Mittwoch, 17. August 2016

Liebesterrorist

 

 
Allgemeines:
 
Titel: Liebes:terror:ist
Autor: Thomas Reich
Verlag: /
Genre: moderne Lyrik
ISBN: 978-1508949602
Seitenzahl: 45 Seiten
Preis: 2,99€ (Kindle-Edition)
6,99€ (Taschenbuch)
 
 
 
Beschreibung:
 
"Ich will eine Granate sein, die in deinem Herzen explodiert.
Ich will ein Opfer sein in deinem Bett.
Ich will den Feind aus der Reserve locken.
Ich will deine Wunden lecken, als wären es meine.
Ich will den Krieg beenden."
 
 
 
Bewertung:
 
Gedichte sind die schönste Form, mit deren Hilfe man seine Gefühle ausdrücken kann. Die Lyrik ist eine der frühen literarischen Formen und eigentlich nichts anderes als verdichtete Texte. Den Inhalt einer ganzen Geschichte kann man mit Hilfe von sprachlichen Stilmittel auf wenige Zeilen verkürzen, die unterschiedlichen Lesern Raum für Interpretationen lassen.
 

"Wer wird es sein?
Gehe ich zuerst
an den Ort
wo alle Träume schweigen?"
 
Mit dem Anfang meines persönlichen Lieblingsgedichtes ("Wer geht als Erstes" Seite 24) aus diesem Buch beginne ich diese Rezension zu meinem allerersten Gedichtband. Im Deutschunterricht haben wir uns vor einiger Zeit natürlich mit Lyrik befasst, ich ziehe es jedoch vor, selber Gedichte zu schreiben. Noch nie in meinem "Blogger - Leben" hatte ich die Möglichkeit einen Gedichtband rezensieren zu dürfen und möchte Thomas Reich gleich zu Beginn dafür danken, dass er uns seinen Band als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat, obwohl ich ein vollkommener Amateur auf diesem Gebiet bin. Ich werde also mehr nach Eindrücken und Gefühlen bewerten und weniger fachlich korrekt... ;)
 
Das Cover ist sehr ansprechend gestaltet. Zusehen ist zweimal die selbe Kinderhand. In der Handfläche steht "You make me sick because I adore you so.", was etwa so viel heißt wie "Du machst mich krank weil ich dich so sehr liebe". Das und das aufgemalte Herz, das bei der zweiten Hand zu zersplittern scheint, passt perfekt zu dem Inhalt. Die Farbe rot wirkt dann noch unterstreichend. Auch der Titel passt wie die Faust aufs Auge. Liebe ist Terror, das ist ja allgemein bekannt und "Liebes:terror:ist" fasst das zu einem witzigen Titel zusammen.
 
Der Schriftsteller Thomas Reich ist neben der Lyrik vor allem in den Genre Belletristik und Aphorismen angesiedelt. Er hat schon zahlreiche Bücher veröffentlicht und beschreibt seinen Stil selbst als "derbe Literatur vom Feinsten". Seine Gedichte gehen inhaltlich in die Richtung von Charles Bukowski und Jim Morrison.
Von der Form sind sie sehr modern gehalten, in freien Reimen mit sehr kurzen Sätzen und vielen Ellipsen.
 
 
Salzig:
 
"Wenn ich die Augen schließe
rieche ich das Meer
und es ist salzig
wie deine Haut
ich sehe kleine Fischerboote
die auf dem Horizont reiten
als wollten sie
die Wellen bezwingen
die Planken
voller Algen Muscheln.
Wenn ich die Augen öffne
ist das Meer verschwunden
es riecht immer noch nach Salz
die Boote sind weg
und alle Wellen schweigen.
In deinen Augen
fliegt eine Möwe
ich wünschte
ich könnte ihr folgen
doch ich bleibe zurück
und deine leeren Augen
sehen mich nicht an."
 
 
Der Band "Liebes:terror:ist" befasst sich vor allem mit unglücklichen Liebesbeziehungen, wie auch der Titel schon verrät und mit dem, was eine Liebe mit einem macht. In 39 kurzen Gedichten umschreibt er das Dilemma eines Liebenden, berichtet von Einschränkungen, Sehnsucht und unüberbrückbaren Mauern, die es erschweren zusammen zu bleiben. Er stellt philosophische Fragen wie in "Wer geht als Erstes?" (siehe unten) oder benutzt Metaphern, bei denen man erst im letzten Satz die Vieldeutigkeit erahnen kann. Der Autor findet interessante Vergleiche für Streit oder Schweigen wie zum Beispiel Kriege, Vulkanausbrüche, tektonische Plattenbewegungen oder mit den "Last days of Polterabend". 
 
Der Stil hat mir sehr gut gefallen, da es ihm gelingt, die Grundstimmung, Spannung und Aussage kurz und präzise zu erfassen. Er scheint das zu treffen, was man schon immer mal empfunden hat, aber nie in logische Sätze fassen konnte.
Also sollte auch zu Reichs Gedichten greifen, wer bislang mit Poesie nicht all zu viel anzufangen wusste -so wie ich. Statt sich selbst bespiegelnder Sprachakrobatik, künstlicher Synkopen, zwanghafter Rhythmik und ästhetischer letzter Seufzer bietet der mit 45 Seiten recht kurze Gedichtband Einblicke in Erfahrungen, die ein Leser durchaus wiedererkennen kann. Sehr schön fand ich dabei, dass die einzelnen Gedichte, so unterschiedlich sie zum Teil auch waren, in Inhalt oder Stimmung immer gut gepasst und sich zu einem Gesamtbild zusammen gefügt haben.
Dabei sind die Verse durchaus nicht nur negativ gestimmt, sondern mal heiter, mal melancholisch, mal nachdenklich, mal augenzwinkernd, mal realistisch-nüchtern, mal verliebt und versöhnlich stimmend. Ich denke für jede Stimmlage und Persönlichkeitstyp lässt sich ein passendes Gedicht finden.
 
Manche Gedichte waren dabei schwieriger zu verstehen und andere erschlossen sich mir gleich nach dem ersten mal Lesen. Natürlich gab es auch einige wenige, die mir nicht wirklich zugesagt haben aber das Risiko hat man immer.
 
Mit meinem ersten Gedichtband war ich also mehr als nur zufrieden und ich hoffe ihr und der Autor versteht, was ich meine und den Lyrikprofis unter euch wird nicht schlecht, wenn sie meine Rezi lesen... ;) 
 
 
Wer geht als Erstes?
 
"Wer wird es sein?
Gehe ich zuerst
an den Ort
wo alle Träume schweigen?
Oder gehst du mir vor
eine alte Stalllaterne in der Hand
damit ich dich finde
unter all den Seelen
wenn du uns
ein Nest bereitest?
Wie wird es sein
zurückzubleiben
alleine
aufzuwachen
und die andere Seite des Bettes bleibt leer?
Welches Los mag das härtere sein;
gehen zu müssen
oder zu bleiben
wie ein kärglicher Rest
der von uns bleib?"
 
 
Fazit:
 
Thomas Reich schafft viele kleine Kunstwerke - allerdings welche aus Worten gemalt, und nicht mit Pinsel und Farbe. Wer so etwas kann - Hut ab!!!
 

 
Hier noch ein wunderschönes Gedicht:

Wühltisch des Lebens
 
 
"Tausend Hände
die mich berührten
angewidert
zwischen ihren Fingern drehten
nach kleinen Rissen suchten
und Farbabweichungen
bloß
um einen Rabatt rauszuschlagen
sich eines besseren besannen
und mich
wieder zurücklegten.
Den roten Kleber
mit dem Sonderangebot
wie einen Verband
über die Augen gezogen
so stramm
dass in meinem blinden Gefängnis
nicht einmal Platz war
für Tränen.
Du hast mich mitgenommen
hältst mich nestwarm
in deinen Händen
wie einen Schatz.
Ich habe Angst
vor deiner Wohnung
wo ich wieder
im Regal verstaube
zwischen all den Dingen
die du
aus dem Alltag gerettet hast."
 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen