Mittwoch, 4. Mai 2016

tschick




Allgemeines:
Titel: tschick
Autor: Wolfang Herrndorf
Verlag: Rowohlt Berlin (2010)
Genre: Roadnovel
ISBN: 978-3-87134-710-8 
Seitenzahl: 256 Seiten
Preis: 16,59 € (gebundene Ausgabe)
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Ausgezeichnet: mit dem deutschen Literaturpreis
in der Kategorie Jugendbuch 2011



Inhalt:

"Ein klappriges Auto kam die Straße runtergefahren. Es fuhr langsam auf unser Haus zu und bog in die Garagenauffahrt ein. Eine Minute stand der hellblaue Lada Niva mit laufendem Motor vor unserer Garage, dann wurde der Motor abgestellt. Die Fahrertür ging auf, Tschick stieg aus. Er legte beide Ellenbogen aufs Autodach und sah zu, wie ich den Rasen sprengte. "Ah", sagte er, und dann sagte er lange nichts mehr. "Macht das Spaß?"
Die Mutter in der Entzugsklinik, der Vater mit Assistentin auf Geschäftsreise: Maik Klingenberg wird die großen Ferien allein am Pool der elterlichen Villa verbringen. Doch dann kreuzt Tschick auf. Tschick, eigentlich Andrej Tschichatschow, kommt aus einem der Asi-Hochhäuser in Hellersdorf, hat es von der Förderschule irgendwie bis aufs Gymnasium geschafft und wirkt doch nicht gerade wie das Musterbeispiel der Integration. Außerdem hat er einen geklauten Wagen zur Hand. Und damit beginnt eine Reise ohne Karte und Kompass durch die sommerglühende deutsche Provinz


Bewertung:

"Tschick war mittlerweile hinten angekommen und aus dem Gang, durch den er gekommen war, wehte ein Geruch rüber, der mich fast umhaute. Eine Alkoholfahne. Ich saß drei Plätze vom Gang weg und hätte seine Getränkeliste der letzten vierundzwanzig Stunden zusammenstellen können, so roch meine Mutter, wenn sie ihren schlechte Tag hatte."

Ich finde, der kurze Ausschnitt oben sagt eigentlich das wichtigste über das Buch aus. Ich muss ehrlich zugeben, dass ich die meiste Zeit während dem Lesen nur eines gedacht habe: HÄ? Das ihr merkt, was ich meine, habe ich paar Zitate eingefügt.


Die leicht durchgedrehte Roadnovelle handelt von der ungewöhnlichen Freundschaft zwischen einem 14-Jährigen aus bürgerlichen Verhältnissen und einem verwahrlosten jugendlichen Spätaussiedler aus Russland Tschick. Es wird aus der Sicht von Maik Klingeberg, einem unsicheren Außenseiter, erzählt, der mit seinem schrägen Freund Andrej Tschichatchow, der von allen bloß Tschick genannt wird und ab und an besoffen ist, ein Abenteuer erlebt. Die Mutter in der Entzugsklinik, der Vater auf Geschäftsreise, so machen sich die zwei Freunde mit einem geklauten Lada auf den Weg in die "Walachei". Obwohl beide nicht genau wissen, wo die eigentlich liegt, sagt Maik nach kurzem Zögern zu, und eine Reise ins Ungewisse beginnt.


"Mein Großvater wohnt irgendwo am Arsch der Welt in einem Land, das Walachei heßt. Und da fahren wir morgen hin."


Mit der lockeren Sprache schafft Wolfgang Herrndorf eine ungezwungene und witzige Atmosphäre, was dazu führt, dass man das Buch nicht mehr so schnell aus der Hand legen will und in einem Rutsch durchliest. Es sind ja auch nicht viele Seiten. Man hat mit Tschick, Maik und den Leuten, denen die zwei Freunde auf ihrer Reise begegnen, authentische Charaktere, die manchmal aber leider so verrückt scheinen, dass man sich nur mäßig gut mit ihnen identifizieren kann. Maik äußert manchmal äußerst seltsame Dinge, bei denen man einfach nur lachen  muss. Seine Gedanken an denen er den Leser teilhaben lässt, sind nicht sehr lehrreich oder schlau aber einfach witzig.


"Wenn man keinen Spitznamen hat, kann das zwei Gründe haben. Entweder man ist wahnsinnig langweilig und kriegt deshalb keinen, oder man hat keine Freunde. Wenn ich mich für eins von beiden entscheiden müsste, wär’s mir, ehrlich gesagt, lieber, keine Freunde zu haben, als wahnsinnig langweilig zu sein."


Sie begegnen zum Beispiel einem schrägen alten Mann namens Horst Fricke, der mit einem Gewehr auf sie schießt, ihnen etwas zu trinken anbietet, eine Lebensweisheit erzählt und ihnen dann eine Art Zaubertrank mit auf den Weg gibt.


“Glaubt mir", sagte er, "ihr schließt ein Mal die Augen und öffnet sie wieder, und welk hängt das Fleisch in Fetzen. Die Liebe, die Liebe! Carpe diem.”   


Auch die verrückte Familie von Friedemann lernen die beiden auf dem Weg kennen und eine dicke Sprachtherapeutin, die Maik in Gedanken "Das Flusspferd" nennt und Tschick aus versehen mit einem Feuerlöscher den Fuß bricht.


„Ein Flusspferd brach vor uns durch die Buesche. Irgendwo in Deutschland, direkt an der Autobahn, in der völligen Einoedge, brach ein Flusspferd durchs Gebüsch und rannte auf uns zu“


Herrndorf stellt mit Tschick viele Themen und Probleme von Jugendlichen anschaulich und realistisch dar, von unerwiderter Liebe über Familienprobleme bis hin zu Kriminalität und Mobbing. Man erfährt viel über Tschick und seine Situation, die er ganz gelassen nimmt.


 “Du kannst nicht viel von deiner Mutter lernen. Aber das kannst du von deiner Mutter lernen. Erstens, man kann über alles reden. Und zweitens, was die Leute denken, ist scheißegal.”  


 Leider konnte ich zwischendurch die Handlung und auch die Personen nicht mehr ganz so gut nachvollziehen, da es für meinen Geschmack zu konfus wurde. Relativ schnell nach Beginn der Reise wird das Buch für mich dann zu unglaubwürdig, überzeichnet und wiederholend. Wenn man sich vor Augen führt, dass die beiden Jungen erst dreizehn sind, wirkt es doch sehr unwahrscheinlich, dass sie einfach so mit dem Auto durch die Gegend fahren. Auch dass sie sich nicht einmal wundern, warum der durchgeknallte Typ auf sie schießt, fand ich irgendwie seltsam.

Der Autor versucht außerdem eindeutig die Sprache der heutigen Jugend zu imitieren, was ihm jedoch meiner Meinung nach jedoch kläglich misslingt. Ich würde mich jetzt mal einfach so zu der Jugend zählen, aber bei manchen Sätzen habe ich mir schon Gedanken gemacht, ob das noch als Deutsch durchgeht. Die Dialoge zwischen den beiden Jungs sind genau so, wie sich ein Erwachsener, der schon lange keinen Kontakt mehr zu Jugendlichen hatte, das vorstellen würde und mir standen die Haare zu Berge.


„Was?“, rief ich.
„Ihr Schwachköpfe“, rief sie
„Bist du bescheuert?“
„Du hast mich gehört, Schwachkopf! Und dein Freund ist auch ein Schwachkopf!“
„Was ist denn das für eine Fotze?“, rief Tschick.
„Ihr seid doch zum Ficken zu blöd!“
„Steck dir’n Finger in‘ Arsch und halt’s Maul!“
„Russenschwuchtel!“
„Ich komm gleich rüber."



Was ich aber super finde, ist so eine Art Schluss von Maik aus der ganzen Sache.


"Seit ich klein war, hatte mein Vater mir beigebracht, dass die Welt schlecht ist. Die Welt ist schlecht, und der Mensch ist auch schlecht. Trau keinem, geh nicht mit Fremden und so weiter. Das hatten mir meine Eltern erzählt, das hatten mir meine Lehrer erzählt, und das Fernsehen erzählte es auch. […] Der Mensch ist schlecht. Und vielleicht stimmte das ja auch, und der Mensch war zu 99 Prozent schlecht. Aber das Seltsame war, dass Tschick und ich auf unserer Reise fast ausschließlich dem einen Prozent begegneten, das nicht schlecht war."


Genau wegen solchen Stellen des Lichtblicks in all dem verbalen Durchfall, habe ich das Buch dann aber doch noch ganz gut gefunden.


Fazit:

Wenn jemand auf spaßige, abgefahrene Abenteuerromane steht, ist er mit diesem Buch auf jeden Fall richtig. Ansonsten braucht man viel Toleranz und Durchhaltevermögen!





Hier der Trailer zum Film:

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