Freitag, 28. Oktober 2016

Rauklands Schwert


 


Allgemeines:

Titel: Rauklands Sohn
Autor: Jordis Lank
Verlag: Verlagshaus el Gato (3. Juni 2014)
Genre: Mittelalterlicher Abenteuerroman
ISBN978-3943596434 
Seitenzahl: 350 Seiten
Preis: 5,99€ (Kindle-Edition)
13,90€ (Taschenbuch)
Weitere Bände: "Rauklands Sohn"
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Inhalt:
 
"Ronan schlang die Arme um die Knie und verkroch sich tiefer unter drei Lagen Wolle. doch gegen die Kälte in seinem Inneren halfen weder Decken noch Toröfen. Raukland. Ein Albtraum, der ihn aus dem Schlaf riss."
 
Lannochs langer Winter ist hart für Ronan, der härteste seines Lebens. Hin- und hergerissen zwischen Rauklands Schicksal, seiner Sorge um Hannah und einem Leben an Eilas Seite, weiß Ronan nicht länger wohin er gehört. Verzweifelt versteckt er sich auf Lannoch, während Raukland unter der grausamen Regentschaft von Broghan zu Grunde zu gehen droht. Sein Entschluss, seine alte Heimat für immer zu vergessen, wird endgültig zunichte gemacht, als am Horizont raukländische Schiffe sichtbar werden. Als alles verloren scheint, wird Ronan klar, dass er sich Broghan und seiner Bestimmung stellen muss...

 

Bewertung:

 
 DISCLAIMER: Da dies der dritte Band einer Trologie ist, können mögliche Spoiler über den ersten und zweiten Teil nicht ausgeschlossen werden!

 
Was die äußerliche Aufmachung angeht, kann ich mir nur wiederholen.  Das Cover ist ähnlich wie bei seinen Vorgängern "Rauklands Sohn" und "Rauklands Blut".  Zu sehen ist in recht dunkler und bedrohlicher Atmosphäre eine trutzige Burg auf einem Hügel, darunter das Meer oder ein See, im Vordergrund ein edel glänzendes Schwert. Nachdem ich das Cover im ersten Teil als Burg von Lannoch gedeutet hatte, im zweiten Teil eher zur raukländischen Fehdorn Ghan tendierte, bin ich nun wieder zu Lannoch gewechselt. Doch was auch immer die Burg darstellen soll, die Grundatmosphäre der Bücher ist perfekt getroffen.


"Ich schwöre, dass ich Rauklands König sein werde", sagte er laut. Jedes einzelne Wort klang in seinem Inneren wie der Nachhall eines Glockenschlags. "Der König eine Landes, in dem Frieden mehr zählt als Blut."


Dieses Mal ist das Cover ganz in dunklen Grüntönen gehalten, was Hoffnung symbolisieren könnte. Wieder muss ich aber kritisieren, dass ich es etwas zu "Doku-mäßig" empfand und mich an den Vorspann von Terra X erinnert sah. Natürlich ist es sehr passend und hübsch gestaltet, hätte aber meiner Meinung nach noch etwas mehr Potential gehabt. Die Gestaltung rund um das Buch aber ist sehr liebevoll und hochwertig. Spannende Leseproben, hübsche Lesezeichen mit "Gänsehautsätzen", ein toller Buchumschlag mit praktischer Leselasche und nicht zuletzt die hochwertigen, dicken Seiten mit der angenehmen Schriftart in breiter Bedrückung, haben mein Leseerlebnis angenehm abgerundet.
 
Was mich wieder absolut begeistert hat, sind die Outtakes am Ende des Buches. Ich denke, diese Besonderheit des Buches, wird jedem positiv aufgefallen sein. Oder habt ihr schon mal ein Buch gesehen, an wessen Ende verpatze Sätze und Abschnitte, witzige Vertipper und kleine und größerer Logikprobleme angeführt sind? Bestimmt nicht! Ich habe mich natürlich wieder sehr darauf gefreut und herzlich gelacht. Denn wie die Autorin selbst schreibt:

"Was macht ein Raukland-Buch erst komplett? Genau, die schrägen Vertipper der Autorin mit den zu schnellen Fingern :)"
 

Das Buch habe ich theoretisch geradezu verschlungen. Warum bloß theoretisch - ich habe mich fast nicht getraut es zu Ende zu lesen. Für meinen Geschmack war die wundervolle Trilogie viel zu schnell wieder vorbei und der Abschied von all den liebgewonnen Charakteren fiel mir ausgesprochen schwer. Ich habe mich wirklich sehr gefreut, wieder nach Raukland zurückkehren zu dürfen, war aber gleichzeitig schon ein bisschen wehmütig ... denn ich wusste natürlich, dass es das letzte Mal sein würde.


"Gibt auf Lannoch acht, Eila!"
"Geht nicht!", flüsterte sie.
"Ich komme zurück", hauchte er."


Doch beginnen wir doch am Anfang! Nachdem Ronans grausamer Halbbruder Broghan König von Raukland geworden ist, sah sich Ronan gezwungen ins Exil auf seine Insel Lannoch zu fliehen. Obwohl eigentlich alles so sein könnte, wie er es immer wollte, kann er einfach nicht vergessen. Er wollte nie die Verantwortung, die es mit sich bringt, König von Raukland zu sein und könnte nun mit seiner Eila glücklich werden, doch das Schicksal und Broghan lassen ihn nicht so leicht gehen. Am Anfang war es sehr schön, endlich wieder in Lannoch zu sein, all die liebgewonnenen Charakter wieder zutreffen und altbekannte Orte noch einmal zu besuchen. Doch die Freue währte nicht lange, denn während Merin dem Tod näher ist als dem Leben, tauchen plötzlich raukländische Schiffe am Horizont auf und die Inselbewohner müssen abermals Schutz in der Deckung der thermischen Höhlen auf Lannoch suchen. Fürs Erste sind sie dort sicher, doch die Belagerung zieht sich, zeiht sich,.... und zieht sich. Als ihm klar wird, was oder wen die Soldaten auf Lannoch wollen, kann er sich einfach nicht mehr verstecken und somit alle in Gefahr bringen. Seine geliebte Schwester Kiara in Gefahr wähnend, macht er sich schließlich nach einer Drohung eines Soldaten doch überstürzt auf den Weg nach Raukland. Ronan will eigentlich nicht um etwas kämpfen, das ihm nicht gehört, doch angesichts all des Leids, das er dort sieht, fällt es ihm schwer, gleichgültig zu bleiben. Da kommen ihm die aufgebrachten Bauern ganz recht, die sich erheben und einen Aufstand planen...


"Zerlumpte Kinder und gekrümmte Alte streckten ihm die Hände entgegen, Frauen boten ihre Körper feil. Es waren so viele, viel mehr als früher. Von einem Bauernaufstand war hier nichts zu spüren. Es war nicht der Geist der Rebellion, der diesen Menschen ins Gesicht geschrieben stand: Es war Hunger und der Kampf ums Überleben."


Sehr mitreißend wird die Geschichte zu Ende erzählt, ein langes Abenteuer voller Schrecken, Angst, Mut, Liebe, Hass, neuen Freundschaften, Versprechen und viel Herz. Der Weg, den die Protagonisten gehen müssen ist mal wieder nicht sehr einfach sondern verwinkelt, steinig und schwer. Rückschläge, überraschende Wendungen und viele "OMG-Momente" lassen den Leser dabei fast verzweifeln.


Denn in diesem Buch bedient sich Jordis Lank so ziemlich allen Mitteln, um ihre Leser scheinbar zu quälen. Einer meiner absoluten Lieblingscharakter stirbt tragisch, Ronan leidet unter einer wirklich authentischen Zerrissenheit zwischen zwei Frauen, ein Rückschlag oder falsche Entscheidung folgt auf die nächste und viel Blut, Schweiß und viele Tränen müssen vergossen werden, bis endlich alles so ist, wie es sein sollte. Das Happy End lässt wirklich sehr lange auf sich warten, ... doch es kommt, und das ist es, was wichtig ist!

Die Spannung - mir kommt es fast überflüssig vor, das jetzt noch zu sagen - ist natürlich die ganze Zeit sehr hoch, was es mir sehr schwer gemacht hat, das Leseerlebnis so lange wie möglich hinauszuzögern. Ich bin eigentlich ein absoluter Schnellleser und überfliege aus Versehen oft ganze Kapitel, doch bei diesem Buch habe ich versucht, mir die Zeit zu nehmen, ganz bewusst zu lesen. Das Ergebnis war ein ultra intensives Abenteuer, das mich durch die ganze Gefühlspalette hindurchbegleitet hat.


"Alles kam zurück. Der Rauch, der ihm das Atmen schwer machte. Die hilflose Verzweiflung, mit der sein Herz gegen seine Rippen schlug. Die ohnmächtige Wut, die ihn schüttelte, bis er glaubte zu zerspringen..."

 
Die Charaktere haben mich wieder bezaubert. Immer noch wird abwechselnd aus der Sicht von den verschiedenen Protagonisten erzählt, weshalb man einen guten Überblick über die Geschehnisse erhält. Auf Ronan wird aber dieses Mal ein klarer Fokus gesetzt, bloß für Eila wird seine Perspektive einige Male unterbrochen.

Ronan hat es mir sehr angetan, wie ich nicht genug betonen kann. Schon von klein auf, mutterlos und alleine, wurde er von seinem Lehrmeister Zhodan hartnäckig und schonungslos dazu erzogen, ein König und Krieger zu werden, weshalb er immer noch nach zwei entwicklungsreichen Teilen Schwierigkeiten hat, sich zu öffnen und vor allem: Zhodan als seinen Vater zu akzeptieren. Durch viel Schmerzen, einige Rückschläge, viele verrückte und hirnrissige Aktionen, Ungerechtigkeiten, Auflehnung, Mut und Vertrauen entwickelt er sich immer weiter auf seinem Weg. Trotzdem schafft er es immer noch die ganze Zeit authentisch der selbe junge Ronan Carinn zu bleiben, den man am Anfang kennengelernt hat und das stelle ich mir für einen Autor sehr schwierig vor.
Während er sich im ersten Teil von selbstverliebten Königssohn auf einem langem und steinigen Weg zu einem Freund und Verbündeten entwickelt hat und im zweiten Teil zwischen seiner neuen Art, seinen Freunden, seinem eigenen Glück und der Verantwortung gegenüber Raukland entscheiden musste, steht er im dritten Teil wieder vor einer unglaublichen Verantwortung und am Ende sogar vor dem Tod. Lange hadert er mit der Rebellion, die seine Zwillingsschwester Kiara angezettelt hat, will nicht um etwas kämpfen, das ihm nicht gehört, doch angesichts Broghans Grausamkeit und Rücksichtslosigkeit, die Raukland in den Ruin zu treiben droht, rafft er sich zusammen.


"Irgendwo muss es einen Anfang nehmen!", hatte Kiara gesagt. Doch eine Rebellion wurde mit Blut bezahlt und das meiste davon würde in ihren Reihen fließen. Er hatte kein Recht das Leben all der Männer und Frauen aufs Spiel zu setzte. Raukland war nicht länger sein Land. (...) Broghan zu stürzen verlangte, mit dem Wissen in den Tod zu gehen, dass die eigenen Kinder als Waisen aufwuchsen. Es verlangte, für diejenigen zu sterben, die neben einem marschierten. Es verlangte, unter Folter zu schweigen um die zu schützen, die weiter machten. Diese Schlacht würde nicht mit Waffen entschieden werden, sondern mit dem Herzen. Wie sollten sie siegen, wenn nicht einmal seines für den Kampfs schlug?"


Beim Lesen habe ich mich manchmal gefühlt, wie eine besorgte Mutter, die ihm am liebsten ordentlich in den Hintern getreten und wachgerüttelt hätte, wenn er mal wieder kurz davor stand, sich falsch zu entscheiden. Jordis Lank macht es ihm wirklich nicht einfach, lässt viel leiden, mitfühlen, hassen, kämpfen und trauern und wir lieben ihn für seine ganz eigene Art, all das durchzustehen. Als er am Ende endlich zu verstehen scheint, Zhodan als seinen Vater anerkennt und seine Bestimmung annimmt, war ich unendlich erleichtert. Lange Rede, kurzer Sinn: Er ist einfach ein unglaublich sympathischer, sich wandelnder und auch stur moralischer Charakter, der für seine Lieben mit allen Mitteln kämpft.

Liam hat endlich auch wieder eine kleine Rolle zu spielen, nachdem ich ihn im zweiten Teil so schmerzlich vermisst habe. Er kämpft immer noch mit seiner Angst, schafft es aber nach und nach den Feigling in ihm zu besiegen und sich schließlich sogar zu opfern - wer jetzt schon Angst um seinen Lieblingscharakter bekommt: NEIN, er ist es nicht, der stirbt, sondern bekommt auch sein Happy End.

Ich habe in meinen vorherigen Rezensionen schon erwähnt, dass ich Eila, die kratzbürstige Prinzessin Lannochs nicht so ganz mochte. Mit ihrer recht naiven und draufgängerischen Art ist sie mir in Band 1 und 2 schon ordentlich auf den Nerven herumgetanzt. Natürlich liebe ich ihren widerspenstigen und freiheitsliebenden Charakter, doch auch in diesem Buch scheint sie erst sehr spät erwachsener zu werden. Sie leidet sehr unter dem Tod ihres Großvaters Mein, der ihre einzige Familie war, nachdem ihre Eltern bei einem Schiffsunglück umkamen. Leider wird sie mir hier etwas zu sehr von einem Protagonisten zu einem Druckmittel degradiert. Recht ruppig wird sie von einer Seiet zur anderen geschoben, ausgetauscht, gefangen gehalten und weit weg in Sicherheit abgeschoben. Das ist recht realistisch in so einer Situation und zeigt anschaulich die Skrupellosigkeit Broghans, aber auch, was Ronan alles zu tun bereit ist, um die, die er liebt zu schützen.


"Ronan, der wahre König. Das war es, was sie riefen, während sie die Fäuste in Richtung Fehdorn Ghan schüttelten. (...) Nun sah er, dass Kiara recht gehabt hatte. Wenn er nur genügend Bauern dazu bringen konnte, sich ihm anzuschließen, konnte ihre schiere Masse Broghans Männer bezwingen."
 

Worüber ich zuerst leicht angesäuert war, ist die sich entwickelnde Dreiecksbeziehung. Ich fürchtete, das das Buch, welches bisher von jeglichen Klischees oder typische Handlungssträngen eines "Frauenbuchs" abgesehen hatte, nun doch in Gewohntes abrutscht und seinen geist- und abwechslungsreichen Touch verliert. Ronan findet sich, wie schon im zweiten Teil angedeutet, in einem Dilemma wieder. Einerseits hat er Eila verspochen, sie zu heiraten, liebt sie und will im Grunde seines Herzens ein ganz "normales" Leben mit ihr führen. Doch da ist auch Hannah von Angent...


Zuerst ist sie für ihn nur ein kluger Schatzung, bloß Prinzessin und Kronerbin eines riesigen Landes, welches sich im Krieg mit Raukland befindet. Sie zu heiraten und die beiden Mächte zu vereinen, würde Frieden in die ewige Feindschaft bringen. Doch als sie und ihr Vater, König Bellingor von Agent in die Fänge Broghans geraten und Ronan erfährt, dass er gar nicht Rauklands Thronerbe ist, rückt dieser Aspekt in den Hintergrund. Stattdessen fühlt er sich immer mehr zu Hannah hingezogen, lernt ihre ruhige und sanfte Art zu schätzen, nicht ihre Stellung und ihr Erbe. Sie ist zwar blind, bemerkt jedoch mehr von der Welt, als es eine Sehende jemals vermocht hätte und hat so ein sehr zartes, einfühlsames und intelligentes Wesen. Als Broghan sie zwingt, ihn zu heiraten, geht sie keineswegs unter der Bürde ein, sondern entwickelt als Königin von Raukland eine bemerkenswerte Stärke und Willenskraft. In der recht kurzen Rolle, die sie innehatte, ist sie mir schon im vorherigen Band sehr ans Herz gewachsen, für mich kam aber auf gar keinen Fall in Frage, dass Ronan sich für sie entscheidet - obwohl ich sie lieber mochte als Eila. Wie genau er sich entscheidet, will ich natürlich ein Geheimnis lassen. Am Ende ist die ganze Sache dann recht elegant gelöst, was mich auch überzeugt hat. Leider macht Jodis Lank es sich etwas zu einfach dabei. Da ich bei Happy Enden aber immer recht sentimental werde, hat es mir trotzdem gefallen.


"Ronan schnappte nach Luft. "Er ... er liebt Euch?" Er hörte Hannah atmen. Er hörte sich selbst atmen, viel zu schnell. Das Bild von Hannah und Broghan, beisammen im Turmzimmer, stand vor ihm in der Dunkelheit. Wie konnte sie all das ertragen und ihn dennoch in Schutz nehmen? Sie legte die Hand an seine Wange und strich mit dem Daumen darüber. "Er weiß nicht wirklich, was liebe ist, Ronan.", sagte sie leise. "Nicht so wie Ihr und ich."


Über Broghan habe ich ja jetzt schon ganz viel geredet, will aber seinen Charakter noch einmal etwas genauer erläutern. Im Grunde ist er einfach ein scheußliches, grausames und vernachlässigtes Kind, das sich nach Liebe und Aufmerksamkeit sehnt. Ich habe ihn wirklich gehasst, wie bestimmt jeder Leser dieser Reihe, doch es mischte sich auch tatsächlich etwas Mitleid unter den Abscheu. Auch Hannah schafft es, ein kleines Fünkchen Verständnis für den Fiesling aufzubringen und so verliebt sich Broghan in sie. Man glaubt kaum, dass er wirklich dazu fähig ist, zu lieben, doch es schient, als ob sie ihm wirklich am Herzen läge. Wie schon gesagt finde ich den, oft als Erklärung in Betracht gezogenen Aspekt, seine Grausamkeit läge ihm einfach im Blut, recht weit hergeholt. Solche Wesenszüge lassen sich meiner Meinung einfach nicht vererben. Da er sich aber immer mehr in seine Rolle hineinsteigert, keine Grenzen kennt und schließlich fast verrückt wird, denke ich, dass diese Schreie nach Beachtung eher von seiner missratenen Kindheit herrühren.
 
 
"Was habe ich von dir mitbekommen?", flüsterte Ronan. Zhodan sah auf ihn herunter.
"Sturheit", sagte er.
Ein seltenes Lächeln kroch in seine Augen. Sturheit. Das Wort warf ein Echo, das etwas in Ronan zum Schwingen brachte. Es kroch seinen Hals hinauf, legte sich auf seine Lippen und dann lächelten sie einander an, das erste Mal seit Jahren."
 

Zhodan öffnet sich endlich Ronan gegenüber und so bekommt auch der Leser zum ersten Mal mit, dass der gefühlskalte und tapfere Fechtmeister doch tatsächlich Gefühle hat. Es wird von seinem inneren Konflikt erzählt, seine Entscheidungen beleuchtet und obwohl ich ihn zu Beginn noch für seine Entschlüsse und das Handeln in der Vergangenheit verurteilt habe, begann ich gegen Ende zusammen mit Ronan seien Beweggründe zu verstehen und zu akzeptieren. Denn als sich die verbliebenen Seiten dem Ende zu neigten, begann sich alles zu wiederholen. Es passiert Ronan genau dasselbe, wie Zhodan damals, was sehr rührend zeigt, dass sich alles wiederholt. Doch eine wesentliche Sache ist grundlegend anders: Es endet diesmal gut!

Wieso genau die Trilogie mit dem Genre "Fantasy" betitelt wurde, blieb mir immer noch schleierhaft. Ich habe unzählige Rezensionen gelesen, die sich begründen "der Plot berufe sich nicht auf wahre Ereignisse sondern sei frei erfunden". Das stimmt natürlich, doch ein Krimi oder ein Romanze zum Beispiel beruht auch nicht auf wahren Begebenheiten sondern ist erfunden, deshalb bleibt es trotzdem ein Krimi oder eine Romanze und kein Fantasy-Roman. Das Setting der Raukland-Trilogie ist eher historisch angehaucht und erinnerte mich durch die Lebensart und Epochenbeschreibung sehr an ein mittelalterliches Skandinavien. Ritterburgen, große Imperien mit König, die sich praktisch ständig im Krieg befinden, Handel mit entlegenen Ländern, Helden auf Pferden und edle Prinzessinnen. Natürlich wird ein ähnliches Publikum angesprochen, welches auch Fantasy liest, die Geschichte ist erfunden, doch dann hören meine Argumente für die Betitelung mit "Fantasy" auch schon auf. Ein historischer Roman ist es nicht, da stimme ich den vielen Leserstimmen zu. Deshalb habe ich mir also die Freiheit genommen "Mittelalterlicher Abenteuerroman" als Genre festzulegen. 


"Links, rechts. Links, rechts. Auf dem Waldboden tanzten Sonnenkringel. Das grelle Licht flirrte vor Ronans Augen. Seine Haut war heiß, sein Mund trocken. Das Pochen in seinen Schläfen spürte er am ganzen Körper.
Liam, dachte er bei jedem Schritt. Eila.
Liam. Eila.
Übelkeit kroch in ihm empor. Der Waldboden schwankte. Das letzte, was er hörte, war Kiara, die seinen Namen rief."




Was den Schreibstil und die Gestaltung rund um die alleinige Handlung angeht, kann ich mich nur wiederholen. Sehr klar und direkt verlieren sich die Formulierungen nie in endlosen und unnötigen Schnörkeln, bleiben aber malerisch und detailliert dabei. Dieser unglaublich schwierige Spagat zwischen ausschweifenden Landschaftsbeschreibungen und Spannungsaufbau schafft Jordis Lank meisterhaft und ließ mich so das Buch wieder flüssig und ohne Pause lesen. Mitreißend und lebendig wird ein raues, vielseitiges Land erschaffen, das wie seine Charaktere sich immer wieder entwickelt, größer, handfester und bildhafter wird. Durch die Wahl der Schauplätze als dunkle, aber belebte Burgen mit trutzigem Flair, sowie der Umgangsrichtlinien und Lebensweisen ihrer Bewohner erhält das Buch einen Hauch von mittelalterlicher Romantik, die die Handlung nie abgehoben und fiktiv erscheinen lässt, sondern einen echten Touch und Greifbarkeit vermittelt. Eine zeitgemäße Begriffsverwendung sowie der majestätische Plural heben die Authentizität und Vorstellungskraft noch einmal hervor. Ausführliche Beschreibungen und bildgewaltige Details müssen leider zugunsten des Erzähltempos etwas zurückstecken, vermindern den Lesegenuss aber um kein Stück.
 
Die Hintergründe sind zudem wieder einmal sehr gut recherchiert. Man kann in der Art und Weise, wie alles geschildert ist, eine gewisse Tiefsinnigkeit erkennen, welche von einem großen Wissen und einer Begeisterung zu dem Thema erzählt. Was Kriege, Pferde und Kampfkunst angeht, sitzen Details absolut sattelfest und wurden durch viele, von Profis gegengelesenen und auf Praktikabilität überprüften, extra Punkten ausgebaut. Was Schwertkampf und Bogenschießen anging, so schienen mir auch diese Szenen wieder sehr authentisch und wohl durchdacht. 


Beim Ende jedoch herrscht ordentlich Redebedarf! Wie schon erwähnt, macht sich die liebe Jordis die Lösung recht einfach. Doch auch von der Länge gesehen war ich etwas enttäuscht. Natürlich ist es ganz nett ausgearbeitet, aber für mich blieb es etwa zu vage. Der Showdown nimmt sehr viel Platz ein, überzeugte und brachte mein Herz zum Rasen und meine Augen zum Tränen, doch was danach kommt wird mit wenigen Sätzen abgespeist. Man trifft endlich Shea, Ronans verschollene Mutter, erfährt dann aber gar nichts über ihre Geschichte oder ihren Charakter. Auch bekommen Zhodan und Ronan gar nicht mehr die Möglichkeit sich auszusprechen. Fragen, die mir irgendwie noch wichtig waren, wurden ganz unter den Tisch fallen gelassen. Was ändert sich in Raukland? Was passiert mit Raukland und ihren Bewohnern? Wie macht sich Ronan in seiner neuen Rolle? Was passiert mit Broghans Sympathisanten? Wird Weißohr sein Pferd? ... Teilweise recht unwichtig, für mich aber relevante Aspekte.


"Fürchtet Ihr den Tod?", fragte Hannah. Er lächelte schmerzlich. (...)
"Nicht den Tod", sagte er. Den würde er mit offenen Armen willkommen heißen, sehr bald schon. "Ich fürchte, was davor kommt."



Dieses Buch hebt sich vor allem durch einen Aspekt sehr von seinen Vorgängern ab: der Dramatik. Neben dem Ausmaß dieses Plottes wirken die beiden anderen Bücher geradezu "Friede-Freude-Eierkuchen-mäßig". Das erste Buch kam mir schon recht düster vor, endete aber in "Selbstfindungs-Manier". Im zweiten Teil änderte sich die Grundstimmung, passte sich dem rauen Raukland an, und wurde grausamer, politischer und von größerem Ausmaß. Doch dieser Teil vereinte die inneren Probleme der Protagonisten, Romantik, eine auf Krawall gebürstete Gesellschaft und ein ausgewachsenes Unrechtsregime auf so prickelnde Art und Weise, dass ich fast der Meinung bin, nie wieder einen "Mittelalterlichen Abenteuerroman" lesen zu können, ohne ihn fade zu finden. Ich bin nun wirklich froh, mir die "legendären Fünf Sterne" aufgespart zu haben, um nun meine Bewertung gegenüber den anderen Teilen noch etwas steigern zu können. Die Autorin schreibt in ihrer Danksagung etwas, was mir wirklich aus der Seele gesprochen hat, obwohl ich "nur Leserin" bin:


"Jetzt, wo ich Ronan, Liam und all die anderen sich selbst überlassen muss, wünsche ich mir, ich könnte die Zeit zurück drehen und all das erneut zum ersten Mal erleben. Es wird andere Geschichten und andere Welten geben. Aber Raukland wird für immer etwas Besonderes sein."


 
Fazit:

Ein letztes Mal durften wir Leser Ronan durch ein Abenteuer voller Zweifel, Niederlagen und neuer Zuversicht, durch Angst, Blut, ungeahnter Freundschaften und neuer Verbündeter begleiten.
Es wird spannend gekämpft, ordentlich gelitten, leidenschaftlich geliebt und genauso abgründig gehasst. Ich habe mitgelitten bis zum Ende und dann einige Tränen vergossen!! Ich kann euch das Buch wirklich wärmstens empfehlen: Begleitet Ronan auf seinem Abenteuer und lasst euch so verzaubern, wie ich es bin.


Also vielen Dank Ronan, Eila, Hannah, Gismo, Zhodan, Kiara, Broghan und natürlich ihre Erschaffern Jordis Lank, dass ich auf diese Reise mitkommen durfte!!!!!

Kommentare:

  1. Hallo,
    ich habe deine lange Rezension sehr genossen. Ich habe die Reihe auch gelesen und rezensiert, aber nicht so ausführlich. Mir gefällt, wie du auf jeden einzelnen Aspekt eingehst, es ist sehr gut zu lesen. Und inhaltlich stimme ich dir 100 pro zu. Du hast wirklich alles schon gesagt :D
    Was das Genre angeht: Mittelalterlicher Abenteuerroman klingt überzeugend, Fantasy ist es nicht wirklich. Ich hab mich zu der etwas umständlichen Bezeichnung "Genreübergreifender, mittelalterlicher Jugend-Coming-of-Age-Fantasy-Roman ohne magische Elemente" verstiegen, aber deine Bezeichnung ist kompakter und besser.
    Zu den weiterführenden Fragen, ein paar hab ich Jordis Lank in meinem Interview gestellt, wenn du gucken magst: http://buchvogel.blogspot.de/2017/03/interview-mit-jordis-lank-raukland.html. Leider die Frage nach Shea hab ich nicht gestellt, dabei hätte mich das auch interessiert. Naja, das Interview ist sowieso sehr ausgeufert :D
    So, ich werd mich nun noch ein bisschen auf deinem Blog umsehen.
    Liebe Grüße
    Daniela

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  2. Liebe Daniela,

    erstmal vielen lieben Dank für deinen langen Kommentar und das nette Lob! Es freut mich immer, wenn jemand ein nicht ganz so bekanntes Buch würdigt, das ich auch toll fand!! ^^
    Mit der Genrebezeichung habe ich es mir echt schwer getan, "Genreübergreifender, mittelalterlicher Jugend-Coming-of-Age-Fantasy-Roman ohne magische Elemente" passt auf jeden Fall super und ist eine gute Umschreibung für das Gesamtthema!!
    Ich werde selbstverständlich sofort das Interview lesen und schauen, was die liebe Jordis zu meinen Fragen zu sagen hat!

    Viele liebe Grüße
    Sophia

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