jermo zurückgehalten hatte, in den eiskalten Wüstensand und gefroren zu Kristallen der Verzweiflung. Warum musste sie wieder alles verlieren?"

 
Bakoo ist ein recht durchwachsener Hauptcharakter. Er tut genau das, was man von einem fünfzehnjährigen Jugendlichen erwartet und ist somit einfach unglaublich realistisch dargestellt. Er versucht ziemlich alles um angesagt zu sein, verstößt gegen seine Prinzipien und lässt sich schamlos ausnutzen. Dann ist da außerdem der Konflikt mit seinem älteren Bruder, der schon sein ganzes Leben lang Avoca-Jockey werden will und bloß wegen dessen Unfall er an der Akademie aufgenommen wurde und das ständige Gefühl, seine Eltern würden ihn benachteiligen. Er ist konfrontiert mit Hierarchiestrukturen, die er in Frage stellen muss und hat die Gelegenheit, sein Geschick im Umgang mit den Avocas unter Beweis stellen und somit seine Zukunft komplett nach seinen Vorstellungen zu gestalten. Gleichzeitig ringt er um Freundschaften und wird dabei vor schwierige Entscheidungen gestellt, bei denen seine Integrität in Frage steht. Absolut jeder Jugendliche in dem Alter oder auch darüber hinaus kann Eigenschaften, Einstellungen oder Gefühle von ihm bei sich wiedererkennen. Ich konnte mich deshalb sehr gut mit ihm identifizieren, was ihn natürlich nicht sofort sympathisch gemacht hat. Er begeht Fehler, ignoriert zugunsten "der Coolen" einen netten Mitschüler komplett und denkt abfällig über Mädchen. Gegen Ende jedoch entwickelt er sich immer mehr in eine erwachsenere Richtung und ich kam viel besser mit ihm klar. Er lernt aus seinen Fehlern, auf was es im Leben wirklich ankommt und reagiert am Ende doch noch einsichtig und selbstlos. Ich habe selten ein Charakter kennengelernt, der sich so authentisch entwickelt hat.
 
 
"Wie an einen überfüllten Badestrand drängten sich die Männer des Bromstar-Sicherheitsdienstes. Wo kamen sie auf einmal her?
Dann überschlug ich mich. Mein Körper begann sich zu drehen. Wie eine Lawine stürzte ich in die Tiefe. Alles wurde schwarz, stockdunkel um mich herum. Ich fühlte nur noch Sand im Mund und hörte das Knirschen der Körner.
Wo waren die Sterne?
Ich sah sie nicht. Netauro und die anderen schienen vom Himmel gerutscht.
Ich ergab mich der tiefen Dunkelheit."
 
 
Neben ihm blieb Alelia leider etwas blass. Man bekommt kaum Einblicke in ihre Gefühls- oder Gedankenwelt und sie kam mir immer etwas abweisend, unberechenbar und kalt vor.
Jurlan ist natürlich der perfekte Bösewicht: fett, schmierig, geldgierig, reich, rücksichtslos, rassistisch und egoistisch - man muss ihn einfach hassen!
Wer mir sehr gut gefallen hat war Meister Tschaar, der Reitlehrer und Laikare. Er ist weise, nachsichtig, gerecht und steht zu seiner Meinung. Also praktisch alles, was fast alle anderen Personen nicht sind.
 
Wie in jedem guten Buch mischt auch noch ein Barkeeper mit, dessen Stargazer bald zum Treffpunkt aller Verbindungen wird. Der runde Mann ist als wahrer Sternefan begeistert von Bakoos Astronomie Kenntnissen und mischt schließlich im finalen Kampf tüchtig mit.
Visco, der Junge mit den Entenbeinen, ist wohl Bakoos einziger wahrer Freund und gleichzeitig mein Lieblingscharakter. Er steht ihm bis zum bitteren Ende zur Seite auch als es brenzlig wird und das obwohl Bakoo ihm zu Beginn die kalte Schulter gezeigt hat.

 
"Quatsch nicht rum und geh endlich!"
Ich drehte mich um und watete durch den Nebel dem Ausgang entgegen. Da rief mir Visco nach: "War das eigentlich ernst gemeint?"
"Was denn?"
"Dass ich dein Freund bin."
"Na klar!", sagte ich."

 
Doch, nein, wenn wir hier schon von einzig wahren Freunden reden, fällt mir noch Munnabat ein. Das dreifarbig gefleckte Renn-Avoca ist einfach so unglaublich süß wie störrisch. Wie Bakoo auch vertritt man einfach plötzlich die Meinung, er solle nicht angepasst werden und stuft ihn damit unterbewusst doch zu einem richtigen Charakter herauf. Die Anpassung spielt in diesem Buch eine wichtige Rolle, wie man auch am Titel sehen kann. Sie ist eine Art Gehirnwäsche bei der positive Eigenschaften des Gehirn verstärkt und negative überschrieben werden. Sie wird bei Avocas eingesetzt um ihre Leistung zu steigern und die ursprünglichen Raubtiere zahm zu halten. Doch man kann mit dieser Methode auch Erinnerungen von Menschen verändern...
Wie auch immer, nach diesem Buch bin ich der totale Avoca - Fan. Diese Tiere sind wie auch andere Lebewesen der Cambriumer Wüste einfach toll beschrieben und kreativ neu erfunden. Die bösartigen Sandgorgonen, die bis zu 40 Meter groß werden und alles fressen, was ihnen vor die Nase kommt, Vanderanen, Aptoren, Schaumnüsse, hat man davon schon mal gehört?
 
 
"Glühend heißer Sand knirschte zwischen meinen Zähnen. Er drang in meine Nase. Der gelähmte Gorgonenarm verströmte einen bestialischen Gestank. Ich musste würgen. jetzt bekam ich den glatt geriebenen Griff meiner Quappe zu fassen. (...) Tastend und schnüffelnd krochen die Gorgonenarme heran. Sie fuhren auseinander und begannen uns einzukreisen. Direkt unter mir musste das schreckliche Gorgonenmaul auf uns warten..."
 
 
Die ganze Welt jedoch ist nicht komplett neu. Sie erinnert doch sehr an Star Wars, was mich aber nicht weiter gestört hat. Der Interstellare Rat mit Gericht und Gesetzen, verschiedene Galaxien, Streit zwischen den Planeten, Handel und Kriege, wer muss da nicht an Luke und Leia denken? Und wenn ich gerade schon am kritisieren bin, muss ich sagen, dass mir manchmal noch einige Erklärungen gefehlt haben. Bei einer neuen Fantasiewelt ist es immer schwer das richtige Maß an Beschreibungen und Details zu finden, es darf nicht zu wenig sein aber man sollte den Leser auch nicht mit zu vielen unnützen Informationen langweilen. Einige Erklärungen zu Tieren, Pflanzen, Wörtern oder anderen Traditionen auf dem Planeten kamen mir einfach zu spät oder waren etwas zu kurz ausgefallen. Das hat aber gut zu dem rasanten Tempo der Geschichte gepasst. In 403 Seiten passiert einiges in einer Geschwindigkeit, dass man fast glaubt, der Verlag hätte Hubert Wiest zum Papier sparen aufgefordert.
 
Die Spannung ist natürlich nicht zuletzt deswegen vor allem gegen Ende hoch. Der Autor führt den Jungen und mich als Leserin durch Höhen und Tiefen, nutzte überraschende Wendungen und ungeahnte Fallstricke. Die Spannung gipfelt jedoch im großen Finale, da es schlussendlich um Kopf und Kragen der Hauptpersonen geht, das Wohlbefinden einen Laikaren Clans ist in Gefahr und außerdem heißt es die ganze Stadt von Jurlans Terror-Herrschaft zu befreien. Keine leichte Aufgaben für ein paar schlecht bewaffnete Jugendliche und so konnte ich das Buch bis zum Ende nicht mehr aus der Hand legen.
 
Doch die Geschichte hat nicht nur einen tollen Hauptcharakter, viele tolle neue Ideen oder ein spannendes Ende. In diesem Buch gelingt es Hubert Wiest etliche Bezüge zu aktuellen Brennpunkten herzustellen. Es geht um Rassismus, Diskriminierung und Unterdrückung von Minderheiten wenn die Laikaren verfolgt und ausgegrenzt werden. Um Ausbeutung von Rohstoffen und gierigen Machthabern. Eigene Identität, Familien und Freundschaften werden angesprochen und interessante Fragen gestellt. Wie weit darf ein Mensch über das was gut oder schlecht für andere ist entscheiden? Was zählt unter Verrat?  ...
 
Der Schreibstil der Geschichte fand ich recht gut. Nicht besonders blumig oder beschreibend sondern eher nüchtern und direkt. Gut gefallen hat mir der leise Humor, der sich an verschiedenen Stellen finden lässt, und die geschickten Anspielungen auf unsere Welt. Trotz der Kürze und manchmal bloß wörterlangen Personenbeschreibungen hat der Autor es geschafft, passende Bilder vor meinen Augen entstehen zu lassen. Ich bin mit Muunabat über die Rennbahn gedüst, habe mit Sandgorgonen gekämpft, war im Stargazer tanzen und habe leckere Dipplibällchen gegessen. Komplett hat mich Cambrium verschluckt und erst nach den letzten Seiten wieder ausgespuckt.
 
Naja und dann kam das Ende. Natürlich ist es schön gestaltet, doch das kann man einem Leser doch nicht antun!!! Mit unglaublich vielen offenen Fragen steht man nach dem letzten Satz noch da und weiß nicht genau, was man jetzt denken soll. Wer gewinnt das Rennen? Wie sieht nun Bakoos Zukunft aus? Was passiert mit Alelia und dem Laikaren Clan? ...
Vielleicht kann man ja auf eine Fortsetzung hoffen. Mich würde es auf jeden Fall freuen.

 
 
Fazit:
 
Ein spannender Jugendroman mit interessanten Parallelen zu unserer Welt. Dieses Buch glänzt mit einem tollen Hauptcharakter, vielen neuen Ideen und Anregungen.
 
 
Vielen Dank an Hubert Wiest, der so freundlich war, uns sein Buch als Rezensionsexemplar zur Verfügung zu stellen!!!


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