Sonntag, 30. Oktober 2016

Flammen über Arkadion

 

 
Allgemeines:
 
Titel: Flammen über Arcadion
Autor: Bernd Perplies
Verlag: LYX (13. September 2012)
Genre: Fantasy/ Dystopie
ISBN: 978-38025863/78
Seitenzahl: 528 Seiten
Preis: 6,99€ (Kindle-Edition;
19,99€ (gebundene Ausgabe)
Weitere Bände: "Im Schatten des Mondkaisers";
"Das geraubte Paradies"



Inhalt:


 "Wenn das Licht den Tod bringt, musst du in die Schatten fliehen."
 

Nach dem Großen Krieg sind weite Teile der Welt verwüstet. Angst und Aberglaube beherrschen die Menschen. Nach dem Sternenfall finden viele Menschen Zuflucht in Arcadion. Arcadion ist wortwörtlich das Paradies auf Erden. Erschaffen und regiert vom Lux Dei. Ringsum liegt die Welt in Trümmern, Schutt und Asche. Doch auch Arcadion wird von vielen Übeln bedroht. Allen voran gelten die Invitros als die größte Gefahr für die Gesellschaft.

Die sechzehnjährige Carya lebt mit ihren Eltern in Arcadion, den Ruinen des einstigen Rom. Eines Tages muss sie mit ansehen, wie ein junger Mann von den Schwarzen Templern festgenommen wird. Er soll von der Inquisition gefoltert werden. Voller Wut schießt Carya auf zwei der Inquisitoren und ist fortan auf der Flucht. Ihre einzige Hoffnung ist der junge Templersoldat Jonan, der sein Leben aufs Spiel setzt, um Carya zu retten.
 


Bewertung:


"Auf dieses Zeichen hin schob der maskierte Inquisitor den Wandschirm neben Laura zur Seite und enthüllte ein Metallgestell, an dem zahlreiche Werkzeuge hingen, mit denen ein normaler Mensch Nägel in die Wand geschlagen, Äpfel geschält oder Rosen geschnitten hätte."


Wie ihr vielleicht schon an dem Zitat seht, ist das Buch absolut nichts für zarte Seelen. Es wird gemordet, gefoltert, verstoßen und zu unrecht verurteilt. Und das in dem sogenannten "Paradies auf Erden", der Stadt Arcadion. "Flammen über Arcadion" ist praktisch der Inbegriff einer postapokalyptischen Dystopie. Nach einem großen Unglück, der Sternfall, ist die ganze Welt zerstört, die Menschen finden jedoch Zuflucht in Arcadion und müssen den Errichtern und auch Herrschern, der Lux Die, deshalb Respekt und Anerkennung zollen.

In dieser Welt lebt unsere Hauptperson, die sechzehnjährige Carya. Sie genießt das Privileg, eine höhere Schule besuchen zu dürfen und ist außerdem Mitglied in der Templerjugend, einer Jugendorganisation des Lux Dei. Viel Zeit verbringt Carya mit ihrer besten Freundin Rajael. Diese stellt ihr eines Tages Tobyn, ihren neuen Freund vor. Tobyn jedoch wirkt unruhig und gehetzt. Als er kurz mit Rajael unter vier Augen sprechen will, beobachtet Carya, wie Tobyn ihrer Freundin etwas zusteckt. Dann verschwindet Tobyn, ohne sich zu verabschieden.

Bei einem Ausflug der Templerjugend in den Lichtdom, trifft Carya das erste Mal auf Jonan. Bei einem kurzen Blickkontakt mit Jonan fährt es Carya durch Mark und Bein. Was hat das zu bedeuten? Jonan ist immerhin ein schwarzer Templer, Mitglied der Elitegarde Arcadions.
Jonan trifft bei einem späteren Einsatz in einem Chemielabor auf Tobyn, verwundet ihn und nimmt ihn gefangen. Doch was wollte dieser Tobyn im Invitrolabor?

Am nächsten Tag will Rajael dringend mit Carya sprechen. Sie braucht ihre Hilfe. Rajael weiht Carya in Tobyns Geheimnis ein. Tobyn ist ein Invitro, ein Künstlicher, welche die Regierung so erbittert verfolgt. Rajael bitte Carya um Hilfe. Sie weiß, dass sie Tobyn nicht retten kann, aber sie möchte ihn ein letztes Mal sehen. Carya gelingt es, eine Einladung zur Verhandlung des Invitros zu erhalten. Zusammen mit ihrer Freundin sitzt sie in einer der Zuschauerlogen. Doch dann kommt es zu einem Zwischenfall. Rajael hat Carya offensichtlich nur benutzt. Carya handelt intuitiv und schießt auf zwei Templer. Den beiden Mädchen gelingt es, aus dem Gebäude zu fliehen. Doch nun verändert sich Caryas Leben schlagartig. Und plötzlich erhält sie von unerwarteter Seite Hilfe...


"Ein halb entkleideter Haufen Mensch lag dort in einer Lache aus Blut, die im Schein der Sonne beinahe unnatürlich schön rot leuchtete."


Sehr bald merkt man, dass Arcadion alles andere als schön, gerecht und gut ist. Des Öfteren läuft es einem eiskalt den Rücken hinunter und angesichts der himmelschreienden Ungerechtigkeiten möchte man am liebsten laut fluchen und das Buch gegen die Wand werfen.

Der Beginn des Buches hat mich ehrlich gesagt nicht sonderlich für sich eingenommen. Sehr
genau und schleichend wird man recht langatmig in den Alltag  Caryas in Arcadion eingeführt. Aber mit höherer Seitenzahl wurde alles schlagartig spannender. Gerade als ich zu der Meinung gelangt war, dass wohl nicht mehr allzu viel passieren würde, wurde ich überrascht. Mit einer hundertachtzig-Grad-Wende drehte sich die ganze Situation komplett. Plötzlich hielt ich das Buch wie gebannt in meinen Händen und war aufgrund der vielen unabwägbar Wendungen absolut gefesselt. Immer wenn ich dachte, ich weiß wie die nächste Szene ablaufen würde, hat der Autor dann eine für mich unvorhersehbare Wandlung eingebaut. Diese Entwicklung hatte ich nach dem doch etwas seichten Einstieg nicht mehr erwartet!

 Bernd Perplies lässt Carya und Jonan abwechseln Szenen aus ihrer Sicht erzählen. Dabei verwendet er den personalen Erzählstil und beschreibt die Gefühls- und Gedankenwelt beider Charaktere passend.
Die Hauptprotagonistin Carya ist fest in die Welt Arcadions integriert und wird von einem Tag auf den anderen aus ihrem gewohnten Leben gerissen. Sie wirkt am Anfang etwas naiv, hat Vertrauen in die Richtigkeit ihres Systems und wagt nicht zu Zweifeln. Im Lauf der Geschichte erkennt sich jedoch die Falschheit der Regierung und ist entsetzt darüber. Sie entwickelt eine gehörige Portion Selbstbewusstsein, Intelligenz und Stärke. Sie ist so mutig, für ihre Überzeugungen einzustehen und die notwendigen Konsequenzen zu tragen, was an manchen Stellen vielleicht ein wenig stur, aber umso sympathischer rüberkommt. Sie bereut ihre Taten nicht und glaubt an die Richtigkeit ihrer Handlung. Und auch dem Leser ist bewusst, das es so nicht weitergehen kann. Denn wenn niemand sich auflehnt, dann wird es immer weitergehen mit der Ungerechtigkeit.

"Nichts geschieht ohne Grund", erklärte der Priester. Denn das Unrecht wächst nur und wird größer, wenn sich keiner dagegen erhebt."


Jonan ist ein von der ersten bis zur letzten Seite durchgehend einprägsamer und präsenter Charakter. Trotz seiner anfänglichen Zugehörigkeit zur "falschen Seite" fand ich ihn gleich super. Er möchte die Position, die er innehat, eigentlich gar nicht, hat sie aber auf Wunsch seines Vaters dennoch angetreten. Er vertritt die vom Lux Dei vorgegebenen Ideale nicht und kommt seinen Aufgaben manchmal nur widerwillig nach. Als er seine Moral über sein Pflichtgefühl und die Loyalität seinem Vater gegenüber siegen lässt und eine richtige, lebensrettende Entscheidung trifft, ändert sich auch bei ihm alles. Er wird zum Gejagten, einem Rebell und Gesetzbrecher wie Carya. Sehr ruhig und bedacht wirken alle seine Entscheidungen.
"Ich werde an deiner Seite sein", flüsterte er. "Bis zuletzt".
Natürlich gibt es noch eine Vielzahl weiterer genialer Charaktere, die alle authentisch und interessant gezeichnet sind, doch in diesem Buch ist es ein wahres "Kommen und Gehen" von Charakteren, die man ins Herz schließt, dass ich das hier kaum auflisten kann. Das die "Guten" immer wieder herbe Rückschläge erleiden und immer wieder liebgewonnene Personen sterben, ist der realistische und zugleich etwas ernüchternde Teil der Dystopie. Man kann sich nicht wie bei anderen Büchern auf der Gewissheit ausruhen, dass der Autor sowieso keinen sterben lässt, sondern muss der Wahrheit ins Auge blicken. Durch diese Grausamkeit und Ernüchterung wird dem Leser das wahre Ausmaß des Machtmissbrauchs und der Unrechtsherrschaft erst so richtig vors Auge geführt.

Ich habe die Handlung mit Spannung verfolgt und wollte eigentlich gar nicht mehr aufhören zu lesen. Im Buch taucht zudem ein Rätsel auf, das wohl erst ein einem der beiden Folgebände gelöst werden wird, das aber schon in diesem Band eine wichtige Rolle spielt.

Das Cover dieses Buches ist ein richtiger Hingucker! Es ist in schlichten Farben gehalten, sehr düster mit einer in rot strahlender Stadt und zeigt als Motiv im Vordergrund eine Hand mit einer zerbröselnden Rose. Ich denke, dass es sich dabei um die sogenannte Ascherose handelt, auf die im Buch noch zurück gekommen wird.
Ebenso muss ich erwähnen, dass den Leser beim Aufklappen des Buches eine wirklich gelungene Überraschung erwartet: sowohl vorn und auch im hinteren Innenbuchdeckel zeigt sich die Illustration einer dunklen, untergehenden Stadt, Pferde, die ein Auto ziehen, eine Festung mit roten Fahnen geschmückt. Welche dann aber auch der einzige Farbtupfer in dem insgesamt düster gehaltenen Bild sind.
"Und genau deshalb möchte ich dich warnen. In Systemen wie dem Lux Dei gibt es nur zwei Sorten von Menschen: Herrscher und Diener. Die Herrscher verfügen über eine Macht, die sie vor vielem beschützt, das einem normalen Menschen zum Problem werden könnte. Die Diener dagegen sehen sich der ständigen Gefahr ausgesetzt, zum Opfer zu werden, wenn das System Opfer fordert. [...]"

Außerdem positiv aufgefallen ist mir, dass der Roman auf geographischen, historischen, (kirchen-)politischen und psychologischen Realitäten aufbauen, die die Geschichte absolut glaubhaft machen. In Arcadion erkennt man unschwer Rom, beziehungsweise die Vatikanstadt, mit seinen Hügeln, seinen Straßenzügen, dem Tiber, der Engelsburg und einem riesigen Dom im Mittelpunkt der Stadt. Wie um die Hinweise noch zu verdeutlichen liegt Arcadion laut Autor auf einem stiefelförmigen Land und auch die Menschen dort haben italienisch klingende Namen.

Die Inquisition der Kirche des Mittelalters ist ebenso deutlich zu erkennen, wie die Auswirkungen der Macht, das Beherrschen der Menschen durch Angst und Drohung, die Angepasstheit der Bevölkerung, das "Nicht-Wissen-Wollen" der meisten. Die Ablehnung gegen alles Neue, Unbekannte ist nicht neu erfunden sondern kann in jeder geschichtlichen Dystopie gefunden werden. Das schiere Abscheu des Lux Dei gegenüber den Invitros, den künstlich in einem Reagenzglas gezüchteten Menschen ist so ein Beispiel.
Das alles lässt die Geschichte solide und glaubwürdig erscheinen und gibt den Locations zusammen mit dem Stil ein sehr mittelalterliches und historisches Flair.
"Der Sternenfall traf uns, weil die ganze Menschheit fehlerbehaftet war. Das galt für die Invitros noch mehr als für uns Kinder Gottes. Und es gilt noch heute. Solange die Invitros unter uns sind, steckt ein Dorn der Sünde in unserem Körper und verhindert dessen vollständige Reinigung und Genesung. Sie sind ein Erbe der alten Zeit, der Zeit, die wir hinter uns gelassen haben."


Nun noch ein paar Worte zum Schreibstil. Da ich noch kein Buch des Autors Bernd Perplies gelesen habe, lässt sich schlecht sagen, ob dieser einfach super an die Geschichte angepasst wurde oder ob dieser etwas eigentümliche Stil einfach seine Art zu schreiben darstellt. Ich war nach kurzer Verwunderung jedenfalls davon angetan. Wie er die Umgebungen, Personen und Geschehnisse zeichnet, wirkt sehr altertümlich, ich würde mal behaupten mittelalterlich, ab und an sogar ein befremdlich. Durch die Wortwahl erzeugt er diesen Effekt und lässt alles seltsam rund und stimmig erscheinen. So ist das Licht Gottes, abgeleitet vom Lux Die, zum Beispiel ein ständiger metaphorischer Begleiter und auch sonst ist die Ausdrucksweise schlichtweg andersartig und perfekt verwoben mit der erdachten Welt. Ich hätte mir für diese Art von Geschichte keinen besseren Stil wünschen können. Er trägt die gesamte Atmosphäre und lässt die Protagonisten mit all ihrer Emotion darin richtiggehend aufblühen.

"Das Licht Gottes scheint auf alle empfindungsfàhigen Wesen herab"

Der Showdown am Ende wird so nervenaufreibend geschildert, dass die Spannungskurve noch einmal einen enormen Ausschlag erlebt und dem Leser ein fulminantes Ende beschert. Gleichermaßen abwechslungsreich, kriegerisch, blutrünstig, spannend wie tiefsinnig schließt das Buch.

Obwohl "Flammen über Arcadion" keinen direkten Cliffhanger besitzt, wird man dennoch sehnsüchtig dem nächsten Band dieser Reihe entgegenfiebern, denn dieses Buch bleibt in Erinnerung und man möchte einfach nur wissen, wie Bernd Perplies die Geschichte um Carya und Jonan weiterspinnt. Die Frage ob ich die weiteren Teile lesen werde ist also hinfällig, bleibt nur noch zu überlegen wann!
Mit einem wunderschönen und in dem passenden Kontext unglaublich traurigen Zitat möchte ich diese Rezension schließen:


"Die Sterne, die am hellsten brennen, mögen als erste verglühen."


Fazit:

Dieser postapokalyptische Auftakt einer opulenten neuen Dystopie-Trilogie hat mich vollkommen überzeugt und konnte mich dank der Andersartigkeit des Stils, der Charaktere und den vielen interessanten Ideen begeistern.
 

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