Mittwoch, 29. Mai 2019

Montagsfrage 27.05.19

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Guten Morgen,
 
mal wieder etwas verspätet melde ich mich mit meiner Antwort auf die allwöchentliche Montagsfrage. Obwohl Abi-technisch jetzt alles rum ist bei mir und ich meine wohlverdiente Pause nur damit zubringe, mein Leben auf die Reihe zu bekommen und meine Zukunft zu planen, bin ich immer noch gestresst und kann einfach nicht abschalten. Vielleicht hilft mir ja ein bisschen Urlaub weiter - in zwei Wochen geht´s für mich nach Frankreich!
 
 

Was ist deine Lieblings-Dystopie und warum?

Diese Frage ist ziemlich schwierig zu beatworten, da ich schon wirklich unzählige Dystopien gelesen habe. Darunter fallen wirklich trashige Jugenddramen aus der Dystopien-Hype-Phase vor einigen Jahren, weltweite Mega-Bestseller und typische Klassiker wie "1984" oder "Brave new world", sodass mir die Entscheidung nicht leicht fällt. Eine gute Dystopie macht für mich aus, dass das dargestellte Szenario realistisch ist, also ein plausibler Zukunftsentwurf, der manche Punkte, die in unserer Gesellschaft nicht gut laufen, aufgreift, überspitzt und durch eine Geschichte in Kritik umwandelt. Was ich absolut nicht leiden kann, ist wenn die Dystopie in einen einzigen Sumpf aus Melancholie, Verzweiflung, Zukunftsangst und "Früher-war-alles-besser"-Denken ausartet. Die Geschichte darf schon mal düster sein, Angst machen, uns vor einer Entwicklung warnen, aber sie muss mir auch noch etwas sagen und konstruktives auf den Weg mitgeben können.
 
Ich gebe zu, ich habe in der Dystopien-Phase vor einigen Jahren etliche oberflächliche Geschichten gelesen, die irgendwann alle zu einer homogenen Masse verschwommen sind. Alle liefen in ungefähr so ab: Mädchen trifft Typen, Mädchen merkt, dass das System blöd ist, Mädchen und Typ schließen sich einer Widerstandsgruppe an und stürzen das System. Auch wenn der Unterhaltungswert relativ hoch ist, die Geschichte mitreißend und hochspannend geschrieben, die Protagonisten jung, stark und schön und die Ideen interessant sind, ist unter Geschichten wie "Die Tribute von Panem" "Ugly-Pretty-Special", "Die Stadt der verschwundenen Kinder", "Breathe", "Die Bestimmung", "Slated", "Starters-Enders", "Selection", "Beta", "Gebannt", "Das Licht von Aurora", "Die rote Königin", "Flammen über Arkadion", "Gen-Tattoo", "Renegades", "Wie Monde so silbern" oder "Legend"  selten etwas dabei gewesen, was mich wirklich beeindruckt hätte. Selbstverständlich habe ich diese Geschichte alle geliebt - zu ihrer Zeit - doch nur bei wenigen kann ich mich noch an die genaue Handlung erinnern.
 
Als ich meine Regale durchgegangen bin, bin ich jedoch auf drei Dystopien gestoßen, die aus der Masse ein wenig herausragen und mich ganz besonders gefesselt haben. Mein absoluter Dystopien-All-Time-Favorit ist auf jeden Fall unangefochten "Vollendet" von Neal Shusterman. Diese Reihe ist leider viel zu unbekannt und wurde erst kürzlich vom Fischer-Verlag neu aufgelegt. Schaut doch mal rein, es lohnt sich wirklich! Wir bekommen hier ein erschütternd reales Zukunftsszenario vorgesetzt, in dem es Eltern und Erziehungsberechtigten erlaubt ist, unerwünschte und störende Jugendliche zwischen dem dreizehnten und achtzehnten Lebensjahr nachträglich abzutreiben. Für Science-Fiction-Liebhaber und jeden anderen Leser und Nichtleser auf dieser Welt auf der Suche nach einer berührenden Message ist die Geschichte ein absolutes Muss!
 
Eine weitere  Dystopie der Extraklasse ist "Die Perfekten" von Caroline Brinkmann. Dieser Auftakt zu einer Dilogie verstört, berührt, fasziniert, bezaubert und begeistert indem er das Beste vieler bekannter Dystopien vereint und gebündelt mit vielen neuen Ideen in einem mitreißenden, spannenden und gefühlsbetonten Epos auf den Punkt bringt. Obwohl unsere Wirklichkeit (noch) nicht dem entspricht, was hier beschrieben wird, kann man sich doch zumindest vorstellen, dass wir uns irgendwann dorthin entwickeln könnten – und das ist eine unbehagliche Vorstellung, die genau das erfüllt, was ich mir von einer guten Dystopie erwarte: sie geht ins Herz, lässt die Hände zittern und das Hirn rattern. Eine düstere Geschichte voll Hoffnung, Andersartigkeit, Ungerechtigkeit und einem Kampf um Freiheit, die das komplexe Bild eines gespaltenen, verunsicherten Landes in einer Krise illustriert, die uns gar nicht so weit entfernt scheint. 
 
Meine letzte Empfehlung habe ich eigentlich gar nicht so gut bewertet, ist mir aber nachhaltig im Gedächtnis geblieben. "Walkaway" von Cory Doctorow ist eine schonungslose Analyse der gesellschaftlichen Probleme der Gegenwart und gleichzeitig ein hoffnungsvoller Ausblick der Humanismus und Digitalisierung zu einer spannenden Utopie verbindet. Viele interessante Gedanken und Visionen können jedoch leider nicht über eine riesige Überlänge und etliche Leseflauten hinwegtäuschen. Deshalb leider nur etwas für Interessierte mit sehr langem Atem!
 
Jetzt bin ich mal gespannt, was eure Lieblings-Dystopien sind...
 
Liebe Grüße
Sophia


Kommentare:

  1. Mh, ich schaue mir mal genauer an, was Du zu Walkaway geschrieben hast, ob es für mich in Frage kommt ... auch wenn es nicht wirklich eine Dystopie zu sein scheint ;)

    Viele Grüße
    Der Büchernarr Frank

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    1. Lieber Frank,

      ja tu das unbedingt! Die Geschichte hat so viele spannende Gedanken und unterschiedliche Facetten in sich - da lohnen sich die Längen auf jeden Fall!
      Ich würde sagen, die Grundwelt ist auf jeden Fall eine Dystopie, spannend ist aber, dass die Struktur der Walkaways und die Gasthäuser eher utopische Gesellschaften sind, was einen netten Gegensatz gibt. Ob nun Utopie oder Dystopie - Corry Doctorow beschäftigt sich auf jeden Fall mit Zukunftsversionen und das auf sehr lesenswerte Art und Weise!

      Liebe Grüße
      Sophia

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