Donnerstag, 27. Oktober 2016

Nacht ohne Namen

 
 
Allgemeines:
 
Titel: Nacht ohne Namen
Autor: Jenny - Mai Nuyen
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft (1. März 2015)
Genre: Fantasy
ISBN: 978-3423761093
Seitenzahl: 448 Seiten
Preis: 14,99€ (Kindle-Edition)
16,95€ (gebundene Ausgabe)
 

Inhalt:


"Sie helfen dir, wenn niemand für dich da ist. Sie verleihen dir Macht, wenn du am schwächsten bist. Sie erfüllen deine sehnlichsten Wünsche. Egal wie unmöglich. Sie verlangen nicht viel. Nur hin und wieder leihen sie sich deinen Körper."


Nicki ist 15, als sie in der Berliner U-Bahn Canon kennenlernt, der ebenso wie sie gerne zeichnet. Viel wissen sie nicht voneinander, nicht einmal die richtigen Namen. Trotzdem fühlt Nicki sich zu Canon hingezogen. Als sie eines Nachts einen verstörenden Anruf von Canon erhält, macht sie sich auf die Suche nach ihm, obwohl er genau das nicht wollte. Und natürlich gerät Nicki schon bald in Gefahr, denn mit Dämonen ist nicht zu spaßen …
 


Bewertung:


"Als Nicki das Handy in ihre Pullover Tasche zurückschob, stellte sie sich das Gespräch vor, dass sie mit ihrer Mutter geführt hätte, wäre sie interessierter gewesen: 
 "Was hast du denn so Wichtiges zu tun, liebes Kind?"
"Ach, ein Inkubus hat mich aus einer Drogenhöhle gerettet, jetzt gehört ihm mein Körper, aber der Pakt hat ein paar Unstimmigkeiten, die müssen wir noch aus dem Weg räumen."
"Ach so. Ich hoffe, du hast etwas Warmes zu Abend gegessen?"
"Ja, Mutter, der Inkubus hat mich eingeladen."


Dieses Buch ist sehr schwierig zu bewerten. Einerseits stand mir ein sehr ausdrucksreicher Schreibstil, viel Mystik und eine geniale Idee gegenüber, andererseits wirkte aber die Handlung etwas zu konstruiert, kompliziert und die Charakter konnten mir nicht wirklich zusagen. Zu Beginn hat es mich sehr gefesselt, doch irgendwann habe ich einfach nichts mehr verstanden. Ich verstehe also die Leser, die sehr von dem Buch schwärmen, wahrscheinlich sind sie einfach nur schlauer als ich.  ;)

Das Cover ist zwar recht hübsch anzusehen und von den Farben her ansprechend, allerdings passt es für mich nicht zum Buch. Der Titel neigt sich leicht nach hinten, als würde er verschwinden wollen. Zwischendrin befinden sich ein paar unordentliche rote Flecken, wie Blut. Dahinter ist ein Mädchen zusehen, vermutlich Nicki, und die Skyline von Berlin. Die Ränder sind geschwärzt, als greift die Nacht nach der Stadt. Das Modelbild hat mir wieder nicht gefallen, da ich mir Nicki sehr anderes vorgestellt hatte.


"Die Unwelt ist ein absonderlicher Ort, wenn man sie überhaupt einen Ort nennen kann. Sie ist der Nabel der Fließwelt und doch kann kein Fließwesen sie betreten, jedenfalls nicht aus eigener Kraft. Ebenso wie Menschen nie ganz im Nabel ihrer Welt stehen, nämlich der Gegenwart, sondern stets an den Grenzen von Vergangenheit und Zukunft wanken.
Ihr hängt an der Zeit und könnt sie nicht wirklich halten, wir hängen im Raum und können ihn nicht wirklich betreten."


Das war mein erstes Buch von Jenny - Mai Nuyen und ihr Stil war zu Beginn etwas verwirrend für mich. Sehr verworren und mit vielen sprachlichen Schnörkeln und Umwegen schafft sie eine Atmosphäre, die super zum Buch passt. Da ich ein absoluter Schnell-Leser bin, musste ich oft nochmal zurück blättern und eine Stelle nochmals lesen, das war aber mehr meine Schuld. Sehr mystisch, metaphorisch und reich an Umschreibungen nimmt sie genauso oft Tempo aus der Geschichte, wie sie es steigert.


"Die Gewalt war ehrlich neben der Liebe, die, verkleidet in romantischen Flitter, geschminkt mit buttrigen Pasten der Fürsorge und behängt mit Eitelkeiten, doch nie lange haltbar blieb. Wenn man die Liebe untersuchte, fand man früher oder später die zersetzenden Bakterien des Neids, der Furcht, des Selbstbetrugs. Die Liebe! Frisiert und mit Kullertränen besprenkelt."


Ich finde, dieses Zitat beschreibt ihren Stil ganz gut, seltsame Wort Kombinationen, irgendwie eigenwillig interessant und doch irgendwie seltsam. Oft versteht man schon nach nochmaligen Nachlesen, was sie meint, doch manchmal dachte ich auch einfach nur "HÄ?". Nicht zuletzt durch Tallis kam etwas Schwung in den Stil und brachte viel Humor mit sich.

"Drei Minuten später saßen sie wieder vor der Eisdiele. Tallis hatte seinen Mantel auf der Toilette gewaschen, er lag neben ihm in der Sonne zum Trocknen. Völlig traumatisiert starrte er in die Ferne. Nicki konnte kaum den Blick von ihm wenden. Er gefiel ihr einfach, wenn er litt.
"Wie ist es eigentlich möglich, dass jemand, der fliegen kann, vom Fahrrad fällt?", fragte sie.
"Ich nehme an, das ist eine rhetorische Frage, deshalb werde ich sie einfach mal einstecken und wann anders rausholen, wenn mir nach Selbstironie ist oder das Klopapier fehlt."

Die Handlung an sich, stand auf sehr wackeligen Beinen. Wie auch der Stil ist der Verlauf des Geschehens alles andere als geradlinig und zerrüttet meine Vorstellungen jedes Mal, wenn ich dachte, ich hätte verstanden, was gerade passiert. Wenige, unrealistische Logiklücken und eine plötzliche Verstrickung in tiefste "Urban-Phantasy" ließen den Plot dann so konfus erscheinen, dass ich kurz davor war, das Buch abzubrechen.

Den Klapptext finde ich absolut unzureichend, da er den wesentlichen Punkt des Buches nicht erfasst. Ich versuche mal das wichtigste zusammenzufassen, das ihr versteht, was ich meine, ohne etwa zu verraten:

Nicki und Canon haben sich zwei Jahre lang zum Zeichnen in der Bahn getroffen, doch wirklich kennen sie sich eigentlich nicht. Nicht einmal ihre Namen wissen sie! Die beiden heißen nicht wirklich Nicki und Canon, sie haben sie diese Namen selbst gegeben, aufgrund ihrer Kameranamen. Eines Nachts wird Nicki von ihrer Mutter ans Telefon geholt. Es sei wichtig. Am Apparat ist Canon, der ziemlich gehetzt klingt und sich von ihr verabschiedet. Er muss weg und sie können sich nicht mehr sehen. Er ruft ihr extra an um sie zu beten, ihm nicht zu helfen, dann kommt sie und sucht ihn?
Aufgrund einer Zeichnung von Canon, kann sie nachvollziehen, wo er wohnt. Sie bricht in seine Wohnung ein und stellt fest, dass er dort offensichtlich alleine wohnt. Sie findet einen Zettel mit zwei Namen. „Titanic“ und „Frau La Psie“. Sie sucht und findet ein Lokal diesen Namens uns fragt nach Frau La Psie. Diese führt sie durch einen Aufzug zu einem seltsamen Ort. Dort wird sie plötzlich von einem Jungen angesprochen, als ob der sie schon ewig kenne. Er reißt sie aus dem Raum und flieht mit ihr aufs Dach. Dort stürzt er sich mit ihr in die Tiefe – und fliegt. Er ist ein Dämon. Geschaffen durch menschliche Gedanken und ausgestattet mit besonderen Fähigkeiten, er ist der einzige Charakter, der mir wirklich zu gesagt hat. Tallis ist charmant und sehr gewieft, er legt Nicki sofort rein und man weiß nicht, ob man ihm trauen kann. Nicht ganz uneigennützig begleitet er Nicki auf ihrer Suche nach Canon, die sie in die "Unwelt" führt. Sie findet dort neue Freunde, muss Pakte mit Dämonen eingehen und ihren Körper vermieten - wie die anderen auch. Manchmal werden mit ihren Körpern Dinge verübt, an die sie sich nicht mehr erinnern können. Verbrechen werden begangen - und schnell sind Nicki und ihre neuen Freunde und Verbündete in Gefahr.


"Zwischen dem, was glänzt, und dem, was leuchtet,
liegt der größte denkbare Unterschied."


Sehr spannend und mitreißend wird alles geschildert, mit viel Phantasie und Einfallsreichtum, doch leider konnte ich nicht mehr ganz folgen.
Der Anfang hat mich sehr mitgerissen und eigentlich liegt der Geschichte eine tolle Idee zu Grunde. Die "Unwelt", die die Autorin beschreibt, ist sehr interessant, die Stimmung sehr düster, mystisch und geheimnisvoll. Durch die vielen abstrakten Geschehnissen, welche wenig greifbar sind, wird es aber bald schwierig, sich alles vorzustellen. Die Idee mit der „Gedanken aussprechenden Wand“ wieder fand ich total großartig, aber vieles andere passte wie gesagt irgendwie nicht ganz zusammen.

Wie ich schon sagte, sind mir die Hauptpersonen zu blass geblieben. Nicki, die die Geschichte aus der 3. Person erzählt, konnte ich mir nicht richtig vorstellen, da sie irgendwie immer knapp außerhalb meiner Fassung blieb. Man bekommt zwar viele ihrer Gedanken und Gefühle mit, doch diese wirkten immer viel zu pessimistisch, fast schon depressiv und einfach nur seltsam auf mich. Das einsame unverstandene Mädchen mit Eltern die sie vernachlässigen und keine Vorbilder für sie waren, so sollte wohl noch Mitleid und Verständnis für sie geweckt werden - hat bei mir aber nicht so ganz geklappt. Sie stand aber auch nicht wirklich im Fokus des Buches, weshalb das eigentlich in Ordnung wäre.

„Weil jede Liebe den Tod enthält, ist das Herz eine Phiole giftiges Parfüm.“
 
Von Canon bekommt man zu wenig mit, um sich überhaupt ein Bild machen zu können und auch seine Freunde sind irgendwie klischeebeladen und selbst dabei farblos und wenig greifbar. Wie gesagt hat mir einzig Tallis gefallen. Obwohl er ein Dämon ist, der raffiniert handelt und eigentlich hinterlistig ist, kommt er nett rüber und man weiß, dass er zu ihr halten wird, wenn es hart auf hart kommt. Mit seiner sarkastischen und humorvollen Art hat er mich etwas an Roth aus "Dark Elements" erinnert.

"... Fließende und Fleischliche schließen gelegentlich Pakte. Wir kriegen was von euch, ihr kriegt was von uns. Realität gegen Fließendes Wort. Das heißt, wir können die Gesetze der Natur für euch ein wenig biegen, dafür kriegen wir was von eurer Realität ab. Wir existieren nämlich nicht von uns aus in dieser Welt. Nur durch euch." Er öffnete seine zweite Cola und beobachtete nun sie mit einiger Skepsis. "Du sagst gar nichts."
"Ich soll doch mit den Fragen warten, bis du fertig bist."
"Ach so, ja. Im Prinzip bin ich fertig."
Nicki zupfte an einem Salatblatt, das aus ihrem Wrap regte. Eine Weile schwiegen sie sich an.
"Das Rülpsen hat den Auftritt ruiniert, oder?", fragte er schließlich."

Auch das Zusammenspiel mit anderen Personen, Dialoge und anderes war irgendwie seltsam. So zum Beispiel ihren Mitschülerinnen und Mitschülern, mit denen man als Leser gar nichts anfangen kann. Die Personen, mit denen sie in der "Unwelt" gegen die Dämonen kämpft, Gretchen, Theo und Chips sind dagegen recht gut dargestellt, bleiben aber auch viel zu blass.
Das Schicksal der Figuren war mir irgendwann ziemlich egal und das ist eigentlich nie eine gute Voraussetzung für ein Leseerlebnis.

Das Ende ist nochmals sehr verwirrend und lässt einen mit vielen Fragen zurück, die vielleicht in einem weiteren Band beantwortet werden können. Ob ich dieses Buch lesen werde, ist dann schon eine ganz andere Frage. Ich denke, ich muss dieses Buch zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal wieder lesen und vielleicht verstehe ich dann mehr und es gefällt mir somit besser.


"Vertraust du mir?"
"Ha? Nein!"
 
 

Fazit:

Wenn ich an dieses Buch zurück denke, erinnere ich mich an einen einzigen Wirbel aus verschiedenen Farben, verworrenes Kuddel-Muddel, Sarkasmus und seltsame Formulierungen mit sehr viel Potenzial, das aber für mich etwas zu abstrakt und kompliziert war. Also eigentlich eine geniale Idee mit für ein Jugendbuch etwas mangelhafter Umsetzung.
 
 
Trotz der recht mittelmäßigen Bewertung würde ich das Buch dennoch an alle, die verstrickte, außergewöhnliche "Urban-Fantasy" lesen, weiterempfehlen!


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