Samstag, 15. Oktober 2016

Die Kinder der Kirschblüte - Teil 1 und 2

 
 

Allgemeines:

Titel: Die Kinder der Kirschblüte - Die Kinder erwachen
Die Kinder der Kirschblüte - Bahlheim
Autor: Cardo Polar
Verlag: Books on Demand (24. August 2016)
Genre: Fantasy
ISBN: 978-3741285110
Seitenzahl: 376 Seiten
Preis: 2,49€ (Kindle-Edition)
10,99€ (Taschenbuch)
(Preis Teil 1: 0,99€ ; 5,49€)
(Preis Teil 2: 1,49€; 8,49€)
Weitere Bände: in Bearbeitung


Inhalt:
 
 
"So, Welt,
 so, Leben,
ich gegen dich, jetzt werden wir sehen, was passiert, dachte sie."
 
 

Teil 1 - Die Kinder erwachen: Hanna ist einsam. Sie hasst ihr Leben, die Welt, sich selbst. Nur im Internet findet sie Freunde und Verständnis. Als ihre Online-Clique plant, ein Zeichen zu setzen, sich zu wehren, gegen all die Arschlöcher und Mobber da draußen, da geraten die Dinge sehr schnell außer Kontrolle. Doch Hanna hat eine ganz besondere Gabe, eine Kraft von der sie bisher nichts wusste. Als diese Gabe durch Zufall in Hanna erwacht, ist nichts mehr wie es einmal war. Gejagt von der Polizei und einem mächtigen, unbekannten Feind geht es plötzlich um alles - denn es gibt kein Zurück mehr: Die Kinder der Kirschblüte sind erwacht. 
"Wir müssen uns entscheiden: sterben oder etwas Neues bauen. Ich will kämpfen, versuchen etwas Neues aufzubauen. Vom Herz, mit Liebe."


!!Teil 2 - Bahlheim!!!: Die Villa, mitten im Nirgendwo der mecklenburgischen Seenplatte, ist ein sicheres Versteck - vorerst. Hanna und Nicole lernen viel über Hannas Kräfte und lang verborgene Geheimnisse. Jetzt haben sie die Chance, ihren Traum der Kinder der Kirschblüte zu verwirklichen. Allerdings setzen sie dabei Dinge in Gang, deren Wirkung sie bei weitem unterschätzen. Und dann sind da noch die Polizei und der mysteriöse Kreis, die sie jagen. Als alles eskaliert, wagen sich die Kinder der Kirschblüte aus ihrem Versteck – und machen Fehler. Tödliche Fehler. Denn Bahlheim wartet auf sie …
Bewertung:
 
DISCLAIMER: Meine Rezension beinhaltet meine Meinung zu Band zwei. Diese ist klar gekennzeichnet und kann einfach übersprungen werden, um Spoiler zu vermeiden.
 
"Die Kinder der Kirschblüte" von Cardo Polar ist eigentlich eine Trilogie, aufgrund eines unmöglichen Endes im ersten Teil, wurden aber Band 1 und 2 zu einem Buch zusammengelegt. Diesen zusammengesetzten Roman habe ich als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt bekommen. Vielen, vielen Dank an Cardo Polar dafür!!! Aufgrund der vielen verschiedenen Eindrücke und auch der Komplexität des Plots, habe ich mich entschieden, mehr oder weniger zwei Rezis zu diesem Doppelband zu verfassen.
 
"Hanna lag in ihrem Bett, bereit zu sterben."
 
Mit diesem zutiefst erschütternden, aber sehr aussagekräftigen Satz beginnt der erste Teil "Die Kinder erwachen". Wir Leser werden zu aller erst in das recht einsame und triste Leben der jungen Hanna eingeführt, welche sich selbst, die meisten anderen Menschen und die Welt im Allgemeinen nicht ausstehen kann. In einem Forum im Internet findet sie Gleichgesinnte, die ihr ein Gefühl von Zuhause vermitteln und so chattet sie nächtelang mit diesen Unbekannten, die ihr näher sind, als alle anderen Menschen, nur um dann am nächsten Morgen wieder in den Wahnsinn ihres Lebens eintauchen zu müssen. Doch diese Ausgestoßenen haben es bald satt, die Außenseiter zu sein, Opfer, Abschaum, und so entwickelt sich eine Idee... 
 
Sie nennen sich die "Kinder der Kirschblüte", nach dem Aufbruch, der Vergänglichkeit und der Schönheit, die die Kirschblüte, die Sakura, im Japanischen verkörpert. Gemeinsam schwören sie sich, allen Opfern zu helfen, Zugehörigkeit zu vermitteln und sich ein für alle Mal an den unterdrückerischen Mobbern, Kinderschändern, Entführern und anderen Kriminellen zu rächen. Aber schon ihre erste Racheaktion hat verheerende Folgen, die so nicht absehbar gewesen waren. Von der Polizei und einem unbekannten Feind gejagt, begegnen sich die Kinder der Kirschblüte das erste Mal live und in Farbe. Können sie der Welt entkommen und sich endlich ein friedliches Leben erschaffen, dass ihnen zuvor verwehrt geblieben ist?
 
 
"Jahrhunderte, Jahrtausende lang haben Arschlöcher, Mobber, gierige, verlogene Wichser die Welt regiert; die Menschheit, besonders immer wieder Menschen wie uns, beherrscht, unterdrückt, erniedrigt, gedemütigt, gequält. Es ist höchste Zeit, dass sich das ändert, es ist Zeit, dass sie Unterdrückten, die Opfer sich wehren. Es ist an der Zeit, dass die Kinder der Kirschblüte erwachen..."
 
 
Die Geschichte beginnt recht ruhig und gedankenintensiv, nimmt aber innerhalb kürzester Zeit mächtig an Tempo auf. Von da an geht es sehr rasant zu und der Leser hat kaum noch die Möglichkeit, mal durchzuatmen. Ich habe, zugegebenermaßen, kurz gebraucht um in die Geschichte hinein zu kommen. Man wird gleich mit einer fast schon weltverachtenden und resignierten Denkart konfrontiert und muss sie erst mal verdauen.
 
 
Als ob unsere Protagonisten noch nicht genug Probleme hätten, beginnt Hanna dann auch noch ungeahnte Kräfte zu entwickeln.  
Denn anders, als ich erwartet hatte, ist die Trilogie eine Fantasy-Reihe mit einer packenden Geschichte. Ich hatte ein eher düsteres Drama erwartet, jedoch spielen fantastische Elemente neben ernsteren Themen eine ebenso große Rolle. Mobbing, Selbstverletzung, Vergewaltigung und dergleichen haben die Figuren geprägt und zu dem gemacht, was sie sind. Voller Selbstzweifel, Hass und Unsicherheit strotzend, drückt sich das natürlich auch im allgemeinen Stil und der Atmosphäre aus. Sehr einfühlsam aber schonungslos wird auf Defizite in der Gesellschaft hingewiesen, unser Rechtssystem verhöhnt und für ein genaueres Hinsehen sensibilisiert. So hat mir dieser Teil der Geschichte sehr gut gefallen und mir einige Gedankengänge aufgezwungen.
 
Doch wie gesagt ist da auch noch ein anderer Aspekt: magische Kräfte, die sich bei Hanna zeigen. Zusammen mit einigen anderen Handlungssträngen, die mich anfangs verwirrt haben, sich aber immer mehr mit der Hauptgeschichte verweben, ergibt sich eine Komplexität, die man nach der Beschreibung des Klappentextes nicht erwarten würde.
Wahrscheinlich hätte mir das Buch ohne den fantastischen Aspekt besser gefallen, da ich manchmal Probleme hatte, diese beiden "Genres" und Grundstimmungen in Verbindung zu bringen. Getrennt gesehen gefallen mir die beiden Komponenten aber sehr. Das Zusammenspiel beider hat für mich erst im zweiten Teil wirklich begonnen, da es mich auch etwas verwundert hat, wie selbstverständlich Hanna ihre neuen Fähigkeiten annahm und wie wenig überrascht auch ihr Umfeld auf diese Offenbarung reagiert hat. Ich hätte mich selbst wahrscheinlich für verrückt gehalten und gedacht, dass ich halluziniere, vor allem da sie sowieso Depressionen hat...
Interessant ist aber, dass Hanna sich genau das, diese Fähigkeiten zu haben, schon immer gewünscht hatte. Ihr Lieblingsbuch ist "Carrie" von Stephen King, in welchem sich die gedemütigte und gequälte Hauptperson Carrie mit Hilfe telekinetischer Fähigkeiten an allen ihren Mobbern in einem blutigen Massaker rächt.
 
 
Die Charaktere konnten mich alle recht gut überzeugen. Ihre große Stärke: Sie bilden nicht die typischen Helden, die man sonst so in Büchern findet, es sind Außenseiter, verlorene Seelen, denen das Leben und ihre Mitmenschen übel mitgespielt haben. Mitsamt ihren vielen Problemen, Fehlern, Macken werden sie einfach in noch größere Schwierigkeiten hineingeworfen und müssen es irgendwie schaffen, mit sich klarzukommen, alles zu verstehen und damit umzugehen. Sehr überzeugend, wenn auch recht anstrengend sind da die vielen Rückschläge und unlogische Aktionen, die sie sich leisten, immer gleichzeitig gegen sich selbst kämpfend. Deshalb würde ich von insgesamt 3 Gegnern sprechen: Der Polizei, eine zweite, magische Instanz (mehr will ich hierzu nicht verraten) und ihre Depressionen.
 
 
"Sicher war sich keiner. Sicher war nur, jetzt war alles in Bewegung, und sie wollte es nicht stoppen, egal wie, jetzt war die Chance etwas zu verändern. Keiner wollte zurück in sein altes Leben, jetzt oder nie, alles auf eine Karte. Nur welche...?"
 
 
Hanna ist dabei die klare Hauptperson, auch wenn die Perspektiven laufend wechseln und alle aus der Er-Perspektive beschrieben werden.
Sie hat unendlich viele Teenagerprobleme sowie heftige Depressionen, auch wenn ich nie klar erfahren habe weshalb überhaupt. Man wurde in ihre wirren und traumatischen Gedankengänge geradezu hineingeworfen und so konnte ich mich erst nur schwer mit ihr identifizieren. Anfangs fand ich sie sogar ziemlich unsympathisch und echt nervig. Wenig aufgrund ihrer Probleme, den vielen Flüchen oder ihrem -zum Teil recht unlogischen- Verhalten, sondern einfach, weil ich nicht nachvollziehen konnte, was der Auslöser war. Natürlich ist es genau das, was das Buch irgendwie besonders macht, realistisch und authentisch, doch zu Beginn hat sie es mir wirklich nicht leicht gemacht, das zu verstehen. Gegen Ende, auch des zweiten Teiles, ändert sich das, sie bekommt mehr Tiefe und geht in einer Aufgabe auf. Sie ist mutig, loyal, recht einfach zu begeistern, beweist aber immer wieder Willensstärke und vor allem Moral. So konnte sie doch noch Sympathiepunkte bei mir sammeln. Sie ist eben einfach Hanna, eine Protagonistin, die es nicht nötig hat, freundlich, perfekt, stark und wunderschön zu sein, um einem ans Herz zu wachsen.
 
 
"Hanna war komplett alleine hier, mit sich und dem Wahnsinn in dieser Welt, alleine mit sich und dem Wahnsinn in ihrem Kopf."
 
 
Für die letzten Aspekte gibt es nämlich auch noch Sarah Goldmann. Sie dominiert den zweiten Handlungsstrang, der weit in der Vergangenheit spielt und zuerst komplett belanglos scheint. Sie ist ein hübsches, blondes Mädchen mit zurückhaltender, ruhiger Art. Manchmal jedoch bricht hinter der leisen, freundlichen Fassade ein feuriges Temperament hervor. Ruhig, verträumt und bisweilen plötzlich furchtbar jähzornig also. Ihr Leben ist eigentlich perfekt und sie lebt etwa 80 Jahre in der Vergangenheit, also was verbindet sie mit Hanna? Ganz einfach: Ihre Gabe...
 
 
"Wieder flog der Schatten durch die Nacht von Paris, so schnell, so weit sie konnte, aus der Stadt hinaus, die Straße entlang, weiter, weiter, immer weiter, nicht denken, nicht zurücksehen, fliehen, den Bildern entfliehen, den Gedanken, der Schuld. Dem Schmerz, dem Verlust, der Einsamkeit. Rennen, nur noch rennen und fliehen. Was habe ich getan? Was bin ich für ein Monster?"
 
 
Neben diesen beiden Mädchen gibt es noch Sven und Nicole, welche recht viel Raum einnehmen. Beide kennen Hanna aus dem Forum und stehen ihr bald aus Fleisch und Blut zur Seite. Natürlich haben beide ihre Probleme, entwickeln sich aber auch weiter. Leider blieben die beiden für mich sehr farblos im Hintergrund und waren bloß -um es mal in Nicoles Worten auszudrücken- "Statisten in ihrem Theaterstück, (...) nur Accessoires" die alles runder machen. Doch ich hatte eigentlich nicht viel mehr erwartet, da der erste Teil alleine nur 150 Seiten hat, was für eine mehrfache Charakterentwicklung doch sehr wenig ist. Für den sehr geringen Umfang, ist der Rest durchaus faszinierend ausgearbeitet.
Dann gibt es da noch der Handlungsstrang der Polizisten. Immer wieder wechselt die Perspektive zu dem Möchtegern-Kriminologen Mark Trensing, der versucht, den Kindern der Kirschblüte auf die Schliche zu kommen. Er wirkt für mich etwas zu überzogen und unseriös, da sich seine Gedanken und Worte nicht sehr von Hannas unterscheiden, welche schon sehr gewöhnungsbedürftig sind.
Genau wie sie und Nicole wird in seinen Abschnitten auffällig oft das Wort "derbe" benutzt. Oft bis zu 5x auf einer Seite, was vielleicht zu den beiden Mädchen passt, jedoch keineswegs zu dem älteren Polizisten. Mit ihm hatte ich also große Probleme.
 
 
"Es schien ihr eine  dankbare, die einzig mögliche Geste, das alles zu verbrennen, die in Stacheldraht Hängenden, die Dahinsiechenden, die Leidenden, die Verstümmelten auf den Feldern, in den Gräbern, sie alle in Asche zu verwandeln. Und aus Sarahs Armen ergossen sich Flammen über das Schlachtfeld, fluteten die Gräber, erlösten die Sterbenden. Der Wahnsinn in ihrem Kopf war verschwunden, doch der Wahnsinn in der Welt würde immer bleiben."
 
 
Wenn wir gerade schon bei der Wortwahl sind, noch einige Worte zum Schreibstil: Dieser war mir schon gleich zu Beginn als recht außergewöhnlich ausgefallen. Eigentlich ist alles ein recht undurchschaubares Kuddelmuddel, welches zum einen verwirrt, aber genau die gewünschte Stimmung erzeugt. Größtenteils bedient sich der Autor kurzer und sehr einfach aufgebauter Sätze in einem flotten Schreibstil ohne viele schwierige Umschreibungen, was eine Schnelligkeit in der Handlung erzeugt, die perfekt zur Geschichte passt. Jedoch werden durch lange Aufzählungen und Verschachtelungen - vor allem innehrlab von Gedanken und wörtlicher Rede- sehr lange Sätze bedingt. Zum Teil unlogische und unvollständige Gedankenfetzen erinnern an einen inneren Monolog, was hervorragend zu der Gefühlslage der Charaktere, insbesondere zu Hanna, um die es ja fast hauptsächlich geht, passt. Ihr Hass auf die Welt wird sehr gut widergespiegelt, nicht zuletzt auch durch die vielen "derben ;)" Flüche.
Ganz gegenteilig präsentiert sich dagegen die Sprache Sarahs. Eher gewählt, beschreibend und viel ruhiger drückt sich Cardo Polar hier aus, was perfekt zu ihrem Charakter passt und beweist, dass er keineswegs nicht schreiben kann, seinen Stil aber genial an seine Protagonisten angepasst hat.


"Dunkelheit wurde zu gleißendem Licht, sie fühlte, spürte, sah Feuer, überall um sich herum Feuerwände, unter sich ein riesiges, tobendes Feuermeer wie im Traum, und nur zu gern tauchte sie ein und versank in der Flut aus gleißenden Flammen."


Das Geschehen geht in diesem Buch sehr schnell voran. Bei der geringen Seitenanzahl ist das auch kein Wunder. Im Handumdrehen hatte ich den ersten Teil zu ende gelesen und konnte dann zum Glück gleich mit dem nächsten weiter machen. Ich finde es also sehr gut, dass der Autor sich der Kritik unzähliger Rezensenten angenommen und ein einheitliches Buch aus den beiden Teilen gemacht hat. Es würden doch sehr viele ungeklärte Fragen zurückbleiben, die zum Glück für mich gleich beantwortet werden konnten. 


 Die beiden Covers finde ich sehr schön gestaltet. Sie sind sehr dezent gehalten und überwiegend Schwarz-Weiß. Nur die Kirschblüten sind farbig, geben also "Hoffnung" in all dem Grau. Sie haben ein bisschen etwas von einer Manga Zeichnung und wirken so irgendwie sehr stimmig. Ich denke, dass sie ziemlich gut zum Inhalt des Buches passen, auch weil man die Gesichter der beiden abgebildeten Mädchen nicht sieht. Nicole und Hanna laufen auch immer in Parka mit tief ins Gesicht gezogenen Kapuzen herum und zeigen sich nicht klar. Zudem sind die Blüten zuerst noch Knospen, die dann aufblühen - insgesamt sehr ansprechende und symbolische Covers!

 

 
"Er wird kommen, Hanna, kommen um dich zu holen und glaub mir...was dann passiert willst du nicht erleben."
 
 
Nach der überstandenen Gefahr befinden sich Hanna, Nicole und Sven in der Sicherheit einen pompösen Villa an einem abgelegenen Ort in Mecklenburg. Doch statt die luxuriösen Umständen genießen zu können, trainieren die Kinder der Kirschblüte mit ihren Beschützern die ganze Zeit für den bevorstehenden Kampf gegen den Kreis. Nach und nach lernen Hanna und Nicole immer mehr über Hannas Kräfte und lang verborgene Geheimnisse einer geheimen Gesellschaft.
Endlich haben die Kinder der Kirschblüte mit Hannas neuer Macht die Möglichkeit etwas zu verändern und den Schwachen zu helfen, aber damit setzten sie unkontrollierbare Dinge in Laufe. Aber es kommt noch schlimmer, denn weiterhin sucht die Polizei nach ihnen und der mysteriöse Kreis jagt sie. Als die Kinder sich aus ihrem Versteck wagen, riskieren sie alles im Kampf gegen Bahlheim.
 
 
"Es rauschte und brannte alles in ihr. Sie lebte, vegetierte verlassen, alleine im Wald, im Wahnsinn, im Schmerz."
 
 
Es kommen im Verlauf der Handlung ganz neue Probleme auf. Zum Beispiel geht es wieder verstärkt um das düstere Mobbing-Opfer-Motiv, wie der Autor versprochen hatte. Themen wie Selbstjustiz und Rache rücken mehr in den Vordergrund, während Sarah in der Einsamkeit im Wald versinkt. Schuld, Buße und Verantwortung kommen zur Sprache und tatsächlich werden viele Fragen endlich beantwortet. Doch: Mindestens genauso viele neue Fragen werden wieder gestellt und so blieb ich auch am Ende des zweiten Teiles sehr ratlos zurück.  
 
 
Lange, zum Teil sogar philosophische Beredungen werden geführt, wichtige Fragen gestellt und nochmals Defizite der Welt angeprangert. Doch das ist die Lösung?
 
 
"Zivilisation, fairer, wertschätzender, menschlicher Umgang ist eine Illusion, eine Utopie, es ist kurzfristig, lokal in kleinen Gruppen möglich, mehr nicht. Wir haben etwas angestoßen, etwas ganz Großes. Wir können aber nicht die Welt retten, die Gesellschaft. Nur uns."
 
 
Hanna wandelt sich ungemein, wird stärker, mutiger aber auch leichtsinniger. Sie und somit auch der Leser, erfährt endlich immer mehr über ihre Kräfte und die geheime Gesellschaft, worauf man im ersten Teil gewartet hat. Hanna wird erwachsen und durch den besseren Umgang mit ihren Fähigkeiten sogar zu einer Heldin. Auch wenn sie immer noch recht negativ und fluchend denkt, wurde sie mir richtig sympathisch. 

Sarah ist und bleibt jedoch mein absoluter Lieblingscharakter, der ich permanent die Daumen drückte. Nachdem sie ihre große Liebe Sandrine verloren und viel Schuld auf sich geladen hat, verkriecht sie sich im Wald, mit dem Glauben, ein Monster zu sein. Ihr Innenleben wird sehr gut geschildert, ihre Einsamkeit und Qual authentisch dargestellt.


"Was hatten die Menschen schon geschaffen, schon gemacht in ihrem Leben? Nur Zwang, Leid, Qual und Mord. Die Gesellschaft, die Menschen konnten ihr gestohlen bleiben.
Und doch, hin und wieder, dachte Sarah an ihren Vater, ihren Bruder, an die wundervollen Momente versunken in ihren Büchern, an die Umarmung ihrer Mutter - und vor allem an Sandrine. Und dann wurde ihr Herz so schwer, eine Traurigkeit, eine Einsamkeit lähmte und fesselte sie, ließ sie zittern und bittere, salzige Tränen weinen."
 

Einige Szenen werden direkt aus Bahlheims verrücktem Kopf geschildert. Auf sehr eindringliche Art und Weise bekommt man den Grund für seine machtgierige und wahnsinnige Ader erklärt. So gesehen haben eigentlich die beiden Gegner genau dasselbe Problem: Sie führen einen Kampf in ihrem Inneren.


"In seinem Kopf rasten, tobten tausende Gedanken, Bilder, Wortfetzen, Emotionen. Ein riesiges, dröhnendes Meer, ein Sturm, auf dem er segelte, den er meistern musste, zähmen, immer wieder zähmen und besiegen. Er fühlte den Wahnsinn, wie er versuchte ihn hinabzuziehen, in diesen Mahlstrom aus Worten, Bildern und Gefühlen. Wie der Wahnsinn versuchte, ihn darin zu ertränken, dass er sich in diesem tosenden Meer auflöste."

Die Atmosphäre ist viel gedrückter in diesem zweiten Teil, denn obwohl die Kinder der Kirschblüte nun Hoffnung haben, eine Vision fallen sie doch oft in ihre alten Muster zurück und müssen gegen sich kämpfen.


"Es ist, als ob da in mir drin, ganz tief drin, ein riesiger, schwarzer, tiefer See ist, ein riesiges Meer, ein Ozean voll lähmender Traurigkeit. Und ich kann es wegdrängen, unterdrücken, aber ein Blick, ein Gedanke, ein falsch verstandenes Wort kann ausreichen und ich stürze sofort hinab in das Meer, es zieht mich rein und (...) das Wasser, das lähmende, pechschwarze, schwere Wasser, es klebt an mir. Es nimmt mir die Luft zum Atmen."


 Auch die Nebencharaktere wie Sven oder Nicole kommen besser heraus als zuvor. Neue Protagonisten tauchen auf, die die Geschichte nochmals abrunden: Mit Anastasia, Andrey und BloodAngel wird die Liste der Verbündeten immer länger. Doch auch die Feinde legen ordentlich zu und so bleibt nur abzuwarten, wie der Kampf ausgehen wird...
 
Wie schon gesagt endet das Buch in einem sehr spannenden und kampfreichen Finale, praktisch mitten in der Handlung und lässt mich so sehr gespannt zurück.
 
 
Fazit:
 
 Zwei durchaus interessante Teile einer düsteren Trilogie, die es schaffte durch die eigenwilligen Charaktere, die Spannung, einen faszinierenden Stil und abwechslungsreicher Darstellung mich absolut zu fesseln. Trotz einiger kleinen Schwächen bin ich sehr gespannt auf den dritten Teil.

 
 
 
Hier noch das Manifest der Kinder der Kirschblüte:
 
 
Ich finde diesen Text  unglaublich berührend und führe ihn (leicht gekürzt) an, da ich der Meinung bin, auch eine gewisse Nachricht damit verbreiten zu können:
 
 
"Wir sind die Kinder der Kirschblüte. Wir sprechen für alle geschundenen Seelen. Für alle, die gequält, gemobbt, missbraucht wurden und immer noch werden. Für uns ist das Leben in dieser Gesellschaft einfach nur scheiße und perspektivlos. Ein sinnloses Leiden.
Die Gesellschaft, die Menschen schauen weg und helfen nicht. Es wird Gemeinschaft, Mitmenschlichkeit, Zusammenhalt, Wärme und Herzlichkeit vorgegaukelt, vorgetäuscht an der Oberfläche. Dahinter ist diese Gesellschaft aber komplett egoman und verrottet. Egoisten, Abzocker, Mobber, miese Arschlöcher haben das Sagen, bestimmen den Weg. Alle anderen schauen weg, greifen nicht ein, lassen geschehen. So ist es im ganz Großen, in den Zentren der Macht und im ganz Kleinen, in den Schulklassen und auf den Straßen. Für uns gibt es kein Gutes im Schlechten, Endlich haben wir die Kraft und Stärke gefunden uns zu wehren. Wir sind die Kinder der Kirschblüte und wir werden uns wehren - wir werden alle Täter bestrafen! (...)
Es ist Zeit, dass ihr euch wehrt! Dass wir gemeinsam aufstehen und kämpfen! Ihr seid nicht alleine, ihr habt keine Schuld, an nichts! (...) Sagt, was euch passiert ist, sagt es, schreibt es, postet es, schreit es, sprayt es, verteilt es! Macht es öffentlich, nennt die Dine und die Täter beim Namen! Ihr alle habt das Recht, euch jederzeit zu wehren, laut auszusprechen was es ist. Wehrt euch immer, indem ihr Hilfe sucht. Doch was, wenn es keine Hilfe gibt? Dafür gibt es jetzt uns! Ihr seid nicht alleine!
 
Wir sind die Kinder der Kirschblüte!"

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